Zwischen Pandemieverdrossenheit und Gotteslästerung
The Summer of 21

Wo fangen wir an? Mit der Mayday, Loveparade, Liebling, Rush, Heckmann, Harthouse, Cocoon, Abstrakt, iMotion, Tommorowland, Uli, Katalogwaren? Musik aus der Retorte oder reduzieren wir uns auf eins der ältesten Medien der Klangwiedergabe – die Schallplatte? Ich bin hin und hergerissen zwischen kommentieren, Augen rollen, schmunzeln, lachen oder weinen, wenn ich dieser Tage die Userbeiträge und Antworten auf Sven Väths neue Platte „feiern“ lese. Von Väth bis Hell, von Eric bis Ben, die Szene kratzt, beißt und zieht sich an den Haaren. Stechen sich die Augen aus und eine neue Generation versuchet die alten Könige vom Thron zu stoßen. Ein bizarres Bild, wo sich doch die meisten der kommentierenden User mehr mit Treibern für ihren Traktor-Controller, Software, Recordbox und Link-Kabelproblemen ihrer Pioneer-Player die Nächte um die Ohren schlagen, anstatt die Cover ihrer Plattenkoffer so abzunutzen, dass man unter Vinyl-DJs sieht „Hey, die Scheibe kann was“.

Was will man von einer Jugend erwarten, die ihren Kindern später USB-Sticks und Apfe-iTunes-Accounts als Plattensammlung vererben wird. Woher rührt dieser Unmut einer Großzahl der in sozialen Netzwerke aktiven Schreiberlinge alles und jeden nicht gut zu finden und gedankenlos emotional schlecht zu reden? Woher rührt diese Wut, Kraft, Energie, diese Unzufriedenheit? Ist es die gescheiterte Suche nach dem goldenen Pep, die unzähligen Nächte, die wir in den letzten 18 Monaten nicht im Club, sondern im stillen Kämmerlein oder in den zahlreich ungesehenen Streams gefeiert haben? Ist es weil 2G heute nicht mehr zwei Gramm, sondern geimpft oder genesen bedeutet? Fragen über Fragen. Wo kann man sich da noch positionieren, an wem will und kann man sich orientieren. Kann ich als einer der 1.200.000-Millionen-Controller-DJs im ewig gleichen 2020-LED-Disco-Licht der Clubs mit meiner Performance noch überzeugen oder sind wir einfach nur Marionetten, die wie Affen in ein Rampenlicht der Clubs und Festivalbühnen gestellt werden, damit Veranstalter und Clubbesitzer Geld scheffeln und damit die Szene, die Gäste, die Musik verkaufen und DJs verheizen?

So mutet es auf den großen Bühnen der EDM (Electronic Dance Music) Festivals auf jeden Fall an. Der ewig gleiche Einheitsbrei, Katalog-Tourismus, vom Reiseunternehmen organisierte technoide Freakshows für therapiebedürftige Jugendliche inklusive Flug und Hotel, die nichts anderes mehr als Kirmes und großes TamTam der führenden Festivals/Großveranstaltungen mit musikalisch minderwertigen Inhalten gewohnt sind. Naja, wer will es der Generation 2000/MP3 oder der ewig nörgelnden Früher-war-alles-besser-Gemeinde verübeln, wenn sie dann ein Väth-Vocal ohne Autotune nicht zu würdigen wissen. Dabei sind wir egal welchen Alters doch alle gern „stoned, besoffen, abgedreht – kurz: gute Menschen.“ In diesem Sinne 1, 2, 3 – gude Laune oder was … feiern!

 

Kalle Wirsch steht seit über 20 Jahren an den Plattentellern, auf diese kommen bis heute auch nur Vinylscheiben. Vor allem in der Region rund um seine Heimatstadt Bochum, aber auch über die Grenzen hinaus in Europa ist der 41-Jährige als DJ und Veranstalter aktiv, war auch Teil des Films und Kunstprojekts „Pottoriginale“, Seite an Seite mit DJ Hell und Klaus Fiehe. Bekanntheit in der Szene erlangte aber vor allem durch seinen Gassenhauer „Sonntags gehe ich gern bei Mama essen“ und im letzten Jahr veröffentlichte er sein zweites Album „Kaufhaus der Eitelkeiten“. Darüber hinaus sammelt Kalle Synthesizer, Platten und ist für seinen Wortwitz – nicht nur in den sozialen Medien – bekannt.

www.soundcloud.com/kurt-knebel

 

 

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