JuniorBoys_PdW
Nach dem letzten Album „It’s All True“ war das kanadische Duo „Junior Boys“ für fünf Jahre in einen tiefen Winterschlaf gesunken. Ob sie gemeinsam noch einmal aufwachen würden, oder wann, das wussten sie selbst wohl am wenigsten. Denn Jeremy Greenspan und Matt Didemus waren solo dafür umso wacher und sehr busy. Doch mit einer Hommage an ihre Heimatstadt Hamilton beenden die Kanadier nun ihren langen Winter, indem sie sich ihm zugleich kopflos hingeben. Das neue Album wollten Jeremy und Matt, im Gegensatz zu den Vorgängern völlig unkonzeptionell angehen, was ihnen eine andere Sicht auf sie selbst, als Junior Boys erlaubte. Der unvoreingenommene Blick der Anfangszeit. Diese Frische spürt man. Der namensgebende Titeltrack „Big Black Coat“ setzt die dichte Atmosphäre des gesamten Albums. Eine musikalische Mischung aus Techno, Pop, Disco und Soul schwankt zwischen kanadischen zweistelligen Minusgraden und sommerlichen Plustemperaturen. So auch das phantastische Cover von Bobby Caldwells 1978er “What You Won’t Do For Love”, das zweite Cover des Duos überhaupt. Das neue Album „Big Black Coat“ ist besser als jeder XXL-Mantel. Man kann sich aber- und abermals in ihm einwickeln, bis man einfach eingemummt verschwindet, sich im Hören und haltlosen Tanzen der elf Stücke verliert. Was keineswegs heißen soll, dass das Album weichgespülter Kuschelfummel sei. Im Gegenteil. Manchmal kratzt oder kitzelt der stellenweise raue Stoff dieses Albums, je nachdem wie er gerade flattert, wenn er unmittelbar die Haut berührt, unvorbereitet das Nackte der Sinne trifft und damit verstört. Und plötzlich schmiegt er sich wieder mit seiner samtigen Seite an. Ein großartiger Neuanfang. 10/10 Csilla Letay