Sein erstes Release erschien Ende 2014. Nur kurze Zeit später trägt der gerade einmal 24 Jahre junge Kevin de Vries den inoffiziellen Titel des Techno-Shootingstars. Dazu beigetragen hat gefeierter Output auf renommierten Kult-Imprints wie Cocoon, Drumcode und auch Complexed Records. Nun erscheint – neben einer neuen EP auf dem Väth’schen Hauslabel – am 5. Oktober seine Debüt-EP auf Afterlife. Die „Aratak“-EP wird nicht nur von Tale Of Us bereits jetzt als eine der vielversprechendsten Veröffentlichungen im diesjährigen Herbst angesehen. Der in der Nähe von Köln groß gewordene de Vries scheint dieser Tage vieles richtig zu machen. Ein Interview.

Kevin de Vries by Paul Krause

 

Kevin, was hat dich dazu bewogen, Musiker zu werden, und was hat deinen Weg geebnet?

Mit ungefähr 13 habe ich mit Hip-Hop angefangen und bin dann erst einige Jahre später auf elektronische Musik gestoßen. Ich war selbst gerne feiern im Kölner Raum und irgendwann hatte dann ein Freund einen Numark-Controller zu Hause stehen. Also haben wir angefangen, zusammen aufzulegen. Ein Jahr später habe ich dann zum ersten Mal Paul Kalkbrenners „Berlin Calling“ gesehen und war völlig begeistert von seinem Sound. Von diesem Moment an habe ich mir gesagt, dass ich dasselbe machen möchte. Emotionen mit Musik ausdrücken und Menschen berühren.

Du kommst aus einem kleinen Dorf bei Euskirchen in der Nähe von Köln, wohnst mittlerweile aber in der Techno-Hauptstadt Berlin. Wie hat sich diese Region auf deine Karriere ausgewirkt?

Da es in Euskirchen keine wirklichen Clubs gab, sind wir fast jedes Wochenende zum Feiern nach Köln gefahren und in Clubs wie das Bootshaus, Heinz Gaul oder Artheater gegangen. Köln hat eine gesunde Clubkultur und ich bin dadurch recht schnell zum Techno gekommen. Logistisch gesehen war Kommern allerdings nicht der Knaller, da es eine Stunde von Köln entfernt liegt – Fliegen oder Bahnfahren haben sich als schwierig erwiesen. Es war immer ein großer Aufwand. Da ich regelmäßig in Köln spiele, nutze ich das nun aus, um meine Familie und Freunde dort zu besuchen.

Eines deiner ersten Releases ist 2015 auf Drumcomplex erschienen. Wie war dein Leben vor der EP mit dem Titel „A Journey Through Life“ und was ist anschließend passiert?

Arnd aka Drumcomplex war der Grund dafür, indem er 2014 mein erstes Demo gesignt hat. Mit der EP 2015 hatte ich dann das erste Mal das Gefühl, meinen Sound gefunden zu haben. Ich habe die Tracks auch im Club gespielt – und die funktionierten gut! Das war auch das erste Mal, dass Adam Beyer mich supported hat. Anschließend habe ich dann regional und auch deutschlandweit meine ersten Shows gespielt. Eine Zeit, an die ich mich sehr gerne zurückerinnere, weil es für mich eine Art Startschuss war.

Binnen drei Jahren hast du einen großen Hype um dich kreiert. Erzähl uns von der Zeit seit dem ersten Release und von deinen Erfolgsmomenten!

Der erste große „Erfolgsmoment“ war 2014, als Richie Hawtin meinen Track „Gate Of Heaven“ beim Space-Closing auf Ibiza gespielt hat. Das war Emotion pur. Ich habe Arnd sofort angerufen und war völlig aus dem Häuschen. Das hat mich damals riesig motiviert und war ein weiterer Grund dafür, viel Zeit in die Produktion neuer Tracks zu investieren. 2016 hatte ich dann mein Debüt auf Drumcode, und das zählt mit Sicherheit auch zu meinen Highlights. Dadurch konnte ich 2017 meine ersten internationalen Gigs spielen und hatte regelmäßig Auftritte in Deutschland, wo ich tolle Menschen kennenlernen und neue Freunde gewinnen durfte.

