Klaxons_Press_Picture_10


Gäbe es in der Musiklandschaft eine Art Patentwesen, Jamie Reynolds, James Righton und Simon Taylor-Davis hätte schon eine Menge musikalische Erfindungen anmelden können. Den Sound ihrer Band Klaxons entwerfen sie nämlich mit jedem Album neu. Für ihr drittes Album „Love Frequenzy“ tauschten sie ihre Instrumente nun gegen Computer. Heraus kam eine Electro-Pop-Platte, mit der die Band zu altem Ruhm zurückkehren will.

Die leidige Geschichte von Aufstieg und Fall – die Klaxons kennen sie nur zu gut. Man muss etwas ausholen, um diesen Satz angemessen zu erklären. Wie aus dem Nichts tauchte die britische Band 2006 in der Musiklandschaft auf. Gitarrist Simon Taylor-Davis und Keyboarder James Righton, die aus Straford-upon-Avon stammen, waren schon in der High School Freunde. Als sie eines Tages nach London zogen, lernten sie Bassist Jamie Reynolds kennen. Der hatte sein Philosophie-Studium abgebrochen, um in einem Plattenladen zu arbeiten, war allerdings gerade entlassen worden. Von seinem Arbeitslosengeld kauften die drei sich einen Satz Instrumente. Nach fünf Tagen Proben gab die Band ihr erstes Konzert. „Wir waren damals keine Musiker, wir haben einfach nur auf unsere Instrumente eingehauen“, sagt Reynolds heute. Doch als die Klaxons wenig später ihr Debütalbum „Myths Of The Near Future“ veröffentlichten, stand die Musikwelt Kopf. Mit ihrer Mischung aus Techno, Indie-Rock und New Wave kreierten sie mal eben ein neues Genre: New Rave. Plötzlich trugen die Kids Neonklamotten und wedelten auf Konzerten mit Leuchtstäbchen. Das Album erreichte in England Platin-Status und im Rennen um den begehrten, mit 20.000 Pfund dotierten Mercury Prize setzten die Klaxons sich sogar gegen „Back To Black“ von Amy Winehouse durch. Doch so kometenhaft die Band aufgestiegen war, so sehr entpuppte sich ihr zweites Album „Surfing The Void“ als schwere Geburt. Die ersten Demos lehnte ihre Plattenfirma Gerüchten zufolge ab – auch wenn die Klaxons das heute bestreiten. Am Ende ging die Band mit dem amerikanischen Produzenten Ross Robinson, bekannt für seine Arbeit mit Nu-Metal-Bands wie Korn und Limp Bizkit, ins Studio und überraschte mit einem progressiven, psychedelischen Elektro-Rock-Sound. „Ich finde ja es ist ein Missverständnis, dass ‚Surfing The Void‘ nicht besonders gut war“, bemerkt Jamie Reynolds. „Es ist eine tolle Platte, die meisten Kritiken waren sehr positiv und wir spielten die größten Konzerte unserer Karriere. Es ist also nicht so, dass das für uns eine Phase der Depression war. Natürlich war es keine so riesige Sensation wie unser erstes Album, aber in unseren Augen waren wir einfach am cruisen.“ Die knallharten Fakten lesen sich allerdings weniger charmant: Obwohl „Surfing The Void“ tatsächlich einige großartige Momente enthielt, ging es in Großbritannien nur rund 30.000 Mal über die Ladentische – ein zehntel der Verkaufszahlen von „Myths Of The Near Future“.

Stolze vier Jahre sind seitdem vergangen. Und natürlich würden die Klaxons es nie zugeben, doch mit ihrem neuen Album „Love Frequency“ wollen sie nun allen Zweiflern beweisen, dass sie es noch drauf haben. Deshalb lagen sie in den letzten Jahren auch keineswegs auf der faulen Haut. Nachdem ihre 18-monatige Welttournee zu Ende war, begannen sie sofort mit der Arbeit an neuen Songs – und stellten im Studio schnell fest, dass keiner von ihnen wirklich Lust hatte, Bass oder Gitarre in die Hand zu nehmen. „Ich weiß nicht warum, aber uns fehlte das Verlangen“, erzählt Simon Taylor-Davis. „Die Instrumente standen aufgebaut in unserem Proberaum, doch wir ließen sie einstauben und versammelten uns stattdessen lieber um den Computer. Irgendwie interessierten wir uns dafür am meisten. Keiner von uns hatte Bock auf das Instrument, das wir seit acht Jahren spielen.“ Heraus kam deshalb eine elektronische Pop-Platte, mit der die Klaxons sich eben wieder einmal neu erfinden. Die Bandbreite auf „Love Frequency“ reicht vom Prog-Monster „Children Of The Sun“ über die atmosphärischen Tribal-Drums in „The Dreamers“ bis zum vor sich hin pluckernden Instrumentalstück „Liquid Light“. „Show Me A Miracle“ hingegen klingt, als hätten Hurts sich entschlossen neuerdings Dubstep zu machen, „Out Of The Dark“ ist eine eingängige Disco-Nummer und Songs wie „A New Reality“ oder „Rhythm Of Life“ sind von tanzbaren Danecfloor-Beats geprägt. Die Drum Machine pocht unentwegt, die Synthesizer knarzen und die Computer fiepen. Ihre Liebe für eingängige Melodien haben die Klaxons sich natürlich trotzdem bewahrt, ebenso wie den markanten Falsett-Gesang. Deswegen entwickeln selbst Stücke, die beim ersten Hören vielleicht noch belanglos wirken, nach mehreren Durchläufen einen gewissen Charme. Viele Songs sind simpel, aber genau deshalb ist „Love Frequency“ so leicht, unbeschwert und zugänglich. Und genau das war das erklärte Ziel der Klaxons. „Wir wollten ein Album machen, das im Radio gespielt wird“, sagt Keyboarder James Righton. „Für manche ist das Radio irgendwie etwas Schmutziges, aber wir haben so nie gedacht. Wir waren von Anfang an eine Radio-Band und wir wollen, dass unsere Songs von möglichst vielen Leuten gehört werden.“

