Machen wir uns nichts vor – das Leben ist ein ständiger Prozess. Dinge verändern sich. Mal zum Guten, mal zu Schlechten – ob man will oder nicht. In unserer Szene z.B. tut sich Wochenende für Wochenende, Release für Release, Drink für Drink etwas. DJ-Gagen steigen oder sinken. Das Publikum wird älter und mit der Zeit ausgetauscht. Mal geht der Trend zu housigen Beats, mal wird es technoider. Ein stetiger Prozess eben. Aber bei allen Veränderungen gibt es auch Dinge, die wie ein Fels in der Brandung durch nichts zu erschüttern sind. Dazu gehört ohne Zweifel Peter Cornely. Als DJ Karotte zählt er seit fast 20 Jahren zu den gefragtesten Künstlern unseres Business. Und das, obwohl der Saarländer nie der größte Produzent war bzw. sein wird. Seine Sets werden – genauso wie seine lebensfrohe und sympathische Ausstrahlung – geliebt. Gründe genug, Peter unseren zweiten Download-Mix erstellen zu lassen. Beim Awakenings Festival in Rotterdam steht er uns außerdem Rede und Antwort.

Du hast vor wenigen Minuten dein Set beendet und vorab die fast 3.000 Leute vor deiner Stage – mal wieder – in Ekstase versetzt. Generell zählen die Niederlande laut deinem Tourplan zu einem deiner Lieblingsländer …

Karotte: Ich fühle mich ehrlich gesagt auch schon fast wie ein halber Holländer – nur dass ich bis auf ein Schimpfwort nicht wirklich viel sagen kann. Ich bin gerne hier, und die Leute empfangen mich immer wieder aufs Neue mit einer unglaublichen Energie. Hier ist alles wesentlich entspannter und auch offener. Dieses Jahr stehen in Holland auch wieder meine eigenen Partys „Karottes Kitchen“ an, von der es auch eine am Strand geben wird. Erstmals lade ich mir auch einen Gast-DJ, oder besser gesagt Gast-DJane ein. Ich freue mich sehr auf Nicole Moudaber, einer meiner Lieblingskünstler zur Zeit.

 

2007 hast du in einem Interview prophezeit, dass der Hype um große, sehr kommerziell ausgerichtete Events zurückgehen und sich in Sachen Musik mehr Qualität durchsetzen wird. Wie betrachtest du die Entwicklung fünf Jahre später?

Leider hat sich die Qualität bis heute nicht wirklich durchgesetzt. Stattdessen wird der Markt von Tag zu Tag mit immer mehr lieblosen Produktionen überflutet, sodass der Endkonsument bzw. Musikliebhaber es schwerer hat, etwas Befriedigendes zu finden. Engagierte Künstler, die seit Jahren durch großartige Arbeit begeistern, bekommen durch die vielen und vor allem teils zu einfachen Möglichkeiten ungerechtfertigte Konkurrenz – da es heute fast mehr um eine tolle Chartsplatzierung in zehn verschiedenen Download-Portalen geht als um einen tollen, tiefgründigen Track an sich. So kann ich den Hype um Leute wie Skrillex z.B. in keinster Weise nachvollziehen. Klar hat auch er definitiv seine Daseinsberechtigung – verstehen muss das aber keiner. Es ist sehr traurig mitanzusehen, dass die Kids von heute so etwas als Interpretation von guter elektronischer Musik annehmen und auch leben. Vielleicht bin ich aber auch einfach zu alt für den Quatsch. Für die Zukunft ist alles möglich. Viele werden durch den ganzen Eurodance-Schrott, der aus den USA zu uns rüber schwappt, für elektronische Musik sensibilisiert. Ich hoffe dass dieser Trend in nächster Zeit abnimmt und sich Leute auch auf qualitativ anspruchsvolle Künstler einlassen. Das würde ich aber eher als Wunsch deklarieren.

 

Produktionen sind ein gutes Stichwort. Du bist einer der wenigen, die ohne viele Releases zur absoluten DJ-Spitze gehören. Wie erklärst du dir das?

