
Elektronische Musik begleitet sie seit vielen Jahren, und doch wirkt ihr aktueller Weg wie ein bewusst selbstgesetzter Neustart. Zwischen Melodic-House, Tribal-Einflüssen, Breakbeat und Indie-Dance hat sich ein Stil entwickelt, der aus verschiedensten Prägungen eine klare Richtung formt. Die Nähe zu den Menschen auf dem Dancefloor, ihre instrumentale Herkunft und ein Blick, der durch ein Psychologiestudium geschärft ist, prägen dabei entscheidend, wie sie Musik denkt und fühlt. Hinzu kommt ein Ausgleich, der ungewöhnlich klingt, aber viel erklärt: die tägliche Arbeit mit Pferden, die sowohl Ruhe als auch Konzentration und ein tiefes Gespür für Rhythmus und Verbindung erfordert. All diese Elemente greifen bei Jo van der Meer ineinander – im Studio, auf der Bühne und in der Haltung, mit der sie ihren Platz in der Szene weiter ausbaut.
„Es gibt nicht das eine Genre, das meinen Sound beschreibt – genau die Mischung aus diesen Subgenres ist es“, sagt Jo van der Meer. „House begleitet mich seit rund 15 Jahren, und in dieser Zeit habe ich ein großes Interesse für verschiedene Sounds entwickelt. Deshalb gestalte ich meine Sets vielseitig, immer mit dem Ziel, der Crowd neue, unerwartete Tracks zu zeigen und sie auf eine musikalische Reise mitzunehmen.“ Diese Offenheit spürt man in jedem ihrer Sets. Von Tribal- und Afro-Einflüssen über klassischen House bis hin zu Melodic-House und Indie-Dance zieht Jo Brücken, wo andere Grenzen sehen. „Neben House haben mich auch Genres wie Drum ’n’ Bass geprägt. Daraus ist eine besondere Affinität zu Breakbeat entstanden, den ich gerne in meinen Sets und Produktionen integriere – wie in meinem Track ,Void’.“ Dass ihre Musik so fließend und harmonisch klingt, hat mit ihrem musikalischen Hintergrund zu tun: „Durch das Spielen mehrerer Instrumente hatte ich schon sehr früh einen natürlichen Zugang zu Musik – und dadurch auch schnell zu elektronischer Musik. Dieses Fundament hat mir ein starkes Verständnis für Harmonien, Rhythmen und Strukturen gegeben.“ Ihre Erfahrung mit unterschiedlichen Genres sei ihr ständiger Begleiter: „Viele sagen, ich sei ein bisschen wie Shazam – weil ich Tracks oder selbst einzelne Elemente extrem schnell wiedererkenne. Dadurch habe ich oft schon beim Hören eines neuen Songs sofort passende Übergänge im Kopf und kann intuitiv sehr spontan spielen.“
Diese Intuition zeigte sich auch bei ihren Auftritten in einigen der bekanntesten Clubs Europas. „Im Bootshaus habe ich eine Nähe zum Publikum gespürt, wie ich sie selten erlebt habe – die Energie, die zurückkam, besonders als ich meine eigenen, teilweise noch nicht releasten Tracks gespielt habe, hat mir Gänsehaut bereitet.“ Auch das Pacha München sei für sie ein besonderer Ort gewesen: „Ich habe den Vibe geliebt, weil dort die Aufmerksamkeit wirklich bei der Musik liegt und nicht darauf, alles mit dem Handy festzuhalten.“ Und dann war da noch das Noisy Festival in ihrer Heimatstadt Hamburg: „Direkt am Hafen, während ein AIDA-Schiff vorbeifuhr – einer meiner ersten großen Gigs vor über 1.000 Menschen. Solche Momente zaubern mir noch Wochen später ein riesiges Lächeln ins Gesicht.“
Jo produziert seit diesem Jahr: „Produzieren war für mich ein natürlicher nächster Schritt. Seit 2025 habe ich angefangen, aktiv zu produzieren – und von Anfang an war ich in dieser Rolle komplett unabhängig.“ Ihre Arbeitsweise ist dabei ganz von Gefühl geprägt: „Ich experimentiere, probiere neue Sounds aus und folge einfach dem, was sich richtig anfühlt. Es geht mir dabei nicht um Perfektion, sondern um den Ausdruck von Emotionen, Geschichten und Stimmungen. Genau diese Freiheit ist das, was meine Musik ehrlich und lebendig macht.“ Wie viel Leidenschaft sie in ihre Arbeit steckt, lässt sich auch an Reaktionen aus der Szene erkennen: „Wenn Künstler, die mich selbst inspiriert haben und zu meinen größten Vorbildern gehören, plötzlich meine eigenen Tracks spielen, ist das eine riesige Bestätigung.“ Besonders ein Moment ist ihr im Gedächtnis geblieben: „Als auf TikTok ein Video von Adriatique in einer riesigen Location in Uruguay auf meine For You Page spülte – und ich dort meinen ,Dirty Cash’-Remix gehört habe – war ich unfassbar aufgeregt. Solche Supports gehören zu den Momenten, die mich am meisten motivieren, mich mit neuen Ideen wieder ins Studio zu setzen.“
