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Das Projekt Kaiser Souzai, bestehend aus Markus Kaiser, genießt so etwas wie Kultstatus in der elektronischen Szene. Seit Jahren etabliert und mit etlichem Output in und um Progressive Techno herum, führt Kaiser mit Ballroom Records ein eigenes Label und veröffentlichte ebenfalls auf Imprints wie BluFin, Yellow Tail, Trapez, Parquet und vielen anderen. Unter diesen Releases finden sich zahlreiche Chart-Hits und Nummer-1-Singles der wichtigsten Download-Stores. Der White-Label-Track „Flesh“ war ein waschechter Hit, genauso wie „Girl“ mit seinen Samples aus „Pulp Fiction“. Ebenfalls wohlbekannt: die Tracks „Altomcumulus Floccus“, „Stratocumulus“ und „Cirrus“, die er seit einiger Zeit auch live auf die Bühne bringt. In dieser Ausgabe präsentiert Markus Kaiser, auch „der Kaiser“ genannt, ein etwas anderes, selbst geschriebenes Studio-Porträt.

Reduce To The Max. Oder: Weniger ist mehr.

1994. Die Mauer ist seit ein paar Jahren hinfällig, der bleierne Moder einer ehemaligen BRD verschwindet; zwar nicht zugunsten blühender Landschaften, aber ein neuer Spirit hält Einzug. Auch ins Studio. Der Atari ST ist die neue Waffe, die es auch dem kleinen Geldbeutel und Junior-Musiker erlaubt, Musik aufzunehmen und mittels einer 4-MB-Floppy-Disk zu speichern. Gesynct mit einer Bandmaschine, ließ sich das Ganze dann aufnehmen. Ein junger Kaiser ging also zur Bank und holte sich einen Kredit über 20 000 DM – und ja, es waren wundersame Zeiten: Es gab die DM und Banken vergaben Kredite an eine hoffnungsvolle, aber nicht zwingend erfolgversprechende Privatwirtschaft. Schnell stand das erste Studio-Setup: Ein echter McIntosh LE mit Farbbildschirm löste den Atari ab, es kam ein Midi-Interface dazu und schon konnte man den Ensoniq SQ-80 damit syncen und das Ganze dann auf ein Consumer-DAT runtermixen.

Das Studio für jedermann war geboren. Es war die vordigitale Zeit, aber schon jetzt konnte sich jeder mit vergleichsweise wenig Geld ein Studio in den Keller zaubern und qualitativ Hochwertiges produzieren. Mit der zunehmenden Digitalisierung kamen die 8-Spur-ADAT-Digital-Bandmaschinen, die man in Reihe schalten konnte und damit bis zu 128 Spuren zur Aufnahme hatte. Der junge Kaiser schaffte sich zwei ADATS an – die Dinger waren teuer –, zwei digitale Yamaha-02R-Mischpulte, die neuen Schlachtschiffe der zunehmend digitalen Produktion, und haufenweise Gear: Yamaha DX7, Korg M1, Roland JD 800 – all diese Geräte sollten nicht mehr eindeutig analog sein, denn Analoges galt als Sound von gestern. Die ersten Sampler kamen und Mitte der Neunziger hatte jeder Produzent eine ganze Batterie an S1100-Akai-Samplern im Studio. Damit ausgerüstet, konnte der junge Kaiser den großen Studios mit ihren 3-Meter-SSL-Pulten Konkurrenz machen und so kamen dann auch bald die ersten Aufträge von erfolgreichen Produzenten und Plattenfirmen, im heimischen Studio (Vor-)Produktionen zu fahren. Und der junge Kaiser wusste sich einzusetzen. Für ebenfalls junge, gecastete Boybands, die alles, nur nicht singen konnten, nahm er mit seinem Studiopartner ganze Chor- und Vocalbatterien auf, sang alles auf ADAT-Bänder und schon klang die Boyband gut. Die Plattenfirmen waren begeistert und so hagelte es in den Folgejahren Aufträge und der nicht mehr ganz so junge Kaiser produzierte kräftig für die Charts. Gold- und Platin-Platten waren die Folge, es regnete nunmehr Euro – die DM war ja futsch – und der nicht mehr ganz so junge Kaiser bezog sein Domizil an der Hamburger Bellevue, Außenalster, leider ohne Seeblick.

