Helene Rickhard – Melodien für verschwommene Sommernächte

Mit „Everlasting High“ veröffentlicht die norwegische Produzentin und DJ Helene Rickhard ein Album, das sich zwischen Ambient, Synth-Pop, kosmischer Disco und verträumten Electronica-Landschaften bewegt. Die Künstlerin aus dem norwegischen Underground erschafft dabei ihren ganz eigenen Klangkosmos – geprägt von Erinnerungen, Emotionen und einer großen Liebe zu melodischen, atmosphärischen Sounds. Im Gespräch erzählt sie von ihren ersten musikalischen Gehversuchen mit Casio-Keyboards und Commodore-Computern, ihrer Jugend in Norwegen, dem Einfluss von DJ-Sets auf ihre Produktionen und warum sie Trends nur bedingt interessieren. Das Werk erscheint auf dem Osloer Label Snicksnack Music, dem Label von Ost & Kjex.

Du erschaffst schon seit einigen Jahren deine ganz eigene musikalische Welt. Wenn du zurückblickst: Was hat dich ursprünglich zur elektronischen Musik und zum Produzieren gebracht?

Schon sehr früh war ich fasziniert von elektronischen Sounds, Instrumenten und Maschinen allgemein. Ich wollte unbedingt einen Synthesizer haben und habe mit etwa zehn Jahren dafür gespart. Damals wusste ich aber noch nicht wirklich, was der Unterschied zwischen einem Synthesizer und einem Keyboard ist. Das Einzige, was ich mir im Musikladen leisten konnte, war deshalb ein Tonebank-Casio-Keyboard. Danach ging ich sogar eine Zeit lang in eine Roland Keyboard School und spielte dort kitschige Songs aus Richard-Clayderman-Keyboardbüchern. Aber das hatte natürlich überhaupt nichts mit den Sounds von Jean-Michel Jarre oder den anderen coolen Sachen zu tun, die ich aus Radio und Fernsehen kannte – das war also eher enttäuschend. Später erzählte mir dann mein Cousin von Sampling und Trackern und zeigte mir seinen Commodore 64 und die Sounds, die man damit machen konnte. Da wusste ich: Ich brauche einen Computer und einen Sampler.

Du hast vor Kurzem dein neues Album Everlasting High veröffentlicht. Wie spiegelt dieses Release wider, wo du kreativ gerade stehst?

Die Tracks auf dem Album sind inzwischen schon ein paar Jahre alt. Heute würde ich wahrscheinlich einiges anders machen, aber genau deshalb ist das Album auch eine Momentaufnahme dieser Zeit. Im Moment arbeite ich an neuen Tracks, die vielleicht etwas tanzorientierter sind, aber auch an Sachen, die stärker in eine Ambient- beziehungsweise Shoegaze-Richtung gehen.

Deine Musik bewegt sich zwischen vielen unterschiedlichen Stimmungen und Einflüssen. Was inspiriert dich normalerweise, wenn du neue Musik machst?

Meistens ist es irgendeine Emotion, eine Atmosphäre oder eine bestimmte Situation. Manchmal entsteht die Inspiration aber auch einfach nur aus einem Sound oder Sample selbst.

Hat das Aufwachsen in Norwegen Einfluss auf deinen Sound und deine Vorstellungskraft gehabt?

Ja, definitiv – sowohl im positiven als auch im negativen Sinn. Ich bin in einer sehr schönen kleinen Stadt an der Südküste Norwegens aufgewachsen, aber sozial war es dort nicht immer leicht, sich einzufügen. Die Region liegt sehr nah an dem Ort, aus dem das „Janteloven“ stammt, und wird hier in Norwegen auch als Bibelgürtel bezeichnet. Ich hatte das Gefühl, dass dort viele soziale Codes und Hierarchien existierten, die sich auch auf Musik übertragen haben. Viele Menschen hatten klare Vorstellungen davon, was man machen darf und was nicht. Deshalb habe ich mich musikalisch meist eher auf mich selbst und ein paar enge Freunde konzentriert.

Du bist sowohl als Produzentin als auch als DJ aktiv. Beeinflussen sich diese beiden Seiten gegenseitig?

Ja, auf jeden Fall. Nach DJ-Gigs komme ich oft sehr inspiriert nach Hause und diese Energie beeinflusst dann auch meine Produktionen. Außerdem hat mir das DJing geholfen, etwas objektiver auf meine eigene Musik zu schauen und sie nicht immer zu persönlich zu nehmen.