Ganz ehrlich? Ich weiß es nicht. Ich bin dankbar und sehr glücklich darüber, dass die Leute meine Sets so ausgiebig feiern und mein Tourplan sich nicht nach erfolgreiche oder eben nicht erfolgreiche Produktionen richtet. Bei vielen Künstlern die erfolgreich Platten machen, hinkt es dafür bei der Darbietung im Club. Da liegt mein Fokus einfach auf die Nacht an sich. Ich sitze ungern im Studio. Und wie jeder weiß, würde ich ohne meinen lieben Gregor Tresher noch viel weniger – nein, wohl nichts hinbekommen. Wobei ich sagen muss, dass ich in den letzten Wochen etwas Blut geleckt habe. Was aber nicht heißen soll, dass es irgendwann ein Album geben wird. Auch wenn ich dafür keine wirkliche Erklärung habe, unterscheiden sich meine Produktionen schon von meinen DJ-Sets. Den Studio-Peter würde ich eher als „Darktrancer“ bezeichnen. (lacht) Ich mache halt immer das, worauf ich gerade Lust habe. Ein Grund für meine wenigen Produktionen ist, dass ich wohl zu kritisch bin, was meine eigene Arbeit angeht.“

 

Du bist kürzlich 43 geworden und hast einen ganzen Monat gefeiert. Kannst du dir vorstellen, ihn zehn Jahren immer noch mit der selben Motivation aufzulegen?

Das verspreche ich! Ich zähle mich zu den glücklichen Menschen, die ihr Hobby beruflich ausüben dürfen. Aus diesem Grund stecke ich sehr viel Herzblut in das Ganze, sodass ich in zehn Jahren mit Sicherheit noch spielen werde. Die Hauptsache ist der Spaß an der Sache. Und so lange dieser gegeben ist, werde ich jeden Morgen dafür aufstehen. Es gibt mittlerweile Djs, die meiner Meinung nach ihren persönlichen Zenit erreicht haben. Sie spielen mittlerweile in Läden, die sie noch vor einiger Zeit kategorisch abgelehnt hätten. Sich so zu verbiegen ist für mich nicht Sinn der Sache.

 

Was reizt dich persönlich denn am meisten an dieser schnelllebigen Szene?

Definitiv meine Passion zur Musik. Das Anstrengendste am Job ist sicherlich das Reisen. Stundenlang sitzt man am Wochenende, meist alleine, am Flughafen rum. Sobald ich dann aber im Club stehe und es schaffe, den Leuten ein Lächeln ins Gesicht zu zaubern, ist auch das wieder vergessen. Es ist ein wundervoller Job, so viele verschiedene Kulturen und Länder bereisen zu dürfen und zu sehen, dass Musik auf der Welt als eine Sprache verstanden wird.

 

Gehen wir mal back to the roots. Vor der Musik hast du tatsächlich erfolgreich eine Ausbildung zum Einzelhandelskaufmann als auch zum Schornsteinfeger absolviert …

Oh ja, was für eine Zeit. Ich finde tatsächlich bis heute keine Antwort darauf, was mich damals geritten hat, als Schornsteinfeger durch die Nachbarschaft zu ziehen. Von meinen Eltern kam, wie viele denken, dabei überhaupt kein Druck. Zum Glück waren es nur die dreieinhalb Jahre für die Lehre. Ein absoluter Horror. Für mich unvorstellbar, jemals wieder in diese beiden Jobs zurückzukehren, auch wenn ich froh um diese Erfahrung bin.

