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Sechs Jahre sind seit Naoki Kenjis letzten Album „Versatile“ vergangen. Freunde seines gepflegten Chill-out-Sounds befürchteten sogar schon, er sei völlig von der Bildfläche verschwunden. Doch nun meldet sich Kenji mit dem Longplayer „Akatombo“ – zu Deutsch „Libelle“ – auf dem eigenen Label 4MPO zurück.

Die Szene hat dem Deutsch-Japaner viel zu verdanken. Zum einen jetzt acht hochklassige Alben unter eigenem Namen sowie zahlreiche (Co-)Produktionen unter Pseudonymen wie JP Juice. Zum anderen war Kenji Initiator wegweisender Videokunstformate wie „Flowmotion“, ausgestrahlt im TV-Nachtprogramm des Hessischen Rundfunks. Fernsehproduktionen sind übrigens heute auch sein Hauptbroterwerb.

Wie viele andere Electro-Produzenten der frühen Stunde hat Kenji sein Handwerk noch mühevoll erlernt. Und genau dieses sichere Beherrschen der Harmonie- und Kompositionslehre sowie eines Instruments hört man seinen Produktionen im Schnittfeld von Jazz, Lounge, Pop und Electro sofort an. Insbesondere seine vocalbeseelten Songs würden in einer besseren Welt mühelos oberste Ränge in den Radiocharts besetzen. Wie und womit er die Perlen produziert, zeigt unser Studiobericht.

Wo befindet sich dein Studio?

Mein Studio befindet sich im Erdgeschoss meines Wohnhauses. Ich brauche die unmittelbare Nähe, damit ich zu allen Zeiten Zugriff habe und Ideen schnell festhalten kann.

Wie viel Zeit verbringst du dort und hast du geregelte Produktionszeiten?

Ich habe keine geregelten Zeiten. Wenn ein Album ansteht, verbringe ich sehr viel Zeit dort. Es kommt aber durchaus vor, dass ich das Studio tagelang gar nicht nutze.

Bist du musikalisch ausgebildet?

Ich genoss eine klassische Klavierausbildung in Japan ab meinem vierten Lebensjahr, bis ich mit 13 Jahren nach Deutschland kam. Einige Jahre habe ich mich intensiv mit Jazzstandards beschäftigt – allerdings weniger um virtuos spielen zu können, sondern vielmehr um Improvisation und Harmonielehre aufzubessern.

Wie sah dein erstes Studio aus?
Mein erstes Setup war eine Tascam-38,5-Zoll-Bandmaschine nebst einem Dynacord-Live-Pult mit 12 Eingängen. Außerdem hatte ich einen C64 und diverse Keyboards wie zum Beispiel einen Yamaha-DX7-FM-Synthesizer und später Roland D50. Sonstige Soundmodule zu der Zeit waren ein Yamaha FB01 und eine Roland-TR-505-Drum-Hasat.

Entstammen dem ersten Setup Veröffentlichungen?

Nein, aus dieser Zeit gibt es gar keine. Das war im zarten Alter von 15 Jahren – da glaubte ich noch an eine Pop-Karriere (lacht).

Wie hat sich dein Studio im Laufe der Jahre entwickelt?

Die großen Anschaffungen waren in den letzten 20 bis 25 Jahren eine Studer-A80-2-Zoll-Bandmaschine, allerdings nur mit 16 Spuren, sowie an Mischpulten chronologisch: AMEK TAC Matchless, D&R Merlin und SSL Matrix.

Hast du dein Studio jemals komplett verändert?

Ich habe nie wirklich auf virtuell-digital umgestellt, ein Versuch war die DAW SSL Matrix, welche aber so gesehen auch kein digitales Pult war, sondern analog arbeitete. Jedoch bot es keine EQs und mir war die Kanalzahl insgesamt zu gering. Zumindest die, auf die ich direkt zugreifen konnte, ohne „umzuschalten“.

Wie sieht dein Studio heute aus?

