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Juliet Sikora – Antrieb durch Leidenschaft


Die in Strzelce Opolskie in Polen geborene Juliet Sikora begann ihre musikalische Karriere, da war die Jahrtausendwende noch nicht geschehen. Dennoch hat man von ihr stets den Eindruck, als gehöre sie immer noch zur Welle neuer und frischer Akteure, die einer gesamten Szene in diesen Tagen neuen Wind einhauchen. Dabei liegt ihre erste Produktion „Together No“, die sie gemeinsam mit Tube & Berger auf Opaque Music veröffentlichte, bereits zehn Jahre zurück. Allein 2011 legte sie mit „Fuk Ur Money“, „Alpina Lodge“ und dem mit Flo Mrzdk entstandenen „Shanti“ Tracks hin, die sowohl von Kritikern als auch von Dancefloors rund um den Erdball gefeiert wurden. Dies konnte man ohne Zweifel auch von ihren Remixen für Künstler wie Hector Couto, Tod Terry, Lane8 und Tube & Berger behaupten. In der Zwischenzeit landete die Managerin und Inhaberin des Labels Kittball Records mit „Come On Now (Set It Off)“ – ebenfalls mit dem Solinger Duo – einen dieser waschechten Hits. Von Pete Tong wurde der Track zu einem „Essential Tune Of The Week“ gewählt, ehe er ihn anschließend auf seinem Label FFRR signte. Auch Sikoras „Larrys Garage EP“ im vergangenen Jahr erfreute sich großer Beliebtheit und hievte sie nochmals mehr auf internationales Plateau. Für Ende des Jahres steht weiterer Output der in Dortmund lebenden Mitbegründerin des Charity-Projekts „It Began In Africa“ an.

Zur elektronischen Musik gekommen ist Sikora über den Hip-Hop. „Großraumdisco mit 15, meist im Black Music Floor zugegen, erkundete ich eines Tages auch mal den Floor daneben – da war es um mich geschehen. Ich tauchte immer tiefer in die Szene ein und stellte schnell fest, dass mir der Besuch der Partys an sich nicht mehr genügte. Mit 16 war ich das erste Mal auf der Nature One sowie auf der Mayday und besuchte regelmäßig das Tanzhaus West, Stammheim Kassel, Café Hösels, Dockland und das Trinidad. Ich erinnere mich daran, wie sich Marusha singend einen Karton über den Kopf stülpte während ihres Auftritts und Carl Cox mich immer wieder sprachlos machte sowohl mit seiner Art als auch mit seinen DJ-Sets. Im Planet in Bochum sah und hörte ich auch erstmals Sven Väth. Wie ein Frosch saß er auf der Theke – so viele unbezahlbare Erinnerungen haben in mir eine unabdingbare Liebe zu dieser Szene entwickelt. So viele Momente, die mich im Laufe der ganzen Jahre geprägt haben, dass ich sie eigentlich in einem Buch niederschreiben müsste (lacht).“ Musikalisch fing Sikora mit den damals omnipräsenten Stilen wie Vocal- und Club-House an. Ihre Helden waren Leute wie Stefan Hellmich und Ingo Sänger, genauso aber auch Frankie Knuckels, Bad Boy Bill und Co. „Der damalige Deephouse hat mit dem Sound, der heute so genannt wird, nur recht wenig zu tun. Zwischenzeitlich, im Laufe meiner Karriere als DJ, wusste ich nicht so recht, wo die Reise mit mir und meinem Sound hingeht, jeder DJ kennt diese Momente. Ich hatte einige Male das Gefühl, den Faden verloren zu haben – meist dann, wenn ich auf andere gehört habe und mich daraufhin in einer Sackgasse wiedergefunden habe. Ich konnte damals mit dem ganzen Minimal und Electro-House-Thema nicht viel anfangen, habe es trotzdem probiert und verloren. Aber so habe ich meine Liebe für warmen House-Sound in all seinen Facetten gefunden, wie ich ihn heute spiele und produziere. Hier fühle ich mich wohl und gut aufgehoben. Viele Künstler switchen gerade zum Techno, weil es aktuell en vogue ist – ich bleibe dieses Mal jedoch meinem treibenden Booty-Shake-Sound treu.“

