Marc DePulse – aus dem Leben eines DJs: Klingelputzen für Erwachsene


Releases auf den angesagtesten Labels, Top-Hits in Serie, Spotify-Millionär, soziale Herzchen gen Universum. Ein ausgezeichneter Ruf seit vielen Jahren und doch bleibt der Kalender manchmal irgendwie peinlich leer. Was für Außenstehende so wirkt, als wärst du ständig nur auf Reisen („Läuft doch mega bei dir.“ oder: „Du hast deine Schäfchen doch längst im Trockenen!“), ist vermutlich deiner tollen Präsenz nach außen geschuldet, im Innenleben aber nur die halbe Wahrheit.

Jeder Sommer bekommt seinen Herbst. Die Blätter fallen, auch wenn du immer noch im T-Shirt rausgehen magst. Die Clubs sind irgendwie alle noch im Festival-Modus, vor allem weil die Menschen durch das Überangebot ihr komplettes Geld samt Jahresurlaub verballert haben und ab September erst mal wieder mit sich und der Welt klarkommen müssen. Aber nun steht die Indoor-Saison an, in der sich die DJs weltweit wieder gegenseitig den Rang ablaufen und die besten Clubs um die Ecke lieber erst mal ihre Residents an die Teller lassen, bevor sie gleich wieder unnötig viele Taler riskieren. Und so stehen die Talente Schlange, egal wie ambitioniert oder etabliert sie auch sein mögen.

Wer die Musik als Hobby betreibt, kann die Dinge entspannt sehen. Das monatliche Gehalt kommt nicht aus der Musikindustrie – und die paar Auftritte sind die Kirsche auf der Torte. Wer sich aber zum Vollzeit-Szenehirsch erkoren hat, kommt irgendwann nicht umhin, seinem Glück dann und wann selbst auf die Sprünge zu helfen. Spätestens dann, wenn der Blick aufs Konto einen gewissen Handlungsanstoß erfordert.

Akquise heißt das magische Wort, was jedem Selbständigen ein Leben lang wie Fußpilz begleitet. Dagegen gibt’s auch nix von Ratiopharm. Kurz gesagt: Es reiht sich ein in die Sparte der Existenzängste, taucht nur dann auf, wenn der Champagner mal wieder alle ist und man feststellt, dass man auf die leeren Pullen nicht einmal mehr Pfand bekommt.

Momente des Stillstands, wenn gefühlt alles und jeder an dir vorbeizieht und ein Blick in deinen Booking-Kalender vor allem eines verbreitet: Panik. Die Donnerbuddys, die dich jahrelang gebucht haben, sind natürlich schon weit voraus mit ihrer Planung. Kurzfristige Slots bringen zwar ein paar schnelle Taler, aber bei weitem nicht genug, um über die Runden zu kommen.

Doch seine Dinge komplett in die eigene Hand zu nehmen, ist nicht immer das richtige Rezept, schließlich will man ja trotzdem sein Gesicht wahren und seinen Status nicht riskieren. Man ist doch schließlich wer, will nicht gleich den Haustürvertreter mimen und versetzt sich dabei vermutlich direkt in die Rolle des Gegenüber: „Wie würde ich denn reagieren, wenn es an meiner Tür klingelt und mir jemand seinen Mist andrehen möchte?“

Eigen-Akquise bringt dich immer in eine schlechte Verhandlungsposition, in der zwischen „Ich möchte bei euch spielen.“ und „Ich möchte meine normale Gage durchsetzen.“ meist eine riesige Lücke klafft. Im Idealfall lässt man diesen Job von einer dritten Person machen, deinem Booker. Er, bzw. sie klopft für dich an, bringt dich ins Gespräch und schickt den letzten Releases noch ein paar Lorbeeren hinterher. Sofern man natürlich einen Booker hat.

Guter Rat an alle Existenz-Ängstler: In Zeiten des Leuchtens immer mal ein paar Schatten-Taler zurücklegen und den Weitblick nicht verlieren. Gerade, wenn man auf sich selbst gestellt ist, sollte man bei aller Euphorie stets Demut walten lassen und bei Rückschlägen nicht gleich alles über einen Haufen werfen. Schließlich birgt nicht jede dunkle Wolke auch gleich Regen in sich. Selbständige kennen die Wendung „sich mal zurücklehnen“ nicht. Solange das monatliche Einkommen nicht automatisch fließt, muss man auch mal über den eigenen Schatten springen und lernen, wie man die eigene Marke geschickt verkauft. Der Schlüssel: sich anbieten ohne sich anzubiedern.

 

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Foto:
 Jörg Singer/Studio Leipzig

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