kaiser souzai

Da stand der nicht mehr ganz so junge Kaiser nun, hatte das alles erreicht und musste feststellen, dass ihn mit dieser Musik allerdings herzlich wenig verband. Der Kaiser war Schlagzeuger, sogar gelernter, und war wegen Jazz und Rock in die Musik gegangen, nicht wegen Chart- und Popmusik – so war es Zeit für eine Entscheidung. Raus aus der Bellevue, weg mit dem ganzen Ballast, neu einchecken, ab nach Berlin. Aber noch einmal zurück: Mit dem Mauerfall kam Techno, das ist bekannt. Berlin und Frankfurt waren die Epizentren dieser vergleichsweise neuen Musik. Sozialisiert wurde der Kaiser allerdings nicht dort, sondern auf Ibiza. In einer Zeit, als die Clubs dort noch ausschließlich Underground-House und Techno spielten, Mick Jagger mitsamt der Jetset-Elite noch zum Feiern ins Pacha einflog und ein neuer Psytrance-Club mit einem Flugzeug auf dem Dach, einer DC10, sich anschickte, seine Tore zu öffnen. Dort konnte man mit 15 Gleichgesinnten tanzen – mehr waren ja nicht da –, und unter Sonne und Palmen die neuesten Tracks anhören, gepresst auf White Labels. Tanja Vulcano und die Residents von Space, Amnesia und später DC10 sorgten mit Headlinern à la Carl Cox, Sven Väth, X-Press 2 und Erick Morillo für den Sound und die House-Hits, die um die Welt gehen sollten. Ibiza als Trendsetter für Underground? Man kann’s kaum glauben, wenn man sich den Zustand der Insel heute anschaut.

Zu dieser Zeit gründete der Kaiser das Projekt Kaiser Souzai, damals noch zusammen mit seinem Produktionspartner Paddy, heute gestandenes Mitglied von Kaiserdisco. Die ersten Platten wurden veröffentlicht – manche unter dem Namen Kaiser Souzai, manche unter anderen Pseudonymen – und begeistert schuf der Kaiser etliche Vinyls, manche gut und manche weniger, doch alle inspiriert vom „Fünf Tage wach“-Sein auf der Insel, wo man mit der Partykarawane nonstop von einem Club in den nächsten pilgerte: Amnesia, Sundays At Space, Bora Bora – damals noch eine einfache Terrasse am Strand mit Beschallung –, DC10 und dann noch Cocoon. Aber Vinyl wurde zum „Big Business“ und die Plattenfirmen leisteten Vorauszahlungen auf mögliche zukünftige Hits von bis zu 100 000 Euro. Selbst kleine Tracks wurden mit großzügigen Vorschüssen bedacht, der Kaiser und viele andere Dance-Produzenten konnten allein vom Produzieren von Dance-Tracks leben und waren nicht auf kommerzielle Charts angewiesen. Was für Zeiten! Doch mit dem Einzug der MP3 und des Internets war es damit dann auch vorbei. Musik konnte aus dem Netz gezogen werden, musste nicht mehr in Form von analoger Platte gekauft werden, der Markt brach zusammen. Doch der Kaiser hatte sich dem DJing hingegeben, in der (richtigen) Annahme, man könne nur das gut produzieren, was man als DJ auch spielt – denn nur so kann man feststellen, was wirklich funktioniert und was eben nicht.

Eine Weile produzierte der Kaiser für und mit Erick Morillo, spielte im Pacha auf Ibiza und in vielen weiteren Pachas rund um den Globus und alles war gut, bis der ehemals coole House-Sound sich über Trendsetter wie Swedish House Mafia in EDM transformierte. Da legte der Kaiser nun im Pacha auf, hinter ihm in der DJ-Booth versammelten sich die eben erwähnte Swedish House Mafia, David Guetta – der ihn zu seinem Set beglückwünschte –, Tiësto und weiß der Geier wer noch und er merkte allmählich: Es ist Zeit, zu gehen. So begab sich der Kaiser zurück zu seinen Wurzeln: Underground-Musik zum Tanzen, so wie der Kaiser sie hört, mal progressiv, mal straight, mal housy, mal hart, mal härter. Kaiser Souzai nun in „full effect“. Geprägt durch die (ehemalige) Vielfältigkeit der Tanzmusik Ibizas und die eigene Historie als Rock-, Jazz- und Fusion-Schlagzeuger, fing der nun erwachsene Kaiser an, seinen eigenen Musikstil zu prägen. Um dabei weitestgehend unabhängig zu sein, gründete er das Label Ballroom Records, wo er seine und die Musik anderer Artists veröffentlichen konnte – Musik, die ihm gefiel und die er auflegen würde. Mit dem Schreiben dieses Berichts nähern sich das 40. Release auf Ballroom Records mit der „Secret Gems V”-Compilation und der Launch von Ballroom Radio, einem Podcast-Radio, das von knapp 100 Stationen weltweit gesendet wird.

