IMS 2023 – Interview mit Co-Founder Ben Turner

IMS 2023 – Interview mit Co-Founder Ben Turner / Foto: IMS

Präsentiert von YouTube und in Kooperation mit Pioneer DJ fand vom 26. bis zum 28. April der International Music Summit (IMS) auf Ibiza statt. Unter dem Motto „Face The Future“ wurden dabei aktuelle Themen wie Kultur, Bildung, Technologie und Wohlbefinden thematisiert und mit renommierten Protagonist*innen aus der Szene besprochen. Die 14. Ausgabe, in diesem Jahr im Destino Pacha, vereinte dabei für drei Tage die wichtigsten Köpfe der Industrie inklusive Innovator*innen, Schöpfer*Innen, Visionär*innen und Umstürzler*innen aus dem gesamten globalen Ökosystem der Branche. Moderiert wurde das Event erneut durch BBC-Radio-1-Host und DJ Pete Tong sowie Jaguar, ebenfalls BBC-Radio-1-Moderatorin und Künstlerin. Abgerundet wurde die Konferenz traditionell vom Abschluss-Event auf Dalt Villa, wo es u. a. frenetisch gefeierte DJ-Sets gab von Pete Tong b2b Kölsch, Ida Engberg b2b Marshall Jefferson sowie Anna b2b Grimes.

Zu den Themen am Opening-Wochenende auf Ibiza gehörten u. a. Analysen zur Komplexität von künstlicher Intelligenz, die nächsten Schritte für Musik und Web3, Vielfalt und Inklusion, die Auswirkungen von Altersdiskriminierung in der elektronischen Musik, die Verwaltung von Musikrechten, das Verständnis von Neurodiversität, die sich ständig verändernde Dynamik zwischen Agent*innen und Veranstalter*innen, eine Analyse des Musikjournalismus sowie die Vorstellung des mit Spannung erwarteten IMS Business Report und seiner viel zitierten jährlichen Branchenbewertung, die für die Positionierung und den Erfolg der Branche entscheidend geworden ist. Die berühmte kanadische Künstlerin Grimes und Partnerin von Elon Musik gab dabei in der Abschluss-Keynote eine interessante Sichtweise auf das Thema KI: “Ich bin der Meinung, dass es in der Musik viel zu viele Einschränkungen gibt. Urheberrecht ist scheiße. Kunst ist ein Dialog mit allen, die vor uns da waren. Sie mit dem Ego zu verflechten, ist ein modernes Konzept. Die aktuelle Musikindustrie wurde von Anwälten bestimmt, und das erstickt die Kreativität. Ich denke, dass alles am Urheberrecht problematisch ist”, fügte sie hinzu. “Es gibt zu viel Kontrolle von oben nach unten. In den Anfängen von TikTok gab es eine Menge verrückter Musik, die sich viral verbreitete, aber jetzt sorgt der Würgegriff der Anwälte dafür, dass weniger interessante Sachen veröffentlicht werden.” Die kanadische Künstlerin, die sich offen für neue Technologien einsetzt, teilte ihren Fans letzte Woche auf Twitter mit, dass sie ihre Stimme “straffrei” in von KI generierten Tracks verwenden können und dass sie die Tantiemen mit jeder künstlichen Intelligenz (KI), die ihre Stimme imitiert, 50/50 teilen würde. Auf der IMS sagte sie zu ihrem KI-Kollaborationsangebot an ihre Fans: “Warum sollten die Leute meine Stimme nicht nutzen können? Es könnte etwas Cooles und Schönes dabei herauskommen. Ich glaube, das ist eine der coolsten Zeiten, um Künstlerin zu sein. Wir stehen erst am Anfang des Internets. Ich sage immer zu meinem Manager: ‘Ich will Hieroglyphen machen. Es ist mir egal, ob sich die Leute an meinen Namen erinnern, aber ich möchte einen sinnvollen Beitrag zu dieser Kultur in einer Zeit des großen Wandels leisten.”

