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Skull Sized Kingdoms haben jüngst einen neuen Song namens „Crastination“ releast. Heute hatte das Musikvideo zur Single auf YouTube seine Premiere.

Wer verbirgt sich hinter dem Kollektiv, wie macht man elektronische Musik in einer Band und was für positive Dinge kann man der sonst so gefürchteten Prokrastination abgewinnen? Hannes Hümmer, Tim Schleicher, Johannes Weichelt, Jan Kerscher und lazerozen beantworten uns im folgenden Interview ausführlichst unter anderem diese Fragen.

Was für eine musikalische Vorgeschichte habt ihr und wie habt ihr zueinander gefunden?

Hannes: Angefangen hat das Projekt bei mir als ich im sequencer.de-Forum eine gebrauchte Electribe ESX gekauft habe und festgestellt hab, dass Musik machen nicht immer eine Bandsache sein muss, wie ich es davor von meiner Post-Hardcore Band A Saving Whisper kannte. Dann bin ich 2015 bei Ableton Live gelandet, wo ich dann erste Jams mit Samples und Synthies recorded habe. Da war ich noch sehr inspiriert von den älteren Mount-Kimbie-Platten, wie die “Crooks & Lovers”, weshalb mein Anspruch auch immer war, experimentell etwas neues zu machen, was den Hörer genauso flasht, wie mich dieser verspielte Mount-Kimbie-Sound. Der Sound von A Saving Whisper ist da doch etwas düsterer. So wollte ich mich da auch bewusst für etwas anderes öffnen und damit blieb ich dann auch nicht lange allein.

Tim: Als ich mit meiner Band Leak im Ghost City Studio war hab ich Hannes kennengelernt und dabei waren wir musikalisch ziemlich auf einer Wellenlänge mit John Talabot und Nicolas Jaar ect. Und kurz darauf sind wir uns nochmal zufällig begegnet und haben uns auf unsere erste gemeinsame Session in Hannes altem Proberaum verabredet, wo wir mit Gitarre, Microkorg und einem Koffer voll Effekten unseren ersten Track gemacht haben, den wir allerdings nur auf Soundcloud veröffentlicht hatten, da wir noch auf der Suche nach unserem eigenen Sound waren. Irgendwie ergaben sich dann recht schnell Auftrittsmöglichkeiten, ohne danach zu fragen. So haben wir dann öfter in Nürnberg gespielt und auf ein paar kleineren Festivals.

Hannes: Im Frühjahr 2019 haben wir zugesagt Arms & Sleepers im Stereo zu supporten. Allerdings hätte ich den Auftritt dann solo spielen müssen, weil Tim in Vietnam im Urlaub war. Dann hab ich zufällig Albert am 1. Mai im Park getroffen, mit dem ich bisher nicht intensiver zu tun hatte und wir haben uns letztendlich verabredet, mal das 30-minütige Set für die Supportshow mit Albert am Bass zu spielen. Da ich eh gerade dabei war, das Liveset neu zu arrangieren, hat das dann auch gut zusammen geklappt und als Tim wieder aus dem Urlaub zurück war, waren wir zu dritt und hatten kurz darauf das nächste Set. In dem Jahr hatten wir dann noch die Möglichkeit, auf dem Brückenfestival zu spielen, woraufhin wir sofort losgelegt haben weitere Tracks und ein neues Set zusammen zu gestalten. Dabei haben wir dann verschiedene Synthesizer, Effekte und Routings ausprobiert. Das war dann alles noch work in progress und wir haben auch festgestellt, was für einer besondere Herausforderung es ist, als elektronische Band die Live-Mischung zu kommunizieren. Aber es hat sich auf einmal wieder so ein Bandgefühl ergeben und dann waren wir auch schon bald zu viert.

