Vitali Gelwich Photography Berlin Vreeze Studio Kaiserdisco djs Hamburg KD Music 015


Zweifellos gehört das Hamburger Duo Kaiserdisco zu den bekanntesten Techno-Künstlern Deutschlands. Frederic Berger und Patrick Buck können auf eine lange Liste von Releases auf namhaften Labels zurückblicken, darunter Drumcode, Glasgow Underground, 100% Pure, Suara und Get Physical. Auch als Betreiber ihrer beiden Imprints KD Music und KD Raw haben sie es geschafft, den Namen Kaiserdisco in der Techno- und Tech-House-Szene international bekannt zu machen. Zu ihrem Erfolgsrezept zählen Detailverliebtheit, Innovationen und eine unverbogene Ehrlichkeit, die die zwei zu unverfälschten Tracks mit klar erkennbarer Handschrift befähigt. Kaiserdisco stehen nicht nur für einen markanten Technosound, sondern auch dafür, was elektronische Musik ausmacht. Die Stücke der beiden sind musikalisch offen und stets tanzbar, was Fans auf der ganzen Welt bestätigen. Mit KD Music und KD Raw gaben sie zudem unter anderem Mladen Tomic, Metodi Hristov, Carlo Ruetz, Rob Hes, Arjun Vagale, Danny Serrano und Ramiro Lopez eine Plattform, um die Vision von zeitgenössischer elektronischer Musik weiterzutragen.

Es ist April, bald geht die Festivalsaison wieder los. Wie bereitet ihr euch darauf vor?

Patrick: Wie jedes Jahr fängt auch dieses wieder ein bisschen ruhiger an. Bei uns beiden beschränkte sich die Möglichkeit, Sonne zu tanken, allerdings auf ein paar Tage zwischen einem Gig auf einer kleinen kolumbianischen Insel namens San Andres und einem anschließenden Auftritt beim BPM Festival in Mexico. Ansonsten sind wir fleißig im Studio am Basteln, da wir an einem neuen Album arbeiten, welches voraussichtlich im späten Herbst erscheinen wird. Körperlich sieht es bei mir im Moment so aus, dass ich wie jedes Jahr mit vollem Elan versuche, die im Winter gesammelten Pfunde durch ausgiebiges Laufen wieder herunter zu bekommen. Zusätzlich versorgt mich meine Freundin jeden Morgen liebevoll mit einem Glas Apfelessig-Wasser-Honig-Gemisch, gefolgt von einem grünen Smoothie sowie einem äußerst gesunden, aber auch fürchterlich schmeckenden Glas Tee aus der Löwenzahnwurzel.

Wie hat sich eurer Meinung nach euer Sound über die Jahre verändert?

Patrick: Wir sind im Laufe der Jahre auf alle Fälle wesentlich technoider geworden. Während wir am Anfang irgendwo zwischen Minimal, Tech-House und Techno standen, hat sich über die Jahre hinweg herauskristallisiert, dass unsere musikalische Reise immer mehr in Richtung Techno geht. Nach wie vor ist unsere Devise zwar immer noch, dass alle Tracks, die wir produzieren, grooven müssen, zwingend tanzbar sein sollen und zudem auch noch primetime-orientiert sind, jedoch findet das mittlerweile fast ausschließlich im Bereich Techno statt. Ein positiver Nebeneffekt ist, dass wir so natürlich musikalisch auch einfacher einzuordnen sind. Es wird also heutzutage bei einem Auftritt von uns niemand mehr erwarten, dass wir ein fluffiges, grooviges Tech-House-Set spielen.

Mit KD Music und KD Raw leitet ihr gleich zwei bekannte Labels. KD Music ist gerade fünf Jahre alt geworden. Wie habt ihr das gefeiert?

Frederic: Wir hatten uns Anfang 2016 Gedanken gemacht, wie man das fünfjährige Bestehen unseres Labels feiern könnte. Klassisch wäre es gewesen, frische Remixe von den größten Hits des Labels machen zu lassen – daher nahm ich Kontakt mit verschiedenen Künstlern wie Nicole Moudaber, Stefano Noferini, Philip Bader und Christian Nielsen auf. Nicole und Stefano waren aber mit ihren Remixen überhaupt nicht zufrieden und sagten uns nach diversen Versuchen und über neun Monaten Zeit leider ab. Daher entschlossen wir uns, eine Compilation mit unseren Favoriten aus fünf Jahren KD Music zu veröffentlichen und die frischen Remixe und unveröffentlichten Tracks von Philipp Bader, Christian Nielsen und uns als Bonus obendrauf zu packen.

