Waren seine drei Langspieler bislang eher geprägt vom typischen Sound aus Detroit, zog er einen Großteil seiner Inspiration für „////“ aus der für ihn wohl wichtigsten und prägendsten Zeit, den 90er-Jahren. Er zeigt ein noch ausgeprägteres Gespür für Melodien, Vibe und Arrangement. Die musikalischen Facetten, die Joris Voorn auf seinem neuen Werk vereint, reichen von introspektiven Kompositionen bis hin zu clubtauglichem Dancefloor-Material, zur Peaktime passend. Gitarren reiben sich an zarten Synth-Arpeggios, Breakbeats kontrastieren seelenvollen Gesang, Piano-Töne gleiten über geisterhafte Hip-Hop-Rhythmen und klassischer Techno durchdringt atmosphärische Parts – dabei kollaborierte er mit Underworld, Lazarusman und anderen. Das Album kommt am 15. November auf seinem mehr oder minder neuen Imprint Spectrum.


„Ich glaube, die Mitte der 90er-Jahre war die inspirierendste Zeit, um elektronische Tanzmusik zu hören“, sagt er im Interview während des Amsterdam Dance Events. „Künstler entdeckten jeden Tag neue Klänge und Genres, nie wieder gab es so viel Innovation in so kurzer Zeit. Während es sich in den sehr frühen 90er-Jahren so anhörte, als würden die meisten Produzenten ihr Equipment noch auf sehr einfache Weise nutzen, beherrschten um die Jahre 94/95 dieselben Künstler ihre Instrumente und Studios, um Meisterwerke zu schaffen, die 25 Jahre später noch immer inspirierend klingen. Ich bin froh, dass ich meine musikalische Reise genau zur richtigen Zeit begonnen habe“, sagt Joris. „Diesem Album habe ich einen großen Teil meines Lebens gewidmet und ich bin sehr glücklich mit dem Ergebnis. Ich bin ein Perfektionist und irgendwie auch ein Kontroll-Freak, somit war die Zeit während der Produktion mitunter auch sehr stressig, weil ich mit jedem Part zufrieden sein wollte“, lacht er. Mitnichten weniger für diesen Stress hat auch seine soundtechnische Entwicklung gesorgt. „Ich glaube, mein Sound hat sich dramatisch verändert. Während ich bei ,Nobody Knows’ in einer Phase war, wo ich meinen Sound quasi noch gesucht und wesentlich organischer geklungen habe, klinge ich nun wesentlich roher. Das Album ist sicherlich von den 90er-Jahren geprägt, wenn es auch nicht exakt wie die 90er klingt.“ Und so wurde das Album nicht binnen eines kurzen Zeitraums, sondern vielmehr innerhalb einiger Jahre fertiggestellt. „Ich arbeite konstant an Musik, schließlich ist es nicht nur mein Job, sondern auch meine absolute Passion und Liebe. Sicherlich das Projekt verlangsamt hat die Tatsache, dass wir recht lange mit einem Label über das Release gesprochen haben und es am Ende nicht wie geplant funktioniert hat. Das hat rund ein Jahr gekostet. So lange, dass ich leider zu viel Zeit zum Nachdenken hatte und angefangen habe, Sachen zu ergänzen oder zu ändern“, erzählt Joris lachend. „Die typische, niemals endende Geschichte. Aber ich bin sehr happy mit dem Ergebnis. Seit wir uns für BMG entschieden hatten, lief alles superschnell und sehr professionell.“

Darüber hinaus hat er 2019 noch an ein paar Stellschrauben gedreht. „In diesem Jahr haben wir die Timelines verändert und es fühlt sich frisch und gut an. Generell fühlte sich 2019 für mich wesentlich produktiver an als noch die zwei Jahre zuvor. Mit dem Album gab es auch einen klaren Fokus, anders als 2017 und 2018 zum Beispiel.“ Und so hat sich Voorn in diesem Jahr mit der Kollaboration mit Karl Hyde und Rick Smith alias Underworld einen Traum erfüllt. „Karls Stimme ist so einzigartig und hat eine ganze Generation geprägt. Man muss zugeben, dass es niemanden gibt, der so klingt wie er. Nur Karl Hyde klingt eben wie Karl Hyde. Seine Mixtur aus Gesang und Sprache ist ein Unikum. Wir hatten vor ein paar Jahren ein Meeting hier in Amsterdam während des ADEs, bei dem wir fast zwei Stunden über Kunst, Musik und das Leben im Allgemeinen gesprochen haben. Am Ende, als wir über eine mögliche Kollaboration sprachen, sagten sie ,Sorry, Joris, wir haben leider keine Zeit dafür’. Wir haben ihnen trotzdem die Musik geschickt. Ein paar Monate später haben sie sich gemeldet und gesagt, dass sie supergerne mit mir arbeiten würden. Letztendlich habe ich den Track sogar komplett überarbeitet, damit der Vibe besser zum Rest des Albums passt.“

Veröffentlicht wird das Album auf Spectrum Music. Mit dieser Brand hostet Voorn bereits seit einiger Zeit ganze Stages bei Festivals und veröffentlicht regelmäßig Radioshows. „Es war nie die Idee, Spectrum zu einem Label zu entwickeln. Irgendwie hat mir aber dennoch eine Basis gefehlt, um befreundete Künstler zu vereinen und unter einem Dach verschiedenste Projekte zu realisieren. So entstand dann irgendwann die Idee, Spectrum noch breiter aufzustellen. Und das Album dient als perfekter Launch dafür. Green, wo meine Alben bislang veröffentlicht wurden, wird damit in den Ruhestand versetzt. Alles hat seine Zeit und irgendwann ein Ende.“ Für den Rest des Jahres hat Voorn den Start seiner Album-Tour auf der Agenda. Doch den Blick auf ebendiese wagt er nur recht selten, wie er zugibt. „Das mag vielleicht verrückt klingen, aber ich weiß nie, wo ich in der kommenden Woche spiele. Das mache ich ganz bewusst, weil es mir so die Möglichkeit bietet, noch mehr im Hier und Jetzt zu leben, ohne mich zu sehr auf etwas zu fokussieren, was sowieso noch nicht greifbar ist. Ich weiß, dass einige Highlights auf mich warten, wie z. B. der Room 26 in Rom mit einer fantastischen Anlage. Oder auch zu Hause in meiner Heimat in Tilburg, wo ich geboren wurde. Auch sehr wichtig wird die Release-Party in London sein, bei der ich die gesamte Nacht spielen werde. Aber wie gesagt, alles zu seiner Zeit. So genießt man den Moment noch viel intensiver“, lacht Joris.

 

Aus dem FAZEmag 093/11.2019
Text: Triple P
Foto: Jos Kottmann