In unserer ersten Ausgabe FAZEmag 001 (März 2012) war Jürgen Laarmann, der vor allen in den 90ern als Herausgeber der Frontpage sowie Mitveranstalter von Mayday und Loveparade bekannt wurde, mit dabei und bescherte uns den ersten Teil der seiner regelmäßigen Kolumne “Eternal Rules Of Nightlife”, deren erste Ausgabe “Der Paradiesvogel” wir nun im Rahmen unserer 100. Ausgabe veröffentlichen:


 

Das optische Hightlight jedes Night-Events. Diese Nightflies verwandeln sich nachts zu Paradiesvögeln und nutzen den Tag allenfalls dazu, sich das Geld fürs Nightlife zu besorgen und ihre Outfits zusammen zu stellen.

Die Konsequentesten lehnen es ab, im Nachtleben zu arbeiten – obschon sie ständig Angebote als Gogo, auffälliges Barpersonal etc. bekommen –, denn die Nacht ist für sie zum Feiern und nicht zum Arbeiten da.

Begegnet man den Paradiesvögeln dennoch mal bei Tageslicht, gibt es zwei Unterscheidungen. Die immer Glamourösen, die dann im Glücksfall auch in einer Branche tätig sind, die ihnen, auch wenn die Sonne scheint, ihr glitzerndes Gala-Auftreten ermöglicht. Und die, die einem ein Jekyll-Hyde-Erlebnis bescheren. Bei ihnen trifft man auf einen müffeligen, schlecht angezogenen Menschen, dem es selbst nicht angenehm ist, dass man ihn in diesem Zustand erwischt. Womöglich erkennt man ihn auch gar nicht. Dann ist der Unterschied von Tag und Nacht so groß, dass der Paradiesvogel unerkannt in den Tag hineinleben kann und dafür auch in Kauf nimmt, dass er nur kostümiert gegrüßt wird.

Egal wie sie tagsüber aussehen oder was sie treiben, nachts gelten sie als unverzichtbares optisches Element und verhelfen den Veranstaltungen zu ihrem guten Ruf oder ebnen ihnen den Weg zur Legende. Dies passiert häufig in Form eines später veröffentlichten Fotos in der lokalen Klatschspalte, das allen, die nicht dabei waren, ein Dokument darüber ablegen soll, was für einen schillernden Event sie verpasst haben.

Auch wenn sich auf der Veranstaltung nur ein sogenannter Paradiesvogel rumgetrieben hat, so ist der für den Nightlife-Fotografen doch das geeignetere Objekt als all die legeren Jeans- und Grauträger, deren Beitrag am Partygeschehen auf einem Foto einfach nicht so gut rüberkommt wie eine Boa, Gloss, Glitter und ein auffälliges Dekolleté. Der Paradiesvogel schätzt diese Form der Anerkennung, schließlich investiert er in der Regel sehr viel Zeit, Mühe und Geld in sein fantasievolles Erscheinungsbild. Auch einigen Veranstaltern ist der Paradiesvogel als Gast so wichtig, dass es eine Discotraditionsregel gibt, extrem gut gestylte Leute kostenlos rein zu lassen bzw. wenigstens an der Schlange vorbei nach vorn zu rufen. Da sie ihr buntes Outfit auch meist freundlich und gut gelaunt durch die Gegend tragen, sind prädestiniert für Küsschenorgien, Umarmungen und Lobpreisungen, denn die Paradiesvögel ernten nicht nur gern Komplimente, sondern geben häufig auch Schmink- und Styling-Tipps an ihre etwas unauffälligeren Bekannten weiter. Oft wünschen sie sich sogar, dass mehr Leute so viel Wert auf das Setzen optischer Akzente legen würden wie sie. Das wäre bunter und lustiger, und sie hätten mehr Partner zum Austauschen der vielen kleinen Tips und Tricks.

Optische Exaltiertheit garantiert nicht unbedingt abstraktes Gedankengut. Während die Creatures of the Night unnahbar und wie von einer fernen Welt wirken, ist manch supergestylter Typ außerhalb der Disco eher bieder. Das gilt auch für Hobbyfetischisten, die mit ihrem exaltierten Auftritten sexuelle Wunschträume schüren. Ein Lack-Leder-Gummi-Metall-Dress ist keine Garantie dafür, dass die versprochene Orgie später in einem Lack-Leder-Gummi-Metall-Raum stattfindet und nicht vor einer Eiche-Hell-Schrankwand.

Ernüchterung macht sich breit, wenn die Paradiesvögel mit anstrengenden politischen, sozialen oder ernsthaften privaten Themen konfrontiert werden, schließlich wähnen sie sich in einer Welt des Glanzes und Glitters und empfinden alles Alltägliche als Störung, zur Feierstunde allzumal. Ihr Desinteresse an dergleichen mag mitunter auch an mangelnden Kenntnissen des Profanen bestehen. Lieber die Offerten von Gucci kennen und wissen, wo man sich in Brasilien oder Polen schicke Titten basteln lassen kann, als auch noch einen Meinungsbeitrag zur Wahl des neuen Bundespräsidenten zu liefern!

Wer sich seit Jahren vergeblich um die Rolle des Paradiesvogels bemüht und trotzdem nie bevorzugt behandelt wird, oder im schlechtesten Falle auch noch aufgefordert wird, aus dem Bild zu gehen, wenn mal wieder ein Partyfoto geknipst wird, sollte sich schleunigst nach einer anderen Rolle im Nachtleben umschauen. Vielleicht nach der des unauffälligen, aber stets geschmackvoll Gekleideten.

Der zufriedene Paradiesvogel kann nach einer Weile feststellen, dass seine Kosten-Nutzen-Rechnung voll aufgeht. Bewegt er sich in einem Revier, das ziemlich arm an glamourös aussehenden Menschen ist, stellt er nach einiger Zeit sogar fest, dass stets er auf allen Fotos zu sehen ist. Alle anderen müssen sich dann fragen, wie weit es mit den legendären Partys in ihrer Gegend her ist, wenn man später immer wieder auf Bilder mit den gleichen Gesichtern stößt. In manchen Landkreisen oder Mittelstädten entsteht fast der Anschein, die örtliche Partyszene würde sich eigens für ihre anschließenden Dokumentationen einen Transvestiten, eine Brasilianerin im Bikini oder einen Elvis leisten.

Junge, unerfahrene Paradiesvögel stehen oft unter dem Druck, dass ihr Aussehen mehr verspricht als es hält. Wer mit 15 schon als umwerfendes Vamp verkleidet auftritt, muss damit rechnen, von Männern angesprochen zu werden, die hohe Anforderungen stellen und denen Kichern und Fanta  trinken nicht wirklich zusagen. Auch die Zahnspange hinter dem Jeanne-Moreau-Mund kommt höchstens bei Pädophilen gut an.

Die Angst vorm Älterwerden und irgendwann nicht mehr so toll aussehen ist bei den Paradiesvögeln recht groß, da sie schließlich ihre Jahre im Nightlife zu einem großen Teil damit verbracht haben, über genau jene zu lästern, die nicht toll aussehen bzw. abbauen. Manche müssen dann auch feststellen, dass ihre Verkleiderei lustige Begleiterscheinung einer Lebensphase war, aber nicht wirklich ein Lebenswerk. Obwohl ein paar schöne Fotos übrigbleiben, die sie aber zu- weilen verstecken, damit niemand sieht, wie viel besser sie dereinst aussahen.

 

Die erste Ausgabe (und viele weitere) kannst du dir hier gedruckt oder digital nachkaufen:
www.savefazemag.de

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