Als Pult habe ich vor etwa zwei Jahren ein gebrauchtes AMEK 501 gekauft. Es besitzt 24 Mono-Inputs und 4 Stereo-Inputs, also 32 Kanäle. Es ist eigentlich ein Live-Pult, eignet sich aber auch für meine Bedürfnisse als Studiopult. 8 Ausspielwege sind mehr als genug, der Klang ist fantastisch und es hat die für mich wichtige Eigenschaft, alles ohne Umstecken fest aufliegen zu haben. Für externe Keyboardparts, die ich nur noch ganz selten nutze, habe ich ein restauriertes 19-Zoll-Studer-Pult mit 8 Eingängen, die Summe geht auf einen Stereo-Input des AMEK 501. Als Haupt-Abhöre nutze ich seit fast 20 Jahren die Dynaudio M3, als Nahfeldmonitore die Yamaha NS10M und am Rechner ein Paar Dynaudio BM15 zum „Wohlfühlen“ beim Komponieren.

Mein Sequenzer ist ein Mac 8 Core – schon ein wenig in die Jahre gekommen mit Logic 9, aber es läuft stabil und ich habe alles, was ich brauche. Mit dem Mac verbunden sind das MADI Extreme von SSL und Alphalink von SSL, welcher maximal 24 analoge Outs erlaubt. Externe Synths sind unter anderem das Korg Trinity Rack, der Virus C, Moog Minitaurus und noch ein paar ältere Teile. Als Einspielgerät nutze ich von Nordlead das Nordstage72, weil es eine hervorragende Holz-Klaviatur und sehr gute Rhodes- und Piano-Sounds besitzt, die in fast allen Stücken enthalten sind.

Sonstiges Outboard wäre: Lexicon-PCM92- und -PCM70-Hallgeräte, TC D-Two Delay, AMEK/Neve 9089 Mic-Channel, ein Summit-Audio-Röhren-Compressor/Limiter und zwei Drawmer-DL241-Compressor/Limiter.

Nutzt du ein Gerät seit Beginn deiner Karriere?

Das AMEK 9089 Preamp ist mir ans Herz gewachsen. Ebenso der Korg Trinity, eigentlich nichts Besonderes also, aber irgendetwas kann man immer nutzen von dem Teil. Außerdem ist er leicht zu editieren.

Was ist generell dein Lieblingsinstrument?

Wechselt schon mal ab und an, aber der Nordstage klingt gut und ihn möchte ich nicht mehr missen.

Gibt es ein Tool, von dem du dich niemals trennen würdest?

Die Nahfeldmonitore NS10M, weil sie mich schon 30 Jahre begleiten. Generell trenne ich mich eher von neu angeschafftem als von altem Equipment.

Was war deine letzte größere Anschaffung?

Im Zuge des letzten Albums war es das Lexicon PCM92. Standard-Plugins kommen meiner Meinung nach immer noch nicht an die Qualität eines hochwertigen Hardware-Hallgeräts heran. Außerdem habe ich am Pult 12 Auxwege zur Verfügung – da muss ja irgendwas drauf … (lacht)

Gibt es ein Instrument, das du gerne besäßest, aber nicht hast?

Nein.

Wie nimmst du deine Musik auf?

Vocals beispielsweise werden über ein SHURE KSM44 aufgenommen, als Vorverstärker dient ein AMEK 9089, mit dem ich schon bei der Aufnahme leichte EQ-Einstellungen vornehmen kann, dann durch den SUMMIT comp/Lim ins Pult und entweder über direct out oder die Busse in den Input des ALPHA Link SSL.

Für sonstige Instrumente nutze ich neben dem KSM8 dynamische Mics von Beyerdynamic wie das 201 und noch ein kleines Kondensator-Mikrofon von Pearl.

Masterst du deine Produktionen selbst?

Normalerweise schon, wobei ich lediglich komprimiere. Bei dem aktuellen Album „Akatombo“ habe ich aber die Dienste von Matthias Heinstein in Anspruch genommen, weil ich in der Zeit der Entstehung umgezogen bin und auch einige Titel noch auf dem SSL Matrix gemischt wurden. Matthias hat hier alles abgerundet und zu einer Einheit werden lassen. Zudem kann es prinzipiell nie schaden, wenn jemand Externes die Musik völlig vorbehaltlos anhört und auch vom Sound beurteilt.

Spielt Software überhaupt noch eine Rolle in deinem Studio?