Dass Jo Musik so bewusst und emotional wahrnimmt, hängt eng mit ihrem Psychologiestudium zusammen: „Mein Studium hat vor allem mein Bewusstsein geschärft: dafür, wie Menschen funktionieren, aber auch dafür, wie ich selbst auf Druck, Erwartungen und intensive Phasen reagiere.“ Ihre Bachelorarbeit schrieb sie über den Zusammenhang zwischen Persönlichkeit und Burnout-Risiko – ein Thema, das auch im Musikbusiness relevant ist. „Heute hilft mir dieses Wissen, Situationen klarer zu analysieren und mir die richtigen Fragen zu stellen. Ich mache Musik, weil sie mich erfüllt. Beim Auflegen erlebe ich oft einen Flow-Moment, in dem das Zeitgefühl verschwimmt und man vollkommen in der Tätigkeit aufgeht. Als Psychologin kann ich solche Phänomene vielleicht bewusster wahrnehmen, aber letztlich fühlt es sich für jeden gleich magisch an: Für einen Moment existiert nur noch die Musik.“
Einen ähnlichen Flow erlebt sie auch beim Reiten. „Sowohl beim Reiten als auch beim Auflegen geht es um Verbindung und Intuition: Mit dem Pferd baue ich Vertrauen auf, bin präsent, reagiere auf kleinste Signale und entwickle ein Gespür für Rhythmus. Auf dem Dancefloor ist es ähnlich.“ Gleichzeitig sei das Reiten ihr Ausgleich. „In der schnelllebigen Musikszene erdet es mich, lässt mich den Kopf frei bekommen und gibt mir Kraft – auch, weil ich selbstgezüchtete Pferde ausbilde und auf Turnieren vorstelle. Ich glaube, genau diese Balance hält mich kreativ und motiviert.“ Auch im Studio vertraut Jo auf ihr Gefühl: „Wenn ein Track nach einer langen Session noch immer im Kopf bleibt, mich bis zum nächsten Termin nicht loslässt und ich selbst die unfertige Version privat rauf und runter hören möchte, dann weiß ich, dass die Energie stimmt.“ Für sie sei Musik eine Sache des Herzens – und der Haltung. „Authentizität bedeutet für mich, einer eigenen Vision treu zu bleiben. Trends kommen und gehen, aber echte Musik entsteht aus Leidenschaft und Bauchgefühl.“
Social Media betrachtet sie dabei gelassen: „Ich sehe es als Werkzeug, um meine Musik und meine Reise zu teilen – nicht als Pflicht. Für mich ist es wie ein digitales Tagebuch, eine Möglichkeit zu zeigen, was ich liebe, und meine Leidenschaft zu teilen.“ Wichtig sei ihr, „dass die Leute spüren, wie nah ich meiner Musik wirklich stehe – es geht mir weniger um Perfektion oder Algorithmen, sondern darum, Menschen ehrlich mitzunehmen.“ Inspiration zieht Jo aus vielen Richtungen. „Vor allem Innervisions und das Scenarios-Kollektiv inspirieren mich sehr – der Sound von Artists wie Jimi Jules oder Emanuel Satie. Gleichzeitig haben mich Labels wie Defected, Toolroom und Nervous Records geprägt, und ich ziehe oft Inspiration aus DJ-Sets, die zehn Jahre oder älter sind. Mein Lieblingsset ist bis heute der BBC Radio One Essential Mix von Hot Since 82 im Space Ibiza von 2015.“
Und wenn sie über ihre Zukunft spricht, klingt sie zugleich bodenständig und voller Visionen: „Wenn ich fünf Jahre nach vorne schaue, wäre es ein Traum, auf internationalen Bühnen zu spielen – in Clubs oder auf Festivals. Ibiza hat eine besondere Anziehungskraft auf mich – dort regelmäßig aufzulegen, das wäre eine wunderbare Vision.“ Gleichzeitig arbeitet sie an neuen Releases und Kooperationen: „Ich möchte mit Artists zusammenarbeiten, die mich inspirieren, und meine Musik auf Labels veröffentlichen, die mich seit Jahren begleiten. Und wenn ich mal kurz träumen darf: Eines Tages beim Tomorrowland hinter den Decks zu stehen, an dem Ort, an dem dieser Traum vom Auflegen begonnen hat – das wäre der perfekte Full-Circle-Moment.“
Aus dem FAZEmag 166/12.2025
Text: Triple P
www.instagram.com/jovandermeermusic/