Versierte Hilfe holten die Klaxons sich von Tom Rowlands von den Chemical Brothers, in dessen Haus in East Sussex sie das Album aufnahmen, sowie von dem britischen DJ Erol Alkan und James Murphy von LCD Soundsystem. „Wenn man eine Dance-Platte machen will, muss man diese Leute anrufen“, so Reynolds. „Sie gehören einfach zu den Besten.“ Die Single „There Is No Other Time“, deren Basslauf eindeutig an die frühen Daft Punk erinnert, entstand derweil in Kollaboration mit dem Dance-Pop-Duo Gorgon City. „Mit anderen Künstlern Songs zu schreiben ist im Moment ja total angesagt“, so Reynolds weiter. „Jeden Tag finden in London irgendwelche Sessions statt. Man trifft sich einfach im Studio und schaut, was dabei heraus kommt. Mit Gorgon City hat es super funktioniert. ‚There Is No Other Time‘ war innerhalb von nur einem Tag fertig.“ Davon abgesehen ließen die Klaxons sich für die Aufnahmen allerdings bewusst viel Zeit. Bereits fertige Songs stellten sie immer wieder auf den Prüfstand. Wieder und wieder fügten sie verschiedene Playlisten zusammen, um herauszufinden, ob sie das Album bereits im Kasten haben oder ob bei dem einen oder anderen Song doch noch mal eine andere Version her muss. „Im Grunde ist so ein Album nie komplett fertig, man könnte für immer weiter machen“, so Righton. „Irgendwann muss dann einfach einen Schlussstrich ziehen. Aber die Arbeit, die man in so ein Album steckt, ist schon verrückt.“ Zwischen den Aufnahmen gönnten Reynolds, Righton und Taylor-Davis sich allerdings auch Zeit für sich selbst. Vielleicht auch ein Grund, warum „Love Frequency“ nun so unbeschwert klingt. So hat Reynolds gemeinsam mit dem surrealistischen Filmregisseur Jack Bond eine Dokumentation über Adam Ant produziert. Das Filmteam begleitete den extrovertierten britischen Musiker auf seiner ersten Tour seit 15 Jahren und schildert sein Comeback. „Das war das erste Mal, dass ich in einen Film involviert war“, sagt Reynolds. „Ich habe Jack mit Rat zur Seite gestanden und war so etwas wie ein Mittelmann. Es hat wahnsinnig viel Spaß gemacht, dafür komplett in die Welt von Adam Ant einzutauchen und mehr über diese Legende zu erfahren.“ In eine andere Welt eingetaucht ist auch Gitarrist Simon Taylor-Davis: Er belegte einen Online-Uni-Kurs über Philip K. Dick. Der 1982 verstorbene Amerikaner gilt als einer der bedeutendsten Science-Fiction-Autoren und lieferte die Roman-Vorlagen für Filme wie „Blade Runner“, „Minority Report“ und „Total Recall“. „Ich bin seit Jahren Fan von seinen Büchern“, so Taylor-Davis. „Der Kurs ist phänomenal. Er heißt ‚Dickheads‘ und wurde von einem fantastischen Professor namens Richard Doyle ins Leben gerufen. Doyle beschäftigt sich seit den Achtzigern mit Dicks Werk.“ Fünf Bücher wurden in dem Kurs behandelt und mit Studenten auf der ganzen Welt diskutiert. „Ich finde es großartig“, so Taylor-Davis, „dass man heutzutage die Möglichkeiten hat so viel zu lernen, und das sogar kostenlos. Es ist gut sich inspirieren zu lassen. All diese Dinge fließen dann irgendwie auch wieder in unsere Musik ein.“

