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Ruhigen Gewissens darf man den Begriff „visionärer Künstler“ auf jenen Mann anwenden, um den es hier gehen soll. Jeff Mills hat in vielfacher Hinsicht diesen Status manifestieren können. Sein Werk findet sowohl in der Clubkultur als auch in der Hochkultur statt. Mills ist dabei immer ein Künstler mit einer tieferen Botschaft. Jemand, der beständig seinen eigenen Weg verfolgt. Der Film „Man From Tomorrow“, der zusammen mit Jacqueline Caux (Foto) entstanden ist, kommt ihm wohl näher, als jedes Interview. Dennoch möchten wir die Chance nutzen, ihm ein paar Fragen zu stellen.


Was hat die Zusammenarbeit mit Jacqueline Caux so spannend für dich gemacht?
Besonders wichtig war es, dass ein anderer Blickwinkel auf elektronische Musik geschaffen wurde. Dieser konzentrierte sich auf die Einsamkeit, Intimität und Distanziertheit, die in dieser Kunstform und Kultur dezent existiert. Statt den Akzent auf die allzu überschwängliche und fröhliche Haltung zu setzen, schien es uns treffender, dahinter zu blicken und in den Kopf von jemandem, der schon ein Leben lang Musik für andere macht.

MFTportrait5Kann ein so verspielter und experimenteller Film wie „Man From Tomorrow“ nicht sowieso viel mehr von einem Künstler wie dir zeigen, als es eine „normale“ Dokumentation vermag?
Mein Leben hat sich immer schon dem Machen und Spielen von Musik angepasst. Seit ungefähr 35 Jahren und mein ganzes Erwachsenenleben lang. Ich habe sehr wenig anderes gemacht. Dadurch ist das Verspielte und das Experimentieren etwas, das im Eindruck und der Fantasie von jemandem beheimatet ist. Techno Music, echte Techno Music, ist deep. Wir waren nicht daran interessiert, einen Film darüber zu machen, was der Zuschauer gerne sehen würde oder einen Film, bei dem er sich am Ende glücklich fühlt – was auch erklären könnte, warum es so wenig ähnliche Filme über elektronische Musik gibt, oder warum die Journalisten in unserer Industrie es vernachlässigen oder vermeiden, aufzuzeigen, wer die Leute wirklich sind. Stattdessen stellt diese Industrie absichtlich ein bestimmtes Leben und einen bestimmten Typ von DJ/Künstler dar, der eine gleichgültige, kindische, gedankenlose, clown-ähnliche Persona projiziert. Eine Form von Persönlichkeit, bei der es leicht fällt, sie zu verachten, auf sie neidisch zu sein, oder sie nicht ernst zu nehmen. Nach gut 25 Jahren mit Filmen über elektronische Musik, die uns davon zu überzeugen versuchen, wie fantastisch und magisch es in den frühen Tagen des Genres war, haben Jacqueline und ich uns gedacht, dass es an der Zeit ist, einen Film zu bringen, der versucht, Gefühle in Klang, Farben und Bewegungen zu synthetisieren.

Gab es beim Anschauen der endgültigen Fassung von „Man From Tomorrow“ etwas, das du über dich gelernt hast oder das dich vielleicht überrascht hat?
Ich spürte, dass ich glücklich darüber bin, bestimmte Ideen und Vorstellungen auszuweiten, die ich schon viele Jahre vor der Entstehung des Films hatte und in mir trug. Sie waren während der ganzen Rave-Kultur da, als die Mauer in Berlin fiel, als ich im Tresor spielte und auf dem Label releaste, bei den früheren Underground Resistance-Veröffentlichungen, bei den Platten von Axis, Purpose Maker, Something In The Sky und Sleeper Wakes. In all der Zeit habe ich mit unzähligen Journalisten gesprochen und Interviews gegeben, aber niemand kam so nahe an die Erforschung heran, wie es Jacqueline mit diesem Film gelungen ist. Und sie hat keine Vergangenheit in der elektronischen Musik. Deshalb frage ich mich, wie viele DJs und Künstler in dieser Industrie schon übersehen und ignoriert wurden, weil sie nicht der Masse entsprechen und dem Bild, das unsere Industrie gerne als Beispiel der Kultur sehen möchten.