Deine DJ-Sets verbinden verschiedene Genres und Jahrzehnte miteinander. Worauf achtest du, wenn du nach Musik suchst?

Das ist ehrlich gesagt schwer zu beantworten, weil ich nach ganz unterschiedlichen Dingen suche. Wenn etwas keine Persönlichkeit oder Haltung hat, zu generisch oder zu perfekt klingt, interessiert es mich meistens weniger. Gleichzeitig versuche ich beim Diggen sehr offen zu bleiben und Musik nicht auszusortieren, nur weil sie aus dem „falschen“ Jahr oder Genre stammt. Ich glaube, Musik kann alle möglichen Emotionen transportieren und mit Menschen auf ganz unterschiedliche Weise resonieren. Selbst wenn mich ein Stück traurig oder sogar genervt macht, kann ich darin trotzdem etwas Wertvolles erkennen. Grundsätzlich mag ich aber Melodien und Vocals sehr gern. Viele meiner musikalischen Vorlieben stammen aus der Zeit zwischen 1978 und 1986 – ich liebe einfach den Sound dieser Jahre. Für DJ-Sets suche ich natürlich auch nach einer gewissen Tanzbarkeit, aber meine Definition davon ist ziemlich breit. Ein Dance-Track kann für mich auch langsam sein. Beim Vinyl-Digging suche ich oft gezielt nach Albumtracks. Gleichzeitig entdecke ich heute auch viel neue Musik über Bandcamp, weil dort unglaublich viele spannende Sachen erscheinen.

Bist du bei diesem Album anders vorgegangen als bei deinen früheren Veröffentlichungen?

Einige Tracks entstanden ursprünglich als Versionen für ein Live-Set, das ich zusammen mit meinem Freund Thomas Grødal kurz vor der Pandemie gespielt habe. Während des Lockdowns habe ich sie dann fertiggestellt und zusätzlich neue Stücke begonnen. Ursprünglich war das Ganze nur als EP geplant, aber Tore Gjedrem vom Label Snicksnack Music schlug vor, daraus ein komplettes Album zu machen. Es war außerdem das erste Mal, dass ich ein ganzes Album mit Gesang und Lyrics gemacht habe – und ich bin eigentlich überhaupt keine Sängerin. Deshalb war das teilweise ziemlich einschüchternd. Gleichzeitig war es aber auch eine großartige Lernerfahrung, und ich glaube, dass mir der Prozess beim nächsten Mal leichter fallen wird. Große Hilfe bekam ich auch von Matthew Styles-Harris beim Mixing sowie vom Label bei der Reihenfolge der Tracks.

Welche Stimmung oder welches Gefühl sollen die Menschen nach dem Hören von Everlasting High mitnehmen?

Im Idealfall regt das Album vielleicht dazu an, über die Entscheidungen nachzudenken, die wir Menschen Tag für Tag treffen – und wohin sie uns langfristig führen. Auch darüber, wie wir mit anderen Lebewesen auf diesem Planeten zusammenleben. Aber letztlich entscheidet natürlich jede hörende Person selbst, welche Gefühle die Musik auslöst.

Die elektronische Szene bewegt sich heute extrem schnell. Wie bleibst du mit deiner eigenen künstlerischen Identität verbunden?

Ich lebe musikalisch ehrlich gesagt ziemlich in meiner eigenen Bubble, deshalb beeinflussen mich Trends oder Veränderungen in der Szene nicht besonders stark. Ich versuche offen für Veränderungen zu bleiben und viele verschiedene Genres wertzuschätzen, auch wenn ich sie selbst vielleicht nicht spielen würde. Natürlich muss man sich manchmal trotzdem ein wenig anpassen. Nach der Pandemie hatte ich zum Beispiel das Gefühl, dass viele Menschen schnellere Tempi und härtere Sounds wollten. Da fand ich es spannend zu schauen, welche Tracks aus meiner Sammlung in diesem Kontext funktionieren könnten.

Worauf freust du dich in der zweiten Hälfte von 2026 am meisten?

Ich habe noch gar nicht so viele konkrete Pläne. Ich freue mich aber darauf, den Sommer in Norwegen zu verbringen, hier und da ein paar Platten aufzulegen und vor allem neue Musik zu machen.