Vor über vier Jahren startete DJ und Producer Marc DePulse – nebenbei auch FAZE-Kolumnist – seine Podcast-Reihe „How I Met The Bass“. Bei diesem Podcast geht es nicht um die neuesten und angesagtesten Tracks der Stunde, sondern darum, eine Geschichte zu erzählen: Wie DJs mit elektronischer Musik in Kontakt gekommen sind und welche Tracks ihre spätere Karriere beeinflusst haben. Dafür lädt der Leipziger regelmäßig Gäste ein. Los ging es im Januar 2015 mit Kevin Over, zum 150. Jubiläum liefert nun die Französin Kittin ihre ganz persönlich Story ab und erzählt uns im Interview, wie sie dem Bass begegnet ist …

 


Was für einen Einfluss haben die Tracks für den Mix auf deine Karriere gehabt? Also: wie bist du zu elektronischer Musik gekommen, beziehungsweise wie bist du dem Bass begegnet?

Ich begegnete dem Bass in unserem lokalen New-Wave-Club in Grenoble, der 1989 die erste elektronische Musikparty veranstaltete. Es war sehr schlechte Musik, spanischer Bacalao (Anm. d. Red.: Slangausdruck für Progressive Techno) von einer Gruppe tourender DJs.

Wie ich dann schließlich wirklich den Bass getroffen habe, das war kurz nach unserer ersten Rave-Party in einer kleinen Stadt in der Nähe, als wir zum ersten Mal auch einen Flyer in der Hand hatten – „Rave Virus“. Wir waren alle zusammen mit The Hacker im Auto – der gleiche Freundeskreis wie heute noch. Diese Nacht hatte einen großen Einfluss auf mein Leben. Wir gingen zu einer Afterhour, und als ich wieder nach Hause kam, packte ich meine Sachen und ging fort. Ich erinnere mich, dass ich mir sagte: ‚Wie willst du danach mit dem so genannten normalen Leben umgehen?‘ Ich wusste, dass ich sehr hart arbeiten müsste, um meinen eigenen Weg zu gehen und ich wusste, dass ich Entscheidungen treffen müsste, die meine Familie verletzen würden, aber ich war wild entschlossen, frei zu sein. Die gleiche Freiheit, die ich fühlte, als ich an diesem Abend ununterbrochen zu dieser Musik tanzte.

Mein Mix basiert auf diesen Erinnerungen an die frühen Rave-Jahre – die Begeisterung und Freiheit jedes Raves, jeder Reise, jedes DJs, jeder Platte. Unmöglich, das in einem einstündigen Mix zu packen, aber der Track „Pioneers Of The Universe“ von The Hypnotist zum Beispiel – in der Mitte des Mixes und auch der längste –, katapultiert mich zurück zu einer besonderen Party im Jahre 1993, den Docks in Marseille. CJ Bolland spielte live, zwischen Robert Liner (The Source Experience) und großen belgischen DJs wie The Fly oder Yves de Ruyter.

Ich habe auch Tracks benutzt, die ich vor und nach einer Party zu Hause mit Freunden gehört habe – von LFO, Aphex Twin, Lhasa oder B12. Die frühen Warp-Records-Sachen haben mich massiv beeinflusst, wie zum Beispiel auch die Compilation „Artifical Intelligence“, die ich mir heute noch anhöre.

Als ich mit dem DJing anfing, spielte ich sehr hart, viel Acid, aber ich habe immer versucht, mittendrin einen Leftfield-Tune zu spielen, von Autechre, Boards of Canada oder The Prodigy. Eine Herausforderung, die ich mir die ganze Zeit beibehalten habe.

Eine Stunde ist wirklich zu kurz, ich wollte eigentlich auch frühe House-Tracks spielen, aber ich bin definitiv ein Rave-Kind. Ich hätte auch Gat Decor mit einbeziehen können – immer in meiner Plattentasche –, aber da ihn viele DJs spielen, konzentrierte ich mich auf mehr vergessene Tracks.

Den Bass zu treffen bedeutet in meinem Fall: Ich habe Musik verstanden. Zum ersten Mal. Ich analysierte Sounds, schloss die Augen und sah Formen, Farben, die meinen Intellekt stimulierten. Ich lebte den Klang, ich war zum ersten Mal kein passiver Zuhörer mehr.

Was mir aufgefallen ist, wenn ich jetzt darüber schreibe: Viele Menschen haben nicht diese Beziehung zur Musik. Sie spielen nur kommerzielles Material aus dem Radio, fühlen sich aber nicht tief in diese unglaubliche Empfindung hinein. Ich fühle mich sehr wohl. Trotzdem wollte ich nie Musiker oder DJ werden, aber es hat mein Leben verändert. Großartig.