Zwischen Detroit Techno und Science Fiction bestand immer schon eine starke Verbindung. Welcher Film oder welches Buch dieses Genres hatte auf dich als Kind einen großen Einfluss?
Typische Science Fictions, die die Themen Weltraumreise und das Entdecken neuer Welten anreißen. Das Genre war immer schon ein guter Grund dafür, das Unvorstellbare zu probieren und abzubilden. Dies scheint auch dabei zu funktionieren, Musik zu machen, der die Zukunft vorschwebt. Ich denke, dass es kein Zufall ist, dass viele DJs und Künstler aus Detroit das gleiche oder ein ähnliches Alter haben. Wir waren vermutlich der selben Art von Entertainment ausgesetzt und haben ähnliche Gewohnheiten entwickelt, als wir älter wurden.

Was fasziniert dich besonders an dem Thema?
Vor allem der wissenschaftliche Teil. Die Theorien, die mich manchmal dazu bringen, an die Wahrscheinlichkeiten zu glauben. Wissenschaft bedeutet, alles um uns herum zu studieren und zu vermessen. Dadurch konnten wir Menschen uns so weit entwickeln. Und sie wird uns noch mehr dabei helfen, diesen Planeten zu verlassen, um andere zu erkunden. Durch Musik können wir daran erinnert werden und vieles lernen.

Seit deinen Anfangstagen als Produzent spielen Botschaften in deiner Musik eine wichtige Rolle. Woher kommt das?
Das rührt vom Einfluss von Motown, Soul Music und Künstlern, die Musik dazu nutzten, um etwas Wichtiges mitzuteilen. Wenn man in Detroit aufwächst bekommt man eine tiefe Anerkennung und bedingungslose Liebe zur Musik eingeflößt, denn wir sehen die wahre Kraft dieser. Ich denke, dass wir dazu neigen, mehr daran interessiert zu sein, was die Musik sagen möchte, als an ihrer Form und Struktur. Das erklärt auch, wieso Detroit Techno nicht immer gleich klingt. Oder dass Künstler viele Arten von Musik mögen. Was wir immer schon getan haben war, diese Gefühle in die Dance Music zu bringen. Beispielsweise bei „Strings Of Life“ von Derrick May, „The Art Of Stalking“ von Kenny Larkin, bei den Red Planet und Underground Resistance-Releases, bei meinem Stück „Gamma Player“ und bei so vielen anderen Veröffentlichungen.

Vor ein paar Wochen ist mit „Emerging Crystal Universe“ der achte Teil von „Sleeper Wakes“ erschienen. Wann kam dir erstmals die Idee zu dem Projekt?
Vor zwei Jahren. Ich hatte damals noch keinen Titel dafür, aber ich wollte mir eine Zeit vorstellen, in der unser Universum sich bewegt und verändert, so wie eine Jahreszeit oder das Wetter. Ich fühlte, dass das sehr wahrscheinlich ist und wollte dieses Ereignis den Leuten nahebringen. Denn nur weil wir enorme Veränderungen der Natur nicht sehen können, bedeutet das nicht, dass sie nicht passieren. Diese Veröffentlichung und einige weitere, die folgen, werden das Thema weiter untersuchen. Es geht darum, sich etwas hinter dem vorzustellen, was wir als Wirklichkeit und Logik begreifen.

In den letzten Jahren bist du auch etwas mehr in die Kunstszene eingetaucht …
Kunst liebe ich schon immer. Manchmal bin ich in Kunstprojekte involviert, aber hauptsächlich deshalb, weil ich eine schon vorher existierende Idee verstärken möchte. / Benedikt Schmidt

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Jeff Mills – Emerging Crystal Universe (Axis)
Jeff Mills ist der „Man From Tomorrow“
www.axisrecords.com

Man From Tomorrow Trailer from AxisRecords on Vimeo.

Aus dem FAZEmag #035/01.2015
Foto Jeff Mills allein: Shauna Regan