Johannes: Also man kannte sich schon etwas länger, wirklich aufeinander aufmerksam geworden sind wir dann auf einem Festival auf dem SXSXK und ich mit meinem Solo Projekt gespielt haben. Da kamen schon die ersten “ey, lass mal was machen”-Gedanken auf. Im Winter darauf hab ich die Jungs dann für einen Konzertabend gebucht und war spätestens von da an absolut überzeugt von der Mucke und dem Live-Konzept. Im Frühling darauf, nach dem ersten Lockdown, wollte Tim mal meinen Synthesizer (Deepmind) ausprobieren und ich von Hannes mal etwas in so ein Ableton-Live-Set eingeführt werden, also haben wir uns einfach zu dritt getroffen. Rausgekommen ist dabei unsere Single “While I Sleep” und es war um uns geschehen.

Jan: Ich produziere seit 12 Jahren hauptberuflich Musik, betreibe das Tonstudio Ghost City Recordings, in dem ich mit nationalen und internationalen Künstlern zusammenarbeite und veröffentliche meine eigene Musik unter dem Moniker “Like Lovers”. Ich kenne Hannes (Hümmer) schon seit langen Jahren und habe ihn hauptsächlich als Sänger in seiner alten Band kennengelernt und auch dort schon studiomässig mit ihm zusammengearbeitet. Als Skull Sized Kingdoms noch in Kinderschuhen steckte und vorrangig Hannes persönliches Projekt zur Entdeckung neuer musikalischer Wege war, habe Ich das aus erster Hand mitbekommen und immer aufmerksam verfolgt. Aus dieser mittleren Entfernung war es für mich umso interessanter, diese Expansionsschritte bis hin zum großen Kollektiv zu beobachten. Dass Ich jetzt hier mitmache, hat sich irgendwie ganz natürlich ergeben. Irgendwie wurde Ich durch meinen musikalischen Beitrag auch automatisch Teil des Projekts. Gerade auch durch die Produzentenrolle, in der Ich dann doch recht viel Einfluss auf den endgültigen Sound hatte.

lazerozen: Ich habe die Band als allererstes live gemischt, als wir sie auf unser Brückenfestival gebucht haben. Danach hatten wir einige Shows, bei denen ich dann meistens die Live-Visuals übernommen habe. Da wir über die Jahre gute Freunde geworden sind, wäre es totaler Quatsch gewesen, für das Album nicht weiter zusammenzuarbeiten. Ich kümmere mich um absurden visuellen Kram, der ganz fürchterlich viel Zeit frisst.

Wer nimmt welche Rolle beim Musizieren bzw. bei der Realisation von Projekten ein? Wer spielt welches Instrument bzw. bedient welche Hardware, wer ist der Texter?

Jan: Bisher war das immer ein sehr flüssiger und dynamischer Prozess. Meistens dient die Skizze von dem einen oder dem anderen für Hannes als Ausgangsversion. Diese kommen in unterschiedlichsten Arbeitsständen. Manchmal ist es ein Loop, manchmal ist es ein mehr oder weniger fertiges Arrangement. Diese Zwischenstände landen oft sehr schnell in einer unserer Kommunikationsgruppen. Ab da ist dann alles sehr freestyle und jeder macht das, was sich gerade gut anfühlt. Hannes und Hannes liefern das Meiste an Synths, drehen Knöpfe und schreiben Lyrics. Albert spielt Bass. Ich produziere und mische. Tim ist der Rick Rubin im Kollektiv. Er sitzt meistens auf der Couch und sagt, was er gut findet und wo er noch Innovationspotential sieht. Auch was die Energie im Raum betrifft ist er definitiv unsere gemeinsame Erde!

Wie entstehen bei euch Songideen?

Hannes: Die Ideen entstehen teilweise allein, wenn ich oder Johannes gerade einen spannenden Sound gefunden oder ein Synthie-Patch erstellt haben. Manchmal kommen die entscheidenden Momente aber auch zusammen, wenn wir uns treffen und Musik hören und darüber reden, welchen Sound wir gerne machen. Aber egal, ob alleine oder zusammen, der nächste Schritt ist immer eine Recording/Mixing-Session, bei der das Arrangement konstruiert wird und wir uns austauschen. So entsteht dann Schritt für Schritt ein neuer Track. Bei den letzten Tracks sind wir mit den Einzelspuren und unserer Hardware zu Jan ins Studio gegangen, wo wir die Tracks nochmal komplett neu bewertet und verfeinert haben. Da haben wir das Studio in einen riesigen Sound-Spielplatz verwandelt und von dort unsere Ideen mit in die Regie gebracht, wo dann die Magic entstand, als wir zusammen um die Idee des Tracks rangen und die Mischung voran brachten. Mit jeder Stufe kommen wir in dem Prozess des finalen Tracks, der uns alle abholt, immer ein Stück näher.

