Marc DePulse – aus dem Leben eines DJs: I love my Job

Es ist eine Weile her, als ich bei meinem alten Herrn auf der Couch saß und wir beim zappen durch das TV-Programm plötzlich bei Matthias Reim hängen geblieben sind, der im Fernsehgarten sein neues Album vorstellte. O-Ton meines Vaters: „Diesen Opa will doch keiner mehr sehen!“ – „Hat der nicht schon genug Kohle verdient?“ – „Will der nicht langsam mal abtreten?“. Long story short: Der Abend wurde diskussionsreich.

Zugegeben: Auch die Legenden unserer Musikszene bewegen sich fernab ihrer jugendlichen Blüte, sind bei ihren Gigs die mit Abstand ältesten Menschen. Doch DJs sind bekanntlich wie ein guter Wein: Je älter, desto besser. Gibt es ein Verfallsdatum für Musiker? Geht man ab einem gewissen Alter in Rente? Natürlich nicht. Man macht sein Ding, solang man will. Und kann. Und dabei geht es weniger ums Geld, mehr um die Leidenschaft zur Musik. Denn auch für den alten Papi auf der Bühne ist das nicht nur ein Beruf, sondern eine Berufung. Außerdem: ob jung oder alt ist egal – es gibt nur gut oder schlecht.

Ich liebe meinen Job. Das als Musikproduzent und DJ im Jahr 2020 zu sagen, hat eine gewisse Note. Ich habe mich vor einigen Jahren bewusst dazu entschieden, alles auf eine Karte zu setzen und meinen Büro-Job gegen das bunte Treiben einzutauschen. Aber ich bin diesen Schritt nicht gegangen, um jetzt wieder alles über einen Haufen zu werfen, nur weil wir mal eben vom Netz genommen wurden oder seitens der Politik gar zum Umdenken bewegt werden. Sich einen neuen Job suchen? Mit der Partnerin zu Hause tanzen? Polemisch. Denn trotz Sperrstunden, Clubschließungen und einhergehenden Auftrittsverboten ist das immer noch unser täglich Brot, in dessen prächtigen Jahren wir auch fett Steuern und Abgaben gezahlt haben. Um nun allein gelassen zu werden?

Musik begleitet mich seit meiner Kindheit. Im Alter von 19 Jahren habe ich begonnen, meine ersten eigenen Tracks zu produzieren und hatte immer den leisen Traum, eines Tages davon leben zu können. Mein Hobby zum Beruf zu machen. Wenn man mich heute nach der besten Entscheidung meines Lebens fragt, gehört das zu den Top 3. Für dieses Ziel habe ich jahrelang wie besessen daran gearbeitet, mir eine Marke aufzubauen, mich zu entwickeln. Zeiten, die mal mehr, mal weniger zielführend waren. Ich habe viele Sachen probiert und wieder verworfen, Zeit verschwendet aber irgendwie auch nicht. Schließlich reift man mit jeder Erfahrung, lernt aus jedem Fehler. Für diese Arbeit ist man Freigeist. Es gibt keine Dienstanweisung, Arbeitsanordnung, Handbuch. Man braucht nur sein Köpfchen und sein Herz. Und seit diesem Jahr auch ein dickes Sparbuch und viel Schokolade.

Aber was tun, wenn man für das alles gerade nichts kann? Täglich liest man in den Gazetten, dass die Zahlen steigen. Ja, aber nicht die auf meinem Konto. Die Veranstaltungsbranche und darunter zigtausende Solo-Selbständige werden hängen gelassen. Hier und da helfen kleine (zweckgebundene) Zuschüsse, aber von dem Geld darf ich mein Privatleben nicht finanzieren. Von einer vernünftigen Zukunftsplanung mal ganz zu schweigen. 2020 schon mal an die Rente gedacht?

Natürlich ist man als Selbständiger ein Kämpfer, erst recht, wenn man für die Leidenschaft seines Lebens brennt. Mal übergangsweise jobben? Sicherlich kein Problem. Es ist vermutlich die Perspektive, die neben der staatlichen Hilfe fehlt. Zu schnell wurde aus dem Luxusgut Kultur eine komplett streichbare Komponente. Nur vergisst man hinter all den Einschränkungen und flotten Sprüchen schlichtweg den Menschen.

Ich für meinen Teil habe Frieden mit 2020 geschlossen und werde es wohl mit großen Teilen von 2021 auch tun. Dafür liebe ich den mir geschaffenen Kosmos viel zu sehr und kann mich ständig neu erfinden. Meine grauen Haare verraten: Das hält mich frisch zwischen den Ohren. Harren wir also der Dinge, die da kommen oder schreien uns den Frust von der Seele. Jeder öffnet da sein ganz eigenes Ventil. Egal ob jung oder alt.

 

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Der DJ als Entertainer
 
Most wanted: Booker

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Stimmungsbericht aus dem „Kriegsgebiet“
Stimmungskiller für einen DJ
Hey, DJ! Mach doch mal lauter!!!
Das Publikum aus DJ-Sicht

 

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Foto: Klunkerkranich/Berlin