Nicht nur Richie Hawtin und Adam Beyer, auch Carl Cox gehört zu denen, die regelmäßig Lobeshymnen auf dich singen. Wie fühlt sich das an und wie stehst du im Kontakt zu diesen Leuten?

Es gibt für uns junge Produzenten – und zu denen zähle ich mich mit 24 – wahrscheinlich nichts Schöneres, als zu sehen, wie eines deiner Vorbilder und Idole deinen Track spielt. Das hält bei mir bis heute an und es ist jedes Mal aufs Neue schön. Wir schreiben immer mal wieder via E-Mail oder sie bekommen meine Tracks als Promo zugeschickt.

Carl Cox hat deine EP „Aurora“ den gesamten Sommer über gespielt. Wie nimmt man so etwas als aufstrebender Künstler wahr?

Carl ist einer der größten DJs der Welt und bespielt seit mehr als 20 Jahren den Globus. Es war das erste Mal, dass ich ihn einen Track von mir habe spielen sehen. Ein Freund von mir aus Melbourne hat mir ein Video zugeschickt und ich konnte es kaum glauben. Er spielte die Nummer dann den ganzen Sommer, was mich mega gefreut hat.

In der heutigen Zeit reicht es nicht, ein guter Produzent und DJ zu sein. Marketing-Genie, Social-Media-Manager und Designer sollte man im besten Fall auch noch sein. Wie siehst du diese Entwicklung in der Szene als Shootingstar?

Die beiden ersten Eigenschaften sind immer noch die wichtigsten in meinen Augen. Ich habe dann aber in den letzten zwei Jahren feststellen müssen, dass gerade Social Media & Co immer mehr Zeit beanspruchen. Vor 20 Jahren war das anders. Allerdings ist das nicht unbedingt negativ – ohne Facebook und andere Plattformen hätte ich wahrscheinlich nicht so schnell in Indien, Südafrika oder generell im Ausland gespielt. Man erreicht viele Leute auf der ganzen Welt. Allerdings nimmt es auch immer mehr Zeit in Anspruch. Eine gute Balance zu finden, ist da sehr wichtig.

Lass uns über deine Arbeit im Studio sprechen. Wie ist dein Workflow und was sind deine favorisierten Tools – sowohl digital als auch analog?

Ich habe kein eigenes richtiges Studio, sondern habe alles zu Hause, was ich zum Produzieren brauche. Einen Asus-Laptop, ein 37er-Midi-Keyboard, eine Soundkarte und FL Studio 12. Dazu einige VST-Plugins wie Dune 2, Arturia oder Diva. Ich arbeite seit einem Jahr auch nur noch mit meinen Sennheiser-Kopfhörern. Ich beginne jedes Projekt, ohne eine Idee zu haben. Ich arbeite meist mit einem 8er- oder 16er-Loop und jamme mit den Plugins. Sobald sich die Idee und die Drums gefunden haben, fange ich mit dem Arrangement an. Mit FL geht das supereinfach durch die Patterns.

Mit Backroom hast du eine der erfolgreichsten und renommiertesten Agenturen Deutschlands an der Hand. Wie empfindest du das?

Backroom ist eine professionelle und sehr erfahrene Agentur und ich bin überglücklich, dort zu sein. Mit Acts wie Maceo Plex, KiNK oder Konstantin Sibold aufgelistet zu sein, ist ein tolles Gefühl. Es sind schon spannende Projekte in Planung!

Frischer Output aus deinem Bedroom-Studio kam mit deiner EP „Meraki“ gerade auf Cocoon. Erzähl uns mehr von diesem Release!