Seit nunmehr 25 Jahren spielst du rund um den Globus. Welche Orte und Erfahrungen waren für dich herausragend?

Das ist unmöglich, zu beantworten – zu viele, um sie aufzuzählen …

Es kam vor, dass ich vor lauter Emotionen weinte. In Barcelona, in den großen Jahren des Razzmatazz, sangen die Leute so laut und leidenschaftlich mit, dass ich die Musik unterbrechen musste und ihnen zuhörte. Oder letztens, als ich sechs Stunden lang back2back mit Marcel Dettmann in der Panorama Bar aufgelegt habe. Ich hätte nie gedacht, dass ich das in meiner Karriere noch einmal erleben könnte.

Ich hatte auch meine besten Erfahrungen vollkommen außer Rand und Band: Live mit The Hacker in Benicassim, als ich die Show fast wegen des Verkehrs verpasst hätte, da musste ich in der Hitze mit Bikerboots durch die Seitenstraße laufen, kam fast ohnmächtig auf der Bühne an, warf meine Stiefel ins Publikum, da meine Füße so sehr schmerzten und machte die ganze Show barfuß. Volles Haus.

Oder die Loveparade 2001 an der Siegessäule. Eine Million Menschen und durchs Mikrofon wirst du angesagt: „Miss Kittin, Grenoble, Frankreich.“ Mein Vater sah mich zum ersten Mal spielen, das war für ihn ziemlich lebensverändernd – mit der Erkenntnis, dass ich für einen Raver ziemlich gut war.

Die frühen 90er-Jahre, als du angefangen hast, Musik zu machen, im Vergleich zu heute – wie würdest du die Entwicklung der elektronischen Musik beschreiben? Und wie würdest du deinen Teil dieser Entwicklung beschreiben?

Die Entwicklung ist sehr logisch. Es ist bis heute die letzte große musikalische Revolution, mit der damit einhergehenden Globalisierung. Und auch der technische Fortschritt: Vergessen wir nicht, dass unsere von der Szene entwickelten Tools in jedem einzelnen Bereich der Musikindustrie, in Aufnahmestudios, Mastering usw. eingesetzt werden – ein großer Beitrag. Elektronische Musik veränderte das Gesicht der Musik und des Musikmachens und DJs sind die neuen Rockstars – sowohl mit ihren positiven als auch negativen Aspekten.

Mein Beitrag? Nun, das liegt wirklich nicht an mir, das zu benennen …
Mit dem gewissen Abstand sehe ich jetzt, dass The Hacker und ich wahrscheinlich eine besser zugängliche Brücke zwischen New Wave, Rock, Punk und Electronic geschaffen haben. Soll heißen: Als die Rave-Kultur auftauchte, wollten viele Techno-Fans kein „Konzert“ in einem Club sehen wollten und sich von ihren 80er-Jahren-Wurzeln abwandten und die meisten Rock-Leute hassten Techno. Und dann plötzlich änderte sich das. Die LGBTQ-Bewegung war aber immer an Bord, sozusagen der Zement der Veränderung. Ich sage das, weil ich viele Partys sehe, die Rock, New Wave, Punk und Electro gewidmet sind, auf denen unsere Musik gespielt wird. Es ist wirklich faszinierend für uns, dass unsere Musik in solchen Retro-Nächten neben der von Joy Division auftaucht!

Du hast viele Künstler kommen und gehen sehen. Was ist heute noch deine Motivation, in diesem modernen Business Musik zu machen?

Meine einzige Motivation ist: Habe ich etwas zu sagen? Was soll ich sagen? Was fühle ich als Mensch in dieser Welt und wie kann ich es anderen gegenüber wertvoll ausdrücken? Das ist sehr introspektiv, aber stark mit dem verbunden, was um mich herum ist. Das ist die grundlegende Rolle eines Künstlers: eine Vision anzubieten, die andere ansprechen kann. Es ist unsere Gabe und Mission. So lange ich noch etwas zu sagen habe, mache ich weiter. Aber seit ich angefangen habe, weiß ich, dass es auch jeden Tag vorbei sein kann. Ich habe eine sehr unabhängige Beziehung zur Musik, aber eine abhängige Beziehung zur Kunst im Allgemeinen! Ich habe keine Angst vor dem Altern, ich hatte meinen Hype vor langer Zeit. Aber solange ich kann, verlasse ich mich auf meine Einzigartigkeit, um produktiv und frei zu sein!

Was für Kittin-Projekte sind für demnächst geplant?

Ich arbeite gerade hart an etwas ganz Klassischem. Fortsetzung folgt …

 


 

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