Credit: Florian Kalotay


Ganze acht Jahre sind seit seinem letzten Langspieler vergangen. Nun sorgt Sacha Winkler aka Kalabrese in für ihn typischer Manier – entspannt, herzlich mit einer gehörigen Portion Disco, Blues, Groove und Clubmusik – endlich wieder dafür, dass es rumpelt. Der Schweizer hat die Zeit der Pandemie so ausgiebig genutzt, dass das neue Material nun sogar in Part 1 und 2 erscheint. Veröffentlicht werden die Werke wie auch sein Erfolgsalbum aus 2013 „Independent Dancer“ auf seinem eigenen Imprint Rumpelmusig in Kooperation mit Compost Records. Der erste Teil ist am 1. Oktober erschienen. Sein Ziel war es während der Aufnahmen, kein zu verkopftes Album zu machen: „Einfach treibende, herzensgute Songs in typischer Rumpelmanier, die einen direkt unverblümt abholen, einem die Möglichkeit geben, die Augen zu schließen, sich auf einem sehnsuchtsvollen bittersüßen Grund zu bewegen. Dabei ganz sanft die Hüfte anstoßen, und man beginnt, zu tänzeln und zu träumen.”

Sacha, zunächst einmal Glückwunsch zum dritten Album. Wie fühlst du dich mit dem fertigen Werk?

Ich bin sehr dankbar, an diesem Punkt angelangt zu sein. Ich hätte nicht gedacht, dass ich das zustande kriege in so kurzer Zeit, in so einer schwierigen und speziellen Situation. Doch die Pandemie hat tatsächlich auch ihre guten Seiten. Endlich hatte ich, durch die freigewordene Zeit ohne Gigs und Clubbetreuung, die Energie und konnte mich fokussieren und konsequent in die Tiefe gehen beim Komponieren. Und ich war inspiriert durch die solidarische Unterstützung der Crowdfunding-Community.

Wie genau lief die Kampagne ab und welche Möglichkeiten, aber auch Energien hat diese freigesetzt?

Nun ja, ich hätte nie mit diesem Erfolg gerechnet. Ehrlich gesagt habe ich mich zu Beginn gar nicht getraut. Meine Freundin hatte die Idee und meinte, dass ich in all den Jahren viel Liebe und Zeit in die Community gesteckt hatte, und ich sicher etwas zurückbekommen werde. Und prompt hat es unglaublich gut funktioniert. Ich bin quasi überwältigt worden. In einer solch schwierigen Situation, wo quasi jeder sparsam sein muss, habe ich eine grandiose Großzügigkeit erlebt. Ich bin zutiefst dankbar. Ich wurde durch dieses Resultat richtiggehend beflügelt und habe wie hypnotisiert daran gearbeitet und es sogar geschafft, für zwei Alben Material zu erarbeiten.

Das Ergebnis ist in jedem Fall beeindruckend. Zwei Releases, vier Vinyls. Doppeltes Gerumpel, wenn man so möchte.

Ja, genau, ich bin diesen Winter und Frühling in einen richtigen Studio-Flow reingekommen. Ich war beflügelt von einer riesigen Welle der Solidarität meiner Community und ich wollte unbedingt ein Album fertig machen. Meine Mutter leidet seit zwei Jahren an Krebs und es ging stets ein wenig bergab. Ich wollte, dass sie das Album noch zu hören bekommt. Zuweilen hypnotisiert, verschanzte ich mich in meiner Rumpelkammer und fixierte mich auf die Lieder, auf nichts anderes. Arbeiten als DJ oder als Clubbetreuer konnte ich sowieso nicht aufgrund des Lockdowns. Und zum Glück hatten auch meine Rumpelmusiker*innen Zeit, mich im Studio zu besuchen, und ich fand in Palma Ada und in Tillmann zwei hervorragende Gastmusiker*innen, die neuen Wind reinbrachten. Als ich dann mit den fertigen Liedern zum Mischen und Mastern in mein bewährtes Profistudio Powerplay zu Reto Muggli ging, realisierten wir, dass wir 18 fertige und wertige Lieder am Start hatten. Ich fand es aber ein wenig viel für ein Album und dachte dann zum ersten Mal darüber nach, zwei Parts zu machen. Zwei Alben, in einem halbjährigen Abstand. Beim zweiten Part habe ich zum Glück noch etwas Zeit, denn inzwischen sind wieder neue Ideen am Fruchten und vielleicht schafft es das eine oder andere noch ins Mastering dafür.

