Fotocredit: Alex Kleis


Aufgewachsen ist der Mitte der 90er-Jahre geborene Holly North an der Ostseeküste, wo er bereits früh mit Musik in Berührung kam. Seit seinem siebten Lebensjahr am Cello, mit 14 erste Auftritte am E-Bass mit Band und Ensembles; zeitgleich widmete er sich dem Klavier, um mehr Verständnis über die bis dato eher intuitiv umgesetzten Sachen zu generieren. Norddeutsche Entschlossenheit eben. Anschließend zog es ihn für zwei Jahre nach Brooklyn, New York, wo erste Berührungspunkte mit elektronischer Musik und der Szene im Allgemeinen folgten. Nur kurze Zeit später mündete die Musikalität des Vollblutmusikers in erste Veröffentlichungen auf nicht gerade unbekannten Labels wie Bar25, Traum Schallplatten und Curiosity Music. Nicht selten arbeitet North auch an genreübergreifenden Kollaborationen mit Künstlern und Bands. Im Februar zeichnet er für die Single „Youth“ bei der ton töpferei aus Berlin verantwortlich.

Genau dort wohnt Holly mittlerweile auch, wo er dieser Tage an seinem Debütalbum sowie an der Konzeptionierung seiner neuen Liveshow arbeitet. Bei letzterer stehen stets die verschiedensten Instrumente – sowohl akustisch als auch elektronisch – im Mittelpunkt. DJ war Holly North zu keinem Zeitpunkt, vielleicht kam ihm diese Tätigkeit genauso eindimensional vor wie die Idee eines herkömmlichen Musikstudiums: „Ich wurde zwar klassisch ,ausgebildet‘, habe mich dann aber relativ früh gegen ein Klassik-Musikstudium entschieden, da es mir für meine Interessen ein wenig zu engstirnig vorkam. Ungefähr in der Zeit, als ich als Teenager dann E-Bassist einer Band war und nebenbei auch ein bisschen Klavierunterricht hatte, ging es auch mit der elektronischen Musik los.“

Neben den bereits erwähnten Releases folgten gefeierte Shows quer durch die Republik, darunter als Teil einer Reihe von Underground-Kollektiven wie Love Foundation und Meer Bass. Nun hat sich Holly North der ton töpferei angeschlossen, wo „Youth“ als eine Art Vorbote zur dazugehörigen EP „Visionary“ in wenigen Monaten dient: „Ich finde es toll, dem Track damit einen separaten Veröffentlichungsrahmen und somit auch Aufmerksamkeit geben zu können. Ich sehe ,Youth‘ als eine Art Präludium, das ein paar Monate alleine erzählt werden wird, bis es schließlich mit den drei restlichen Stücken zu einer EP vervollständigt wird.“ Und so wird das Cello ebenfalls – wenn auch kurz – zu hören sein. Die Zusammenarbeit mit dem Label empfand Holly bei diesem Projekt als entspannt und professionell zugleich: „Ich als Künstler bin in allen Schritten involviert und kann gleichzeitig jederzeit neue Ideen einwerfen und somit das Label auch mitgestalten. Während mir nur eine Handvoll kleinere Labels einfallen, die so einen klar ausgeprägten melodisch-angetriebenen Stil aufweisen, steht ton töpferei auch dafür, viele junge talentierte Musiker*innen zusammenzubringen. Ich freue mich darauf, Teil des Teams zu werden.“