Und wie wird das Ganze dann als Video umgesetzt?

lazerozen: Zuerst sprechen wir alle miteinander und sammeln Ideen. Unser Videoteam ist sehr flexibel, wir haben Albert mit Design- und Videoproduktionserfahrung, Hannes mit Medientechnik und Gestaltung, Jan mit einer guten synästhetischen Vorstellung, wie Musik zu Bild werden kann und mich – ich kann gut mit Computern und bringe frickelige Render- KI- Live-Visuals- und Effektmöglichkeiten mit. Wer dann jeweils Regie führt, schneidet oder über wie viele dutzend Stunden eine Grafikkarte zum Schmelzen gebracht wird, wechselt bei jedem Video.

In eurer neuen Single „Crastination“ greift ihr das Thema Prokrastination auf. War die Single etwas, was spontan, ohne Planung entstanden ist, nachdem ihr länger nicht mehr tätig gewesen seid, habt ihr das Projekt aufgeschoben oder wie kam es zu der Songidee und gerade der Thematik mit dem Titel?

Hannes: Eigentlich ging die erste Version total schnell. Ich hatte eigentlich an einer Studienarbeit arbeiten sollen, aber ich hatte so Bock Gitarrensounds aufzunehmen, dass ich einfach ein paar Griffe eingespielt hab und die Samples dann in ein Drum Rack geladen habe. Die Session hieß dann auch, wohlwissend darüber, dass ich eigentlich was anderes machen sollte, procrastionation.als. Aber so ist aus einem Nebenschautplatz, den ich zugelassen habe, die Grundlage für etwas neues geworden, an dem es sich gelohnt hat, weiter zu arbeiten. Man kann sich ja auch nicht aussuchen, wann einem die Inspiration zu etwas kommt, deshalb wäre ohne das Zulassen dieser Inspiration nicht diese Single entstanden.

Prokrastination kann also auch gut sein. Inwiefern?

Jan: Die Prokrastination, die wir alle kennen und fürchten, ist ja meistens eine Flucht vor Verantwortung. Ich muss dieses oder jenes tun und will aber gerade einfach nicht. Oder ich kann dafür die Energie gerade nicht aufbringen. Daran das Positive zu sehen, ist zugegebenermaßen erstmal schwierig. Das Aufschieben einer vielleicht wichtigen Sache mag also vielleicht auf den ersten Blick nicht immer positiv sein. Aber es öffnet sich ja dadurch auch automatisch ein Raum, in dem ganz ohne Zeitdruck etwas Anderes gemacht wird bzw. gemacht werden kann. Und das dann ganz ohne Zwang. Prokrastination ist so – wenn Mensch will – ein universell zugängliches, psychologisches Hilfsmittel, um herauszufinden, was Mensch wirklich will. Und vielleicht noch viel wichtiger: Was Mensch nicht will!

Könnt ihr schon verraten, was ihr für die Zukunft noch so für Pläne habt und welche Sachen noch anstehen?

Hannes: Nach der ganzen Studiozeit und der Produktion unserer Videos fangen wir langsam wieder an, uns Gedanken zu machen, wie wir die Tracks live umsetzen wollen. Das ist ja gerade bei elektronischer Musik immer auch eine Gratwanderung zwischen fertige Tracks auflegen, komplett frei spielen und einer Hybridform, wo man die Tracks dekonstruiert und man sie live wieder modular so zusammensetzt, so dass es möglich wird, im Set von der Studioversion abzuweichen und ein stimmiges Gesamtkonzept abzuliefern. Sobald wir da soweit sind, wird auch das erste Album nicht mehr lange auf sich warten lassen. Ansonsten entstehen weiter neue Tracks, auf die wir weiter aufbauen, sobald wir die Zeit dazu finden.

 

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