Während Reynolds und Taylor-Davis sich in kreativer Hinsicht austobten, nutze James Righton die freie Zeit um im Frühling 2013 seine Freundin zu heiraten, die Hollywoodschauspielerin Keira Knightley. „Verheiratet sein ist fantastisch, ich kann das nur empfehlen“, grinst er. Die Hochzeit fand im Süden Frankreichs statt. Righton und Knightley mieteten ein Haus und feierten mit Freunden und Familie eine große Party. Reynolds und Taylor-Davis studierten dafür extra den Song „What A Day“ von der japanischen Psych-Folk-Band Harumi ein. „Ich hatte noch nie in meinem Leben so viel Lampenfieber“, gesteht Taylor-Davis. „Auf einer Hochzeit will man es ja wirklich nicht vergeigen.“ Es lief alles glatt, das Brautpaar war begeistert. „Die Performance war etwas wirklich Besonderes“, sagt Righton. Es ist schwer, diesbezüglich mehr als ein paar Silben aus ihm heraus zubekommen. Righton vermeidet es tunlichst im Rampenlicht zu stehen und taucht nur selten an der Seite seiner Frau auf roten Teppichen auf. „Wenn es um mein Privatleben geht, fühle ich mich einfach unwohl und werde nervös“, sagt er. „Ich kann gar nicht erklären, warum das so ist.“ Ganz verkneifen konnten wir uns die Nachfrage aber schon aus dem Grund nicht, weil es auch auf „Love Frequency“ zum Teil um die Liebe geht – allerdings mit einem weniger glücklichen Ausgang. „Out Of The Dark“ zum Beispiel handelt davon, eine ungesunde Beziehung zu beenden. Und tatsächlich hat sich Jamie Reynolds, der bei der Band für die Texte verantwortlich ist, während der Aufnahmen von seiner Freundin getrennt. „Es war eine kurze aber ziemlich intensive Beziehung“, sagt er. „Also habe ich eine Menge Songs darüber geschrieben, dass ich keine Freundin habe – in der Hoffnung, dass sich das Problem von alleine löst, sobald das Album erscheint, weil ich dadurch eine neue finde.“ Neben der Liebe geht es in den Texten aber auch um die Band selbst. „Ich habe mir kürzlich noch mal alle unsere Texte angeschaut und kam zu einem Schluss“, verrät Reynolds. „Auf unserem ersten Album ging es um Objekte, um Dinge. Sachen, die man tatsächlich benennen kann. Das zweite Album handelte eher von Gefühlen oder Ideen. Da ist nichts Festes, nicht zum Anfassen. Und dieses Mal geht es eben gewissermaßen um uns selbst. Um das, was wir erlebt haben und um unsere Willensstärke, die Band wieder an einen Punkt zu bringen, an dem wir Erfolg haben.“ So selbstbezogen sei die Band in ihren Texten noch nie gewesen. „We are the dreamers with nothing to lose“, heißt es in „The Dreamers“, in „A New Reality“ derweil predigen die Klaxons an die eigenen Träume zu glauben. „Es geht darum“, so Reynolds, „wo wir als Band hin wollen.“

Dank „Love Frequency“ dürfte es für die drei aber eigentlich kein Problem sein, ihre Band wieder auf Kurs zu bringen. In die Playlisten der britischen Radio-Stationen zumindest haben die Klaxons es bereits geschafft. Und die nächste verrückte Erfindung haben Sie auch schon am Start: Ihre kommende Tour wird die erste „3D Printed Tour“ der Musikgeschichte. Das heißt sowohl die Instrumente und Verstärker als auch die Scheinwerfer werden von der britischen Firma SJA 3D Printing in 3D-Technologie gedruckt. „Traditionelle Instrumente gibt es schon seit Ewigkeiten“, so Reynolds. „Es ist an der Zeit, neue Technologien zu nutzen.“ Bei der Form der Instrumente sei habe man das Original schon zu 100 Prozent erreicht, gab SJA 3D Printing zu Protokoll. Derzeit wird an der Funktionalität der gedruckten Instrumente gearbeitet. „Das ist etwas, was noch niemand vor uns gemacht hat“, so Reynolds stolz. „Etwas Großes, Neues. Warum nicht?“ Genau, warum nicht. Bei den Klaxons wundert einen mittlerweile sowieso nichts mehr. Als nächstes nehmen sie vermutlich ein Country-Album auf. „Wir tendieren eher zu einem French-Reggae-Album“, grinst James Righton frech. „Das nehmen wir dann auf Jamaika auf!“ Zuzutrauen wäre es ihnen.

 

Das könnte dich auch interessieren:
Moonbootica – Stimmiger als je zuvor
Umek – der „Fotr“ der slowenischen Technoszene

www.klaxons.net