Ich habe Sven Väth 2016 kennengelernt. Bereits davor hatte ich den Traum und das Ziel, meine Musik auf Cocoon zu veröffentlichen. Wir waren seitdem in Kontakt und haben bis vor ein paar Wochen an der Zusammenstellung der EP gearbeitet. Die A-Seite „Meraki“ ist ein eher technoides Stück, allerdings passt es durch den Lead-Synth trotzdem gut zum sonst eher verspielten Label-Sound. „Sonorous“ ist eine Kollaboration mit meinem Kollegen Weska, die wir bereits im letzten Jahr produziert haben. Nachdem Eric Prydz die Nummer 2017 gespielt hatte, habe ich sie Sven auf eine Dubplate gepresst – und er hat sie geliebt. Dadurch ist die Nummer auf die EP gekommen.

„My Blurred Dream“ dagegen, der dritte und letzte Track der EP, klingt eher verträumt und etwas verspult.

In der Tat. Mit der Produktion dieses Tracks habe ich sogar schon 2016 angefangen. Ich wusste nie genau, wohin damit, da es eher eine Nummer zum Hören ist als für den Club. Sie passt aber super zu Cocoon und ist somit der perfekte Abschluss der Platte.

Seit letztem Jahr erhältst du auch großen Support von Tale Of Us, die sogar einen Track von dir in ihre Fabric-Mix-CD integrierten. Nun erscheint auf Afterlife auch eine eigene EP, Konstantin Sibold liefert einen Remix – was für ein Wahnsinns-Paket.

Ich habe den Jungs letztes Jahr im Juli das erste Mal einige Tracks geschickt. Seitdem sind wir fast täglich in Kontakt, um Musik auszutauschen. Mit der Fabric-CD fing dann im Februar alles an. Mit „Mágoa“ war ich zum ersten Mal auf der Compilation „Realm Of Consciousness III“, die im Juni releast wurde. Eine EP war dann natürlich die letzten Monate mein großes Ziel. Für Ende des Jahres war sie dann auch geplant, wurde aber vorverlegt, da die Tracks so gut ankamen. Konstantin hat die beiden Nummern als erster bekommen und seitdem immer wieder gespielt. Das gab mir einen guten Push. Auch die Tracks haben dadurch einen gewissen Hype bekommen – und als er dann noch den Remix zusagte, war ich komplett überglücklich! Ich bin supergespannt, wie die „Aratak“-EP ankommt.

Wie ist deine Beziehung zu „Konschti“? Ihr spielt bald auch euer erstes b2b-Set, korrekt?

Ich bin schon seit Jahren ein großer Fan von ihm. Mich hat es immer fasziniert, dass er sich bei seinen Produktionen nicht wirklich an Gesetze oder Regeln hält. Das macht einen freien Künstler aus. Seit Anfang des Jahres tauschen wir uns aus und seitdem supportet er auch meine Tracks, wofür ich absolut dankbar bin! Im November spielen wir das erste Mal die gesamte Nacht zusammen b2b im TAMA Klub in polnischen Poznań, wo ich Resident bin. Und nicht nur kurz, sondern all night long.

Welche weiteren Highlights stehen für dich in den kommenden Wochen und Monaten an?

Die beiden EPs und der Gig mit Konstantin sind riesige Highlights. Des Weiteren planen wir gerade meine erste Südamerika-Tour! Im Dezember kommt dann mein Remix für The Reason Y auf Monika Kruses Label Terminal M, mit dem ich dann das Jahr musikalisch abschließe. Für 2019 habe ich einige Projekte geplant – sowohl im Musik- als auch im Eventbereich. Dazu aber dann bald mehr. Ein eigenes Label wird es im nächsten Jahr noch nicht geben, davon haben wir mehr als genug und ich habe mit Afterlife gerade eine gute Plattform für meine Musik. Ein erstes eigenes Album erfordert viel Zeit und Planung. Ich habe schon zwei, drei Nummern in den letzten Monaten produziert, die ich mir darauf vorstellen kann, es gibt allerdings noch kein genaues Konzept.

 

Aus dem FAZEmag 080/10.2018  

 

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