Welcher Moment in der Geschichte von KD Music sticht für euch heraus?

Patrick: Ich denke, dass die Zeit vom Entschluss, ein Label zu gründen, bis hin zur ersten Veröffentlichung, die dann wirklich überall in allen Läden zu kaufen ist, die spannendste war. Und natürlich das Glücksgefühl, zu sehen, dass nach der ganzen Arbeit die erste EP auf unserem Label auch gleich in die Beatport-Charts eingestiegen ist und sich dort auch noch sehr gut geschlagen hat. Ein weiterer toller und spannender Moment war die Erstausstrahlung unserer monatlich erscheinenden „KD Music Radio Show“, welche im Mai nun auch schon ihren vierten Geburtstag feiert und neben SoundCloud und iTunes auf über 60 Radiosendern weltweit zu hören ist. Zusätzlich haben wir relativ zu Beginn einmal zu Promotionszwecken zum ADE ungefähr 1000 KD-Music-Jutebeutel herstellen lassen und diese dann eigenhändig in der ganzen Stadt verteilt beziehungsweise an so ziemlich jedes Fahrrad gehängt, an dem wir vorbeigekommen sind. Gott sei Dank gibt es in Amsterdam ja reichlich davon. Auf alle Fälle auch ein toller Moment.

Was steht in den nächsten Wochen und Monaten auf KD Music und KD Raw an?

Patrick: Auf KD Raw ist gerade die neue EP von Kernel Key erschienen, über die wir sehr glücklich sind, denn er war schon als einer der ersten Künstler bei KD Music dabei und präsentiert hier genau die Art von Techno, die wir auf Raw gerade abfeiern. In der zweiten Hälfte des Monats April folgt eine weitere EP von unserem guten Freund Alex Costa, mit dem wir letztes Jahr schon kollaboriert haben und der ebenfalls die Art von verspultem Techno macht, der uns antreibt. KD Music präsentiert sich grooviger und empfängt im April einen alten und einen neuen Hasen: Der alte Hase ist F.Sonik, ein slowenischer Künstler, der in unseren Augen völlig unterschätzt wird. Er ist einer der wenigen Acts in der Branche, der seine eigene Handschrift hat, den man also sofort am Sound und Groove erkennen kann. Wir sind auch sehr glücklich, dass sich F.Sonik, obwohl er gerade wieder Vater geworden ist und sehr wenig Zeit fürs Studio hat, trotzdem die Zeit genommen hat, einen neuen Remix von unserem „House Of God“-Track zu machen, den wir zusammen mit Alex Costa produziert haben. Der junge Hase, den wir auf KD Music willkommen heißen, ist ASIO (aka R-Play). Ein junger Franzose, den wir vor ein paar Jahren in Paris kennengelernt haben und wegen seiner coolen Tracks auch schon auf dem Schirm hatten. Wie immer dauert es manchmal etwas, das Material zu bekommen, bei dem wir sagen: Genau das ist es! Aber nun ist es endlich so weit und er präsentiert eine tolle Debüt-EP, wie wir finden.

Das Nutzen von Social Media hat das Arbeitsleben von DJs stark verändert. Wie geht ihr mit der Fülle an Plattformen um, auf denen sich eure Fans befinden? Wie steht ihr zu Facebook und Co?

Patrick: Wir finden hauptsächlich auf Facebook, Instagram und Twitter statt. Anders als viele andere große DJs und Künstler betreuen wir hier alle Accounts noch komplett selbst, was heute tatsächlich nicht mehr bei jedem der Fall ist. Für uns sind diese drei die wichtigsten und nützlichsten Plattformen, um mit unseren Fans zu kommunizieren, diese mit mehr oder weniger wichtigem Content zu versorgen und zu zeigen, was bei uns gerade so los ist. Dabei geht es uns darum, uns so darzustellen, wie wir als Künstler beziehungsweise auch einfach als Personen sind und wie wir von den Fans wahrgenommen werden wollen. Denn nur so kann eine Beziehung zwischen Künstler und Fan aufgebaut werden und genau diese Verbindung ist dann entscheidend. Dies tun wir, indem wir zunehmend Videos, Storys und Live-Aufnahmen auf Facebook und Instagram posten. Zudem bin ich der Meinung, dass der künftige Trend im Social-Media-Bereich die Virtual Reality sein wird und Snapchat, GIFs, Videos, Storytelling und Live-Aufnahmen quasi nur die Vorreiter sind.

