Kennengelernt haben sich Johannes Keller, Julius Martinek und Tobias Decker vor rund 14 Jahren während ihres Studiums in der niedersächsischen Hauptstadt Hannover. Musik gemacht haben sie bis 2015 in allen erdenklichen Konstellationen, nur nicht in dieser. Dieser Tage erscheint mit „KFX“ das Debütalbum ihres Projekts Kasimir Effekt. Dabei breiten sie „couragiert irgendwo zwischen ironischem Captain-Future-Abenteuer und faktisch unendlichen Weiten den Zuhörenden freundlich zugewandt einen weichen Tanzteppich aus“, wie sie selbst sagen. Mit Kontrabass, Schlagzeug und Fender Rhodes erzeugen sie eine technoide Improvisation, gepaart mit elektronischen Exzessen und Klangminiaturen aus den heiteren Ecken der dunklen Loungebar. Mit diesem „Mikrokosmos fluktuierender Beats“ bespielte das Trio bereits Events wie die Fusion oder das Fuchsbau Festival und dazwischen eine ganze Menge Clubs sowie Kunstkeller.


Der musikalische Background der drei Protagonisten ist ziemlich facettenreich, wie sie selbst beschreiben. „Wir haben alle drei seit der frühesten Jugend in vielen Bands unterschiedlicher Stilprägung gespielt. Das Spektrum ist dabei wirklich groß – von klassischem Instrumentalunterricht bis zur Rockband ist da eigentlich alles dabei. Als Kinder der 90er-Jahre haben wir uns aber auch schon immer für elektronische Musik interessiert. Der Beginn unseres gemeinsamen Musizierens ist ganz klar mit unserem Studium an der Musikhochschule Hannover verbunden. So ist auch der Jazz ein wirklich wichtiger musikalischer Faktor für den Kasimir Effekt, da wir uns über das Spielen von Jazz kennengelernt haben.“ Der Bandname ist inspiriert von dem Casimir-Effekt, einem Begriff aus der Quantenphysik, der ein ziemlich außergewöhnliches Phänomen beschreibt: „Es wurde experimentell nachgewiesen, dass im Vakuum, sozusagen aus dem Nichts, wie von Zauberhand Teilchen fluktuieren können, die eine messbare Kraft auf ihre Umgebung haben. Wir versuchen, diesen Modus – Klangenergie, die aus dem Vakuum der Stille entsteht – auch in unserer Musik zu erzeugen. Das ist beim Musikmachen dann so ein synergetisches Ding, wenn jeder an seinem Instrument merkt: Ja, es flowt, wir sind gerade im Casimir-Effekt. Schwierig zu beschreiben, ohne esoterisch zu werden. Der Casimir-Effekt ist eine rätselhafte Sache – aber vor allem als Bandname etwas, was super zu uns passt.“

Ursprünglich kommen die drei aus ganz verschiedenen Ecken der Bundesrepublik: Johannes aus Rostock, Julius ist ein Nordlicht und Tobi ist im tiefsten Osten aufgewachsen. Seit 14 Jahren leben alle nun in Hannover. „Das Feine an dieser Stadt ist, dass man in Sachen Musikvielfalt wirklich auf seine Kosten kommt. Von Technoclub über Jazzszene bis NDR – hier kann man sich einiges an Input holen. Gerade im subkulturellen Bereich hat Hannover eine Menge zu bieten. Verschiedenste Initiativen und Vereine stellen viel Sehens- und Hörenswertes auf die Beine.“ Dazu gesellt sich nun zweifelsohne das mit neun Titeln bestückte Erstlingswerk. „Wir arbeiten zu dritt immer sehr intensiv an unserem musikalischen Material. Ausgangspunkt ist dabei meist eine musikalische Idee oder Skizze von einem von uns, da wir alle für die Band schreiben. In unserem Proberaum wird das Material dann immer wieder bearbeitet und ergänzt. Aufgrund unserer individuellen Vorlieben ist das Album schon allein in Sachen Geschwindigkeit sehr abwechslungsreich. Klanglich könnte man das Album vielleicht als organische Verschmelzung von der Direktheit akustischer Instrumente mit der analogen Kraft elektronischer Klangerzeuger beschreiben. Human Power trifft elektronisches Experimentallabor. Bei den Aufnahmen für ,KFX‘ haben wir unseren Tracks viel Raum zur Entfaltung musikalischer Details gegeben. Das Spielen der Stücke fühlt sich immer ein wenig wie eine Expedition in den Weltraum an: Wir wissen, wie der Track startet, auch, dass er irgendwann enden muss. Aber die Reise dazwischen ist für uns das eigentlich Spannende. Vielleicht ist das etwas, was wir uns aus dem Jazz erhalten haben.“

Aufgenommen wurde das Werk 2018 im Basement Studio in Berlin, gemeinsam mit Produzent Lennert Hörcher. „Er hat uns einerseits sehr viele Freiheiten gelassen und uns andererseits an gewissen Punkten geholfen, das Gesamtkonzept nicht aus den Augen zu verlieren.“ Am 21. Februar erschien das Werk auf grünem Vinyl auf dem Label Quadratisch Rekords, einem Indie-Label aus Hannover. „Wir genießen die vertrauensvolle Zusammenarbeit mit dem Label und finden es generell immer gut, unser lokales Netzwerk zu pflegen und auszubauen. Die Entscheidungsprozesse verlaufen dann gemeinsam, da hat die kleine, übersichtliche Struktur durchaus ihre Vorteile. Für das Artwork war es uns wichtig, dass die musikalische Idee auch optisch transportiert wird, deswegen sind wir für das Ergebnis der Zusammenarbeit mit unserem Grafiker Arif Demir sehr dankbar. Er hat da ein richtiges kleines Kunstwerk geschaffen, grün marmoriertes Vinyl inklusive.“

Für März stehen einige Konzerte in Hannover sowie in Hamburg an, für den Sommer sind bereits einige Festivals bestätigt. „Wir freuen uns, endlich wieder live spielen zu können. Schließlich gibt das unserer ganzen Arbeit den eigentlichen Sinn. Diese Synergie mit dem Publikum ist für uns als Band ein echtes Lebenselixier. Demnächst geben wir die ersten Termine der Tour bekannt.“ Und im Studio? „Nach dem Album ist vor dem Album …“

 

Aus dem FAZEmag 097/03.2020
Text: Triple P
Foto: Nils Brederlow
www.facebook.com/kasimireffekt