Wie wird sich Teil 2 von 1 – Stand jetzt – unterscheiden?

Teil eins hat mehr Gastbeiträge von Sänger*innen wie Lara Stoll, Palma Ada oder Tillmann an der Posaune. Beim zweiten Part hat es viele Lieder, die ich in einem Guss ohne fremden Support zu Ende brachte.

Seit deinem Debütalbum sind mittlerweile 14 Jahre vergangen, dein letztes Werk stammt aus 2013. Wie hat sich nicht nur dein Sound, sondern auch der Künstler Kalabrese seit „Independent Dancer“ verändert und entwickelt?

Das letzte Album kreiste vorwiegend um die Liebe zur Club- und Popkultur, in der ich drinsteckte. Es ist eine Liebeserklärung an die Nacht und ihre speziellen Momente und hat wohl deshalb auch so viele Menschen begeistern können. Es ist eine zeitlose Rumpelmusik mit viel Soul und starken Melodien. Das Album zu übertrumpfen, ist fast unmöglich. So viele starke Songs, aber ja, man kann auch daran zerbrechen. Das wollte ich selbstverständlich nicht und habe weitergemacht und bin jetzt mit neuen Grooves an einem anderen Punkt angelangt. Ich denke, dass ich vielleicht etwas direktere und einfachere Songs mache, mit weniger Elementen, dafür tragen sie mehr Gewicht an sich. Ich weiß nicht, es ist noch schwierig zu beurteilen, da die neuen Aufnahmen noch so frisch sind. Ich bin meinem Stil, meiner Art Songs zu schreiben, sicher treu geblieben, bin grundsätzlich immer noch der gleiche Mensch, es muss einfach Spaß machen. Wenn es nicht groovt, wenn der Funk oder die Wärme fehlt, wenn keine Magie aufkommt, dann wird nix daraus. Dann landet der Song wieder im Papierkorb. Es gibt auch Nummern wie „Above Everything“, die ich zusammen mit der Sängerin Palma Ada gemacht habe. Sie war im Prozess von Anfang an dabei und dort habe ich mich als Sänger zurückgenommen, weil sie auch etwas zu erzählen hatte, eine Beziehungsgeschichte verarbeitete. Dann habe ich mich mit meinen Jungs vom Rumpelorchester um den Sound kümmern können und Palma um den Gesang. Das hat gutgetan und tut dem Album generell gut, wenn frische Stimmen Platz nehmen dürfen. Am Schluss sind es immer meine Songs, so wie ich sie haben will, aber da hinzukommen, ist manchmal auch ein Akt des Teamworks. Ich bin dankbar, so gute, feinfühlige Musiker*innen in der Nähe zu haben.

Dennoch wolltest du bewusst kein „Kopfalbum“ machen, sondern eher „einfache herzensgute Songs“. Was macht für dich einen derartigen Song aus?

Eine sehr gute Frage. Zum Beispiel „Sitting on a Cornflake“, ein einfaches Konstrukt mit einer süffigen walking Synthline und einem steady Beat und einzelnen funky Elementen sowie einem Chor, der immer das Gleiche wiederholt. Oder „Pain A Rollin’ Away“ ist auch so einer, da geht’s um den Groove und es gibt nicht noch Strophen oder B-Teile, sondern straight ein Thema, bei dem es um einen Groove geht. Es geht hier um eine Grundstimmung. Ein Thema, das sich ruhig wiederholen darf. Klar gibt’s kleine Veränderungen, vielleicht auch, um die hypnotische Stimmung zu unterstützen. Manchmal hilft es auch, dass ich gelassener herangehe und nicht immer den perfekten Song im Kopf habe, sondern mich leiten lasse von Momenten und diese einfach auskoste und sie nicht strategisch in Song-Konstrukte hineinbastle.