Ihr streamt eure Radioshow mittlerweile live bei Facebook. Wie wichtig ist Livestreaming für euch?

Patrick: Das Livestreaming ist im Moment eine wichtige und tolle Sache, da es von den Facebookfans zurzeit sehr gut angenommen wird. Es erregt einfach mehr Aufmerksamkeit und sticht natürlich im Vergleich zu anderen normalen Posts auch sehr aus der Masse hervor. Der eigentliche Sinn von einem Live-Streaming ist, wenn man es genau nimmt, bei einer Radioshow wie unserer oder zum Beispiel der von Drumcode natürlich nicht mehr gegeben, da Radioshows ja in der Regel wie ein Podcast vorproduziert sind und dann halt nur „live“ abgespielt werden. Im Normalfall erwartet der Facebookuser natürlich eher, dass jetzt in diesem Augenblick wirklich jemand etwas live macht, somit wird sich zeigen, ob das Interesse vielleicht auch schnell wieder abnimmt, besonders dann, wenn immer mehr Leute die Live-Funktion auf diese Art nutzen. Aber im Moment ist es für uns eine gute Sache, die Show so präsentieren zu können, und wir sind froh darüber, dass es sehr gut angenommen wird.

Erzählt bitte etwas über euren Mix! Wie habt ihr ihn aufgenommen und wie geht ihr bei der Trackauswahl für einen solchen Mix vor?

Frederic: Als die Anfrage von euch kam, haben wir zuallererst eine Auswahl unserer Lieblings-Tracks der letzten Wochen gemacht und diese dann noch mal ausgiebig im Club getestet. Als wir eine ausreichende Anzahl an Titeln zusammen hatten, haben wir uns die Reihenfolge der Tracks überlegt. Hierbei nutzen wir zum Teil auch gerne mal „Mixed In Key“, um eine harmonische Dissonanz zu vermeiden. Zum Teil soll in diesem Fall heißen, dass oftmals Titel, die harmonisch weit voneinander entfernt sind, trotzdem zusammenpassen, da wir uns ja oft in einem musikalischen Bereich bewegen, in dem Tracks eher atonal sind, besonders in der Rein- und Rausmix-Phase. Um das kurz zu fassen: Ein Titel, der eigentlich tonal nicht passen dürfte, passt irgendwie doch, weil halt wenig im tonalen Bereich passiert. Gerne schneiden wir auch Edits von Tracks, bei denen wir das Gefühl haben, dass sie irgendwo eine Länge aufweisen. Am besten lässt sich so ein Mix unserer Meinung nach immer vor einem Gig aufnehmen, also dann, wenn die Motivation am größten ist. Und so haben wir den Mix dann kurz vor dem Trip zum nächsten Gig im Studio aufgenommen. Ähnlich wie bei unseren Club-Sets nehmen wir solche Mixe in Traktor auf. Anschließend laden wir den fertigen Mix noch einmal in Logic hinein und überprüfen, ob auch alle Lautstärkenverhältnisse zwischen den unterschiedlichen Titeln perfekt sind und alle Übergänge auch bestmöglich hingehauen haben. Dies sind alles Dinge, die sich doch sehr von einem Live-Mix mit zusätzlicher Clubatmosphäre unterscheiden. In einem Studio-Mix hört man halt doch jeden noch so kleinen Fehler, der abends im Club niemals wahrzunehmen wäre. Ganz am Ende gibt es eventuell noch ein minimales Mastering, meistens lediglich in der Form, dass ein kleiner Limiter eingesetzt wird – et voilà!

Wie sehr gibt der Mix einen Einblick in einen Clubabend mit euch beiden?

Frederic: Das ist recht kurz und knackig zu beantworten. Dieser Mix spiegelt so ziemlich das wider, was man auch an einem Clubabend mit uns erwarten kann. Wir denken, es macht herzlich wenig Sinn, in solch einem Mix etwas anderes zu präsentieren als das, wofür wir in unseren Produktionen und DJ-Sets stehen.

Ab sofort und exklusiv bei iTunes: FAZEmag DJ-Set #62 – Kaiserdisco 
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Aus dem FAZEmag 062/04.2017
Text: Philipp Steffens
Foto: Vitali Gelwich
www.kaiserdisco.net