Ben Turner, Co-Founder und Hauptkurater der IMS, war mit der diesjährigen Konferenz und dem Feedback aller Teilnehmer sehr zufrieden: „Der IMS ist mittlerweile eine Veranstaltung, die das ganze Jahr über geplant wird und die Arbeit lohnt sich, wenn man so gutes Feedback erhält. Ich glaube, es war unsere umfangreichste Veranstaltung, was die Breite der Inhalte angeht, die wir kuratiert haben. Und wahrscheinlich auch unsere vielfältigste. Was uns am meisten freut, ist die Tatsache, dass die Leute so viele verschiedene Arten von Content genießen konnten – in der einen Minute eine Breathwork-Session, dann ein Vortrag, um etwas über das Publizieren zu lernen; dann die Zukunft mit AI zu gestalten; und dann zu hören, wie Grimes das aktuelle ‘Regelbuch’ zerreißt, ehe es dann ANNA und Sasha beim b2b zu hören und sehen gibt.“ Auch in Sachen Entwicklung seit dem IMS-Start in 2017 sieht Turner einen gewaltigen Prozess: „Eigentlich haben wir immer gesagt, dass wir niemals so expandieren würden, aber unser Fokus und unser Engagement für so viele Aspekte, bzw. Säulen, wie eine abgerundete Experience in der Musikindustrie im Jahr 2023 aussieht, haben uns dazu bewogen, diesen Weg einzuschlagen. Es war auch eine Reaktion auf unser neues Zuhause, dem Destino. Dieser Ort ist quasi kreisförmig, immersiv, weitläufig und doch irgendwie intim und es fühlt sich wirklich besonders an, in dieser Umgebung zu sein, in der das Salz des Ozeans die Delegation förmlich erfrischt! Der Veranstaltungsort birgt noch einige Herausforderungen, die wir meistern müssen in der Zukunft, aber ich denke, dass er die Energie und die positive Einstellung der Teilnehmer*innen verändert hat. Es ist eine Freude zu sehen, wie die Leute sich bewegen und alles erkunden. Die Vernetzung und das Engagement rund um den KI-Vortrag waren sehr inspirierend in diesem Jahr – so viele Menschen sind optimistisch und nicht negativ gegenüber dieser neuen Technologie eingestellt, die unser Leben für immer verändern wird. Der Journalismus-Vortrag war hitzig aber notwendig und es war gut zu sehen, wie konkurrierende Plattformen über ihre Verantwortung und auch neue Geschäftsmodelle denken. Der IMS war nie als reine Werbeveranstaltung gedacht – daher ist es schön zu sehen, dass sich die Leute mit ihrer Meinung nicht zurückhalten. Jaguars Beitrag zur IMS-Kuration ist für mich ebenfalls ein großes Highlight – sie denkt so tiefgründig und positiv über Kuration nach, dass wir gerne mit ihr zusammenarbeiten und sie immer wieder inspirierende Persönlichkeiten zur IMS bringt.“

Seine persönliche Meinung zu aktuellen Zeitgeist-Themen wie KI und Umwelt äußert Turner dabei immer wieder gerne, zu wichtig sind ihm diese Anliegen und auch die Verantwortung der gesamten Branche: „KI reizt mich sehr, denn wir sind die elektronische Musikindustrie – wir müssen mit technologischen Innovationen vorangehen und inspirieren und nicht in Deckung gehen. Ich sehe viele in unserer Branche als Vorreiter, und es war so schön, die Reaktionen der Teilnehmer zu sehen. Als Künstlermanager muss ich in meinem Tages- und Nachtjob voll und ganz in solche Entwicklungen eintauchen, denn die meisten Künstler, mit denen ich zusammenarbeite, wollen früh bei Veränderungen dabei sein und nicht zu spät zur Party kommen. Klima – hier haben wir alle viel zu tun, auch IMS. Ich habe das Gefühl, dass die Leute das Thema wieder zur Seite schieben und das können wir einfach nicht tun. Brian Enos EarthPercent inspiriert mich sehr – die Menschen müssen sich damit beschäftigen und es verstehen. Ohne ein Umdenken bei diesem Thema sind wir nichts. Auch der IMS muss sich aufrichten. Und das werden wir.“ Für die kommenden Editionen hat er schon einige Ideen: „Wir denken bereits intensiv über das Jahr 2024 und die Art der Herangehensweise an Inhalte und Kuration in dieser sich ständig weiterentwickelnden Welt nach. Es ist wichtig, die neue Generation auf die IMS einzuladen und Wege zu finden, Ibiza für viele attraktiver zu machen, die sich Sorgen um die Preise auf der Insel – und auf der IMS – machen. Wir haben den Termin auf Ende April verlegt, um das Erlebnis erschwinglicher zu machen, da Flüge und Hotels in der Theorie dann günstiger sind. Das wird sich wahrscheinlich ändern, wenn die Insel ihre Openings in den gleichen Zeitraum verlegt – was bereits jetzt geschieht. Es gibt also viel zu bedenken. Wir nehmen Ideen und Vorschläge aus allen Teilen der Welt und den verschiedenen Gemeinden entgegen und freuen uns auf die Ideen aller.“

 

Aus dem FAZEmag 136/06.2023
Text: Triple P
Foto: IMS (Ben Turner 3. v. l.)
www.internationalmusicsummit.com