Im Gegensatz zu diesen Kollegen, die in der Regel ausschließlich mit Studio-Arbeit und den Gigs am Wochenende beschäftigt sind, kümmert sich Sikora unter der Woche um das äußerst erfolgreiche Label Kittball. „Viele denken, der Job des Labelmanagers besteht darin, erst mittags im Büro zu erscheinen und dann für ein paar Stunden Kaffee zu trinken und Demos zu hören. Leider ist dem nicht so. Oftmals sitzen wir bis spät in die Nacht am Schreibtisch und kümmern uns um superspannende Sachen wie Buchhaltung, Verträge, Lizenzen, PR, PR-Organisation, GEMA, digitale Distribution, Vinyl-Produktion und vieles mehr. Mit meinem Künstler-Dasein on top führt das nicht selten zu einer 7-Tage-Woche. Ohne Leidenschaft auf diesem Gebiet wäre das ein Ding der Unmöglichkeit. Jeden Tag stehe ich mit einem breiten Lächeln auf dem Gesicht auf und werde mir dessen bewusst, dass ich äußerst privilegiert bin. Im Gegensatz zu vielen Menschen auf dieser Welt hatte ich die Möglichkeit, mein Hobby zum Beruf zu machen – das größte Glück im Arbeitsleben. Dafür danke ich dem Universum.“

Im Jahr 2016 bereiste Sikora bislang neben unzähligen deutschen Metropolen auch Dubai oder Länder wie Indien, Südafrika und die Türkei. „Ich musste dabei feststellen, dass die politische Situation in den jeweiligen Nationen auch weltweiten Einfluss auf die Clubszene hat. Besonders in der Türkei und in Südafrika. Die junge Generation in der Türkei, die ich kennengelernt habe, verabscheut das, was gerade vor Ort passiert – sieht sich aber machtlos, der Politik etwas entgegenzusetzen. Zu schnell werden sie zur Zielscheibe der Politik. In Südafrika sind es die Kriminalität, die Korruption und die Kluft zwischen Arm und Reich. Auch wenn ich gerade etwas ausweichend bin, hat mich das schon sehr berührt. Nicht ganz so bewegt, aber ebenfalls genervt war ich in diesem Jahr von den immer wieder gleichen Festival-Line-ups. Ich habe das Gefühl, dass sich immer weniger Veranstalter trauen, von dem aktuellen Standard-Repertoire abzuweichen. Das bedeutet zu wenig Innovation für den Gast und zu wenig Platz für neue Künstler.“ In den restlichen Wochen dieses Jahres wird ihr Tour-Kalender sie erneut auf eine Tour nach Indien führen – in ein Land, in dem sie bereits einige verrückte Situationen erlebt hat. „Egal wo man in diesem riesigen Land ist, man sieht immer wieder die gleichen Gesichter – so klein ist die Szene dort.“ Bei der Frage nach der schönsten Location kam zügig die Antwort: „Die für mich schönste Location ist der Club Deep in Makarska – eine kleine Höhle direkt am Meer, wo man vom Dancefloor ins Meer springen konnte. Unfassbar schön.“ Nach ihrem Release „DIVA“ im Sommer geht es mit zwei Veröffentlichungen auf Suara und Kittball weiter. Auf letzterem liefert sie eine Single mit King Brain, zu der es einen Agent!-Remix geben wird. Geplante Veröffentlichung ist Anfang Dezember. „Gemeinsam mit Return of the Jaded bringe ich auf meinem liebsten Katzenlabel Suara als Teil des ,Kitties wanna dance’-Releases einen Track heraus. Das gesamte Werk erscheint am 21. November und wird ziemlich meow (lacht). Darüber hinaus sind noch einige andere Sachen in der Pipeline wie beispielsweise eine weitere Kollaboration mit meinen Supermonkeys Tube & Berger für deren Album.“ Fragt man sie nach Plänen und Vorsätzen für das Jahr 2017, ist die Antwort eindeutig: „Mehr produzieren, mehr auflegen und mehr Menschen mit meiner Musik glücklich machen.“

Aus dem FAZEmag 057
Text: Triple P
www.facebook.com/julietsikora