Ebenfalls veröffentlicht wird im Rahmen der Single am 5. Februar auch sein dazu passender Avatar – den Hintergrund dazu erfahrt ihr auf der nachfolgenden Seite im Interview mit Leon von der ton töpferei – auf den Holly nur bedingt Einfluss hatte: „Kevin, der Illustrator, hat lediglich basierend auf unserer Musik und ein paar Infos von uns unsere Figur entwickelt. Und das fasziniert mich. Es ist schön zu sehen, welche Gefühle und Fantasien meine Tracks bei jemandem auslösen können und was die eine Kunstform in der anderen bewirken kann. Mein Avatar sehnt sich nach Freiheit und Leichtsinn und passt so sehr gut zu der melodisch-triumphalen Atmosphäre und dem Gefühl, das ich mit ,Youth‘ vermitteln möchte.“ Dieses Gefühl vermittelt der Norddeutsche auch in seinem Liveset, in dem sich der Track mit seinem atmosphärischen Sound auf satten Festival-Anlagen mit Sicherheit besonders gut entfalten wird: „Genauso kann ich das Stück aber auch morgens zwischen vier und fünf Uhr im Club spielen. Für mich macht der Reiz des Live-Spielens ja gerade aus, dass ich jeden Track ständig und orientiert an den Moment verändern kann. Indem ich die Idee eines Tracks mit der eines anderen verbinde, kann ich schließlich immer wieder einen völlig neuen kreieren. Ich finde es schrecklich, wenn Songs als Teil von Livesets genau so fertig und vorhersehbar klingen wie auf Spotify. So wird auch die Live-Version von ,Youth‘ niemals zweimal identisch klingen.“

Aktuell hat Holly North sein Debütalbum fertiggestellt, das in wenigen Wochen auf 3000Grad veröffentlicht wird. Die Arbeiten daran begannen bereits vor rund einem Jahr und laufen bislang zufriedenstellend: „Das Album offenbart Ausschnitte von Gedanken eines jungen Erwachsenen als Teil einer widersprüchlichen Welt und Gesellschaft und kann so sowohl zu Hause als auch im Club gehört werden. Mit den 3000Grad-Menschen habe ich dafür tolle Leute am Start, die meine Musik und meine Ideen als junger Musiker unterstützen. Die Tracks sind soweit alle fertig und sollen im Frühling rauskommen. Es wird also langsam aufregend!“ Veröffentlicht wird das Werk mit an Wahrscheinlichkeit grenzender Sicherheit noch inmitten der anhaltenden Pandemie. Eine Zeit, die selbstredend auch nicht an Holly spurlos vorbeigeht: „Wie viele schmerzt mich besonders der Gig-Ausfall, vor allem deshalb, weil ich im vergangenen Sommer die ersten größeren Festival-Gigs gespielt hätte. Gleichzeitig ist in der Zeit innerhalb der Szene viel neue Musik entstanden, worin wiederum der Reiz dieses Ausnahmezustands bestehen könnte.“ So stelle sich bei ihm das Gefühl ein, dass der Sound an manchen Stellen experimenteller geworden ist: „Durch den pausierten Clubbetrieb werden zunehmend auch Genre-Schubladen hinterfragt, finde ich. Dies könnte letztendlich zu einer neuen musikalischen Qualität innerhalb der Szene führen.“ Generell hofft er auf mehr Solidarität innerhalb dieser, führt er an: „Wenn diese Krise nämlich eins bestätigt hat, dann, dass eine Gesellschaft ohne Solidarität nie auskommen wird, zumindest keine gerechte. Ich würde mir wünschen, diese Solidarität ,nach‘ der Krise auch in anderen Bereichen zu sehen und fordere von der Gesellschaft, und dazu gehört selbstverständlich auch die Musikindustrie, ihr Bewusstsein für Ungleichheiten über Grenzen hinweg zu erweitern, ob für die Klimakatastrophe oder das Sterben auf dem Mittelmeer.“

Neben den Vorbereitungen zum ersten Langspieler arbeitet Holly North dieser Tage an einem Musikvideo sowie einem Kurzfilm, kollaboriert mit einigen Sänger*innen und arbeitet an einem genreübergreifenden Projekt mit seinem Bruder: „Und sonst gibt es lange Spaziergänge, gute Bücher und viel Zeit mit lieben Menschen … oh Gott, klinge ich alt.“

 

Aus dem FAZEmag 108/02.2021
Text: Triple P
Foto: Alex Kleis
www.facebook.com/hollynorthmusic

Das könnte dich auch interessieren:
Monumental Men – keine Krise in der Krise – ein Interview
Im Interview: Powerfrau Maarta über ihren Remix zu Valentins Single „Drogen Nehmen“
DJ Hell über die Anfänge – ein Auszug des Interviews zu „House Music Box“