Ich nutze, wie erwähnt, Logic 9 als Sequenzer und habe noch ein altes Native-Instruments-Package sowie Trilian und Omnisphere von Spectrasonics. Software-Synths sind eine feine Sache, aber mich stört die Überauswahl an Sounds, von der man regelrecht erschlagen wird. Zwar erleichtern Tags die Suche, aber ich finde, dass es die Kreativität mehr bremst als fördert. Lieber habe ich einige wenige und ändere diese ab, als mich durch 10 000 Sounds zu steppen. Effekt-Plugins nutze ich kaum – dann lieber meine externen Geräte, die für mich einfach besser klingen.

Wie ist deine Herangehensweise bei der Entwicklung neuer Stücke?

In der Regel fängt es damit an, dass ich einfach nur so vor mich hin spiele, also ohne jegliche Idee improvisiere. Manchmal kommt zufällig eine Akkordreihenfolge oder eine Melodie heraus, die ich dann weiter ausarbeite. Das Ausarbeiten beschränkt sich auf die Grundelemente – und die sind meist schnell da. Das Ausschmücken, Arrangieren und die Klangsuche sind das, was am meisten aufhält. Die eigentliche Komposition ist, wenn ich einen guten Tag habe, in einer Stunde erledigt. Leider ist es so, dass ich sehr oft gar nicht so weit komme, da einfach nichts entsteht, was mich ergreift und motiviert, weiterzumachen.

Hin und wieder entstehen aber auch Drum-Grooves oder Basslines im Halbschlaf – ganz konkret bei dem Titel „Sideway Swing“ auf „Akatombo“. Die Bassline ist mir nachts eingefallen. Und da ich Angst hatte, sie zu vergessen, bin ich noch schnell ins Studio und habe sie zusammen mit dem passenden Beat eingespielt. Der Song war somit schon in seinen Grundelementen vorhanden. Aber das Ausarbeiten, die Details – dafür sind wieder Tage draufgegangen.

Was sind deiner Meinung nach die größten Fehler von Produktionseinsteigern?

Jemanden nachzuahmen. Man sollte nie den Vorsatz haben: Ich will Musik machen wie … Dann hat man meiner Ansicht nach schon verloren. Ich weiß, es ist schwer, in der elektronischen Musik eine Unverwechselbarkeit zu schaffen, aber es ist möglich! Ich finde, es gibt immer noch viele Produzenten mit einem unverkennbaren Sound. Oder einer charakteristischen Art, wie sie Musik arrangieren, Akkorde nutzen oder komponieren. Grundsätzlich kann man sowieso nichts wirklich „Neues“ mehr schreiben, es war alles schon da. Originell zu sein, ist wirklich sehr schwer – aber machbar, vor allem im Arrangement. Genauso wichtig: Nicht den Computer die Musik machen lassen. Man sollte ihn in der elektronischen Musik als Tool verstehen und nutzen. Es geht darum, Musik zu machen. Immer das neuste Tool zu haben, sei es nun Soft- oder Hardware, führt keineswegs zu besserem Songwriting. Und vor allem: Lernt, ein Instrument gescheit zu spielen!
„Akatombo“ von Naoki Kenji ist im Oktober auf 4MPO erschienen.

Naoki Kenjis Equipment-Liste für „Akatombo“ (Auszug):

Mischpult: AMEK 501, 32 Inputs
Submixer: Studer/Revox, 8 Kanäle
Abhören: Dynaudio M3, Yamaha NS10M, Dynaudio BM15

Outboard:
AMEK/Neve 9089 Dual Mic Amp
Focusrite ISA 428 Mic Amp
Summit Audio Compressor
SPL De-Esser
2 Drawmer 201 Compressor/Limiter
Lexicon PCM92, PCM70 Hall-/Effektgeräte
TC Electronic D-Two Delay

Keyboards/Synths:
Nordstage 76
Korg Trinity
Korg Krome
Access Virus C
Moog Minitaurus

Computer-Setup:
Mac 8 Core, 8 GB RAM
SSL Madi Extreme
SSL Alpha Link i/o
SSL Duende

Software:
Logic 9
Native Komplete Bundle
Waves Plugins Bundle
Spectrasonics Trilian, Omnisphere

Mikrofone:
2 Shure KSM 44
4 Beyerdynamic 201
1 Pearl Condensator Kleinmembran

Sonstiges:
DK Audio MSD 200 Level Meter
Presonus CSR-1 Remote

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Aus dem FAZEmag 068/10.2017

 

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