In Sachen Kooperationen hast du mit einigen Freund*innen gearbeitet, einige Namen hast du bereits genannt. Wie unterschiedlich war dabei der Workflow im Studio mit beispielsweise dem Rumpelorchester, Mr. Laboso oder Lara Stoll?

Es ist der Moment, bei dem wir uns vertrauen und auch intime Momente voller Emotionen Platz haben. Das ist ein schöner Akt. Gemeinsam einen Song zu entwickeln, gemeinsam an einer Geschichte zu arbeiten. Das ist mit jedem/jeder Gastmusiker*in anders. Mit Lara Stoll geht’s super, weil sie konkrete Vorstellungen hat, wie sie ihren Text bringt, und weil sie auch von mir erwartet, dass ich zielstrebig Musik liefere, und meistens geht’s auch gut voran. Wir dümpeln selten herum, sondern sie kommt zu mir, wenn ich wirklich ready bin. Mit dem Rumpelorchester haben wir einen Song gemeinsam gemacht, an einem Tag alle zusammen im Studio. Das war „Nimm Mini Hand“, und ich bin sehr glücklich mit dem Resultat. Da war wirklich Magie im Studio, glücklicherweise hat alles sehr schnell zusammengefunden.

Es ist – zumindest aktuell – Licht am Ende des Tunnels in Sachen Pandemie. Was hast du geplant für die kommenden Monate? Sind bereits Shows geplant?

Wir arbeiten jetzt an einem neuen Programm mit den neuen Songs der beiden Album-Parts. Am 21. November ist Plattentaufe im Zürcher „Kaufleuten“ mit allen Gästen, die auf dem Album mitgewirkt haben, ich freue mich wahnsinnig auf diesen Moment. Ich bin froh, dass durch die Impfungen zumindest wieder mehr soziale Räume begehbar sind. Bei uns in der Schweiz sind aktuell etwas mehr als die Hälfte der Menschen geimpft, hat also noch viel Luft nach oben. Es wäre schön, wenn es noch mehr werden. Ich denke, das öffentliche Zusammenleben während der Pandemie haben wir einfach mehr unter Kontrolle, wenn sich die Menschen, die viel unterwegs sind, auch impfen. Das haben die letzten Monate gezeigt. Es geht voran, doch wir müssen weiterhin vorsichtig sein, solidarisch bleiben und konsequent vor allem. Ich hatte zum Glück bis jetzt kein Corona und ich bin dankbar, dass die Krankenhäuser bis jetzt immer noch auch normale Patient*innen pflegen können, was in vielen Ländern ja keine Selbstverständlichkeit ist. Corona-Patient*innen brauchen besonders viel Personal. Darum verstehe ich nicht, wenn Menschen in ihrer Wohlstands-Bubble mit viel Unmut gegenüber dem Staat gegen alle Maßnahmen klagen, kritisieren und vor allem Stimmung machen. Weltweit haben wir uns geeinigt, gemeinsam mit dem Impfen ein wirksames Mittel einzusetzen im Kampf gegen Corona. Und ich finde diesen eingeschlagenen Weg richtig und sinnvoll. Es ist eine schwierige Zeit für alle. Es braucht viel Geduld, viel Solidarität und Sinn für ein gemeinsames Handeln. Ich selbst bin dankbar für jedes Konzert, das wir geben können. Jetzt im August waren es vier Shows, jede war unglaublich schön und jeder Gast hat es richtig genossen und geschätzt.

 

Aus dem FAZEmag 116/10.21
Text: Triple P
Credit: Florian Kalotay
facebook.com/kalabrese.rumpelorchester