 

Als du angefangen hast Musik zu machen, war an Sachen wie MP3 oder gar Facebook nicht zu denken. Du gehörst allerdings zu denen, die nicht an Traditionen festhalten, sondern stets mit der Zeit gehen …

Für mich bedeutet elektronische Musik immer Entwicklung und Fortschritt. Natürlich würde ich immer noch gerne mit Vinyl spielen, aber die meisten Clubs sind dafür gar nicht mehr ausgelegt. Während man vor ein paar Jahren als Laptop-DJ zum Soundcheck musste, darf man heute zwei Stunden vor dem Opening erstmal die Plattenspieler auf Rückkopplung und so etwas prüfen. Wenn sie überhaupt Plattenspieler haben. Aus diesem Grund bin ich ziemlich früh umgestiegen. Ich habe auch nichts gegen Künstler, die mit Laptop spielen. Was natürlich gar nicht geht, ist der berühmte Sync-Button. Ein absolutes No-Go. Es tut mir in der Seele weh zu sehen, wie viele Leute sich seit dieser Erfindung DJ nennen. Meist haben sie dann auch noch eine eher schlechte Musikauswahl und fertig ist die Katastrophe. Syncen dürfen meiner Meinung nach Leute wie Richie Hawtin oder Chris Liebing, die keinem mehr beweisen müssen, dass sie ordentlich mixen können. Bei ihnen liegt der Fokus eben auf dem Live-Act an sich. Bezüglich Facebook hat sich ja Ricardo in der ersten FAZE sehr spannend geäußert. Ich kann seinen Ansatz, dass Facebook und Twitter unsere Kultur kaputt machen, nur bedingt nachvollziehen. In unserem Business geht es mehr und mehr um Geld. Aufgrund der momentan herrschenden Flut an Veranstaltungen ist gute Promotion für eine wirklich gute Party eine Grundvoraussetzung. Früher lief das eher über Flyer und Mundpropaganda, heute halt übers Internet. Und mir persönlich macht es Spaß, mit Leuten in Kontakt zu stehen und mich auszutauschen. Auch wenn man dabei viel Mist zu lesen bekommt, entdeckt man so auch vieles Neues.

 

Ein gutes Stichwort. Du bist dafür bekannt, neue talentierte Künstler zu supporten. Auf wen setzt du aktuell?

Da gibt es derzeit einige gute Leute. Nicole Moudaber ist – wie schon angesprochen – eine davon. Vor wenigen Jahren war England musikalisch für mich eher schwierig. In letzter Zeit sind viele Künstler von dort aber wirklich auf der Überholspur. Hier in Deutschland ist alles etwas auf House stehen geblieben. Die Engländer bringen für meinen Geschmack aktuell mehr Drive rein.

 

Unter der Woche sitzt du bekanntlich mittwochabends bei sunshine live und hostest deine eigene Sendung. Doch was passiert gerade außerhalb der Musik bei dir?

Wenn es mal nicht um Musik geht, dreht sich gerade bei mir alles um mein Haus, das ich gerade baue. Außerhalb von Frankfurt habe ich mein Traumobjekt gefunden. Es ist ein 20-Meter hoher, alter Wasserturm der gerade modernisiert wird. Ich denke, zum Sommer hin kann ich einziehen.

 

Hat ein DJ Karotte noch Ziele oder Träume für seine Karriere?

Nein. Und das meine ich tatsächlich so. Jeder Zweite sagt immer ‚Ach, wie gerne würde ich mal da und da auflegen‘. Es kommt, wie es kommt. Hätte mir damals jemand erzählt, dass ich mein Leben damit verbringen werde, auf der gesamten Welt Musik zu spielen, hätte ich ihn für bekloppt erklärt. Deshalb bin ich Woche für Woche, Gig für Gig, froh und dankbar. Denn eigentlich wollte ich ja gar nicht DJ werden. Meine Freunde aus dem Saarland haben mich Anfang der 90er dazu gedrängt, weil ich mir alle neuen Tracks auf Vinyl gekauft habe. Da hieß es dann „Peter, leg doch mal auf“. Viele junge DJs nehmen das Ganze vielleicht einen Tick zu ernst, sodass der Spaß darunter leidet. Ohne den funktioniert es meiner Meinung nach einfach nicht. Es kommt eben wie es kommt – denn alles hat seinen Grund. 

www.djkarotte.de