Ich habe in der alten anlogen Zeit angefangen und kenne noch all die großen Studios, meterlangen Analogpulte und Schränke voller Geräte, Synths und Gear. Eine Weile habe ich versucht, mein Equipment stetig zu erweitern und mehr davon im Studio zu haben. Aber als häufig und weit reisender DJ, der recht viel Zeit in Flughäfen, Hotelzimmern oder auch unter Palmen verbringt, weiß ich: Das zu Hause stehende Studio bringt mir nichts, wenn ich unterwegs bin. Stichwort: digitaler Nomade. Es muss mir also möglich sein, von überall in der Welt aus zu arbeiten, sprich Musik zu produzieren, und sei es vor dem Gate, fünf Minuten vor Abflug. Nächstes Stichwort: Reduce To The Max. So gab es für mich nur eine Möglichkeit: Ich musste mein Studio zu Hause so weit reduzieren, dass ich das gleiche Setup auf dem Laptop unterbringen konnte. Wenn ich zu Hause Synth und Gear hätte, aber nicht auf dem Laptop, würde mir etwas fehlen, der kreative Flow wäre beeinträchtigt. Wenn ich es gewohnt wäre, ständig an einem analogen Synth zu schrauben, und dies unterwegs nicht tun könnte, wäre es ein anderes Arbeiten. Ich musste also den Kreativ-Prozess vereinheitlichen und dementsprechend vereinfachen, um sicherzugehen, dass ich mich auch unterwegs studiotechnisch zu Hause fühle. Am Ende des Prozesses hatte ich das gleiche Studio auf dem Laptop wie zu Hause – alles „in the box“, keine externen Synths, Fx, Kompressoren, Limiter etc.

Ich kann mittlerweile sogar ohne externe Tastatur arbeiten und benutze zum Einspielen meine Laptop-Tastatur, wenn ich muss. Es macht mir nichts aus, ich fühle mich im kreativen Prozess nicht eingeengt – und damit ist es mir möglich, zu jeder Zeit und an jedem Punkt der Erde zu produzieren und Tracks weitgehend fertigzustellen. Mixen (und Mastern) muss ich nach wie vor in einer Studioumgebung mit Monitoren, denn unter dem Kopfhörer mixen funktioniert manchmal, aber nicht immer.

Musik machen ist wahrscheinlich die einzige Sucht, die ich habe. Die Sucht nach dem „Flow“, danach, sich ganz selbst zu gehören. Für den Moment, ein paar Augenblicke oder Stunden, abgeschirmt von der lärmenden Außenwelt, kann ich ganz bei mir sein. Kreative, Sportler, Yogapraktizierende und Meditierende werden dieses Gefühl kennen. Damit ist das Erschaffen von Musik das wichtigste Element in meinem Dasein, künstlerisch wie privat – beide Bereiche sind eigentlich auch nicht trennbar. Das Auflegen meiner Musik ist somit nur das letzte Puzzleteil und bei Weitem nicht das wichtigste, wenngleich es ein schönes Gefühl ist, wenn das Publikum zu deiner Musik tanzt – genau zu der Musik, die du, mitunter unter Mühen und großen Geburtswehen, erschaffen hast. Das Erschaffen von Musik ist alles, Ruhm ist überbewertet – doch es gibt leider genug DJs, die wegen des Ruhms ins Business und vor allem auf die Bühne gehen. Gerade im Festival-Techno erleben wir zurzeit eine Schwemme an wirklich hübschen, Instagram-tauglichen weiblichen DJs, die von EDM-geprägten, erfolgreichen Managements in den Markt gedrückt werden, um schnell mal Kohle einzufahren – denn auch im Techno geht es letztlich darum, wer schneller und erfolgreicher eine Marke installieren kann. Photoshop-Filter schlägt High-Pass-Filter. Social Media schlagen Studio, Fake schlägt Reales. Und somit sitzen die, die wirklich etwas beizutragen haben, oft zu Hause und ohne Gigs im Studio, während die glitzernden Social-Media-Pros die Ernte einfahren.

Liebe Leser, lieber Fan, schaut, wer die kreativen Köpfe sind, und nicht, wer die schönsten Bilder postet.

PS: Das Ende der Geschichte: Und nun, da er noch nicht gestorben ist, schaut auf ballroom.cc vorbei und hört, was der mittlerweile große Kaiser zu bieten und anzuhören hat. Viel Spaß in seiner Welt!

Aus dem FAZEmag 078/07.2018
www.facebook.com/whoiskaisersouzai

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