Kendal – „Italo-Disco und Trance sind sich eigentlich sehr ähnlich“

Foto: Louis Derigon

Der Franzose Kendal zählt zu den prägenden Stimmen des modernen Neo-Italo-Sounds. Der Produzent, DJ und Gründer von Ritmo Fatale verschmilzt Italo-Disco, EBM, Trance und Synth-Wave zu einer euphorischen, nostalgischen Klangästhetik und zaubert wie kein Zweiter tanzbare Zeitreisen zwischen Vergangenheit und Zukunft aufs Parkett. Wir haben ihm ein paar Fragen gestellt.

Kendal, „My Everything“ lautet der Titel deiner neuesten Nummer auf der letzten Ritmo-Fatale-Compilation. Was erwartet uns?
Ich bin vor sechs Jahren mit einem Italo- und 80s-inspirierten Sound in die Szene eingestiegen, der eine Zeit lang mein Markenzeichen war, bis ich mich in trancigere, schnellere Gefilde bewegt habe. Mit „My Everything“ wollte ich einen neuen Weg gehen und einen UK-Garage-Beat nutzen. Was typisch bleibt, ist meine Obsession für eingängige Melodien.

Italo-Disco, Trance und EBM sind drei zentrale Einflüsse deiner Musik. Wie kombinierst du sie zu deiner „Special Sauce“?
Jedes Genre hat seine eigene Ästhetik: Neon-Nostalgie bei Italo-Disco, Leder und Subversion bei EBM, Transzendenz bei Trance. Abgesehen vom Tempo sind Italo-Disco und Trance sich eigentlich sehr ähnlich – große Melodien, Refrains, Emotionen. Beide bieten endlose Kataloge zwischen Kitsch und Magie, und genau diese Balance fasziniert mich. EBM ist roher, weniger melodisch, aber voller Energie und geprägt vom Cyberpunk. Meine „Special Sauce“ besteht darin, den emotionalen Kern dieser Genres herauszudestillieren und ihnen einen modernen Twist zu geben.

Dein Label Ritmo Fatale betont „no past, no present, no future“. Was bedeutet das?
Ich will Codes der Vergangenheit aufgreifen und so weiterdenken, dass sie zeitlos klingen – als hätten sie immer existiert. Dieses Gefühl von „Ewigkeit“ suche ich beim Produzieren und Auflegen. Gleichzeitig steckt darin auch ein futuristischer Gedanke: „No future“ klingt dystopisch und erinnert mich an Science-Fiction-Autoren wie Philip K. Dick, die fragmentierte Realitäten erschaffen haben. Der Slogan verbindet beides – Zeitlosigkeit und eine futuristische, manchmal beunruhigende Vision.

Drei Tracks aus Italo-Disco, EBM und Trance, die deinen Sound geprägt haben?

  • Italo-Disco: Valerie Dore – Get Closer (1986)
  • EBM: The Hacker – Radiation (2004)
  • Trance: Blue Alphabet: Quixotism (1994)

Die Ritmo-Fatale-Compilation „Silver Paradise“ ist am 25. Juli erschienen.

Aus dem FAZEmag 165/11.2025
Foto: Louis Derigon
www.instagram.com/kendal_ritmofatale