Im November 2010 erschien auf Connaisseur Recordings ein Album, das so große Wellen schlug, wie es das Label und die Künstler kaum erwartet hatten. Presse, Fans und Kolleg*innen waren sich einig, dass Christian Hilscher (im Bild links) und Nico Plagemann alias Kollektiv Turmstrasse mit „Rebellion der Träumer“ ein einzigartiges Album produziert haben – mittlerweile genießt es mit seiner zeitlosen Eleganz den Status eines Klassikers. Nun feiert das Meisterwerk seinen zehnten Geburtstag und zum Jubiläum präsentieren Kollektiv Turmstrasse und Connaisseur Recordings Reissues, Remixe und ein Sondercover. Mit Nico blicken wir zurück – und in die Zukunft.

 

 

Wie ist die Idee zum Album entstanden, wie lange habt ihr daran gesessen? 

Generell ein Album zu machen, war damals erst mal der Plan, das Konzept entwickelte sich während der Fertigstellung. Es gab ja schon im Vorfeld ein Album, mit dem wir aber total unzufrieden waren, also wurde jenes verworfen und wir haben dann wieder bei null begonnen. Ich glaube, das war der Moment, als unser Labelmanager Alex seine ersten grauen Haare bekam, aber zurückblickend war es die richtige Entscheidung. Der reine Produktionsprozess hat circa neun Monate gedauert – geburtstypisch halt.

Erinnerst du dich noch, mit was für einem Gefühl ihr damals das Album beim Label abgegeben und veröffentlicht habt?

Es war aufregend und ich war sehr nervös, als Alex das fast fertige Album das erste Mal hörte. Ich erinnere mich noch genau, wie wir in Offenbach auf seiner Couch saßen und mir der Schweiß in Bächen am Körper runterlief – ich war sozusagen klitschnass. Ich bin mir zwar nicht mehr ganz sicher, meine aber, dass Alex zu dem Zeitpunkt auch noch nicht genau wusste, was musikalisch auf dem Album passiert. Die Veröffentlichung selbst war dann natürlich auch spannend, und bis dieser Zeitpunkt kam, verging auch eine gefühlte Ewigkeit. Wir wussten ja nicht, wie das Werk überhaupt angenommen wird. Der ganze Kontext des Albums war ja sehr konträr zu dem, was wir vorher gemacht hatten. Es war dann aber eine riesige Erleichterung, zu sehen, dass unser Mut, solch ein Wagnis einzugehen, belohnt wurde.

Wie seht ihr das Album heute, zehn Jahre später? 

Nach dem Album war es eine lange Zeit sehr still bei uns. Wir waren rückblickend betrachtet in Sachen Kreativität etwas ausgebrannt. Das lag auch an der Intensität und an der Leidenschaft, mit der wir an das Album rangegangen sind. Wir hatten das Ziel erreicht und waren ehrlich gesagt etwas lost. Ich habe das Album dann erst mal nicht gehört, mich haben zu viele Sachen gestört, zu viele Dinge, die man hätte besser machen können. Wir sind ja grundsätzlich eher unzufrieden mit unseren Produktionen, weil wir zum einen eigentlich nie wirklich loslassen und sagen können „okay, jetzt ist das Stück fertig“. Und zum anderen ist der Drang, besser zu werden mit jedem Stück, sich selbst zu überraschen, eine große Herausforderung. Dazu muss man verstehen, dass elektronische Musik für uns immer Leidenschaft bedeutet, wir machen die Musik nicht für Fans und nicht für Erfolg und Ruhm. Es ist der Prozess des Entwickelns, kreativ zu sein, eine Geschichte beziehungsweise Message in Musik zu packen; wir versuchen, der Produktion eine Seele zu geben. Und das ist auch die letztendliche Erkenntnis zum Album heute, zehn Jahre später. Ich denke, wir haben dem Album trotz aller Ecken und Kanten und aller Unzufriedenheit eine Seele gegeben, die bis heute noch strahlt.

Wie sieht’s mit neuen Releases aus, was können wir demnächst von euch erwarten? 

Hier müsste jetzt ein langes „MUAHAHAHAHAAAA“ stehen. Ich denke, wir haben mit „Sorry, I’m Late“ eindeutig klar gemacht, dass es bei uns immer etwas länger dauern kann. Ich würde jetzt gerne sagen: „Hey, neues Album kommt bald.“ Aber nein, das mache ich jetzt nicht …

 

Die Releases zum Jubiläum:

– Album-Reissue schwarzes Vinyl
– Album-Reissue rotes Vinyl
– Album-Reissue rotes Vinyl inkl. Cover von Bringmann & Kopetzki (limitiert)
– Rebellion der Träumer X – The 10th Anniversary Remixes, Pt. 1: Blindsmyth, Girls Of The Internet & ELEFAN
– Rebellion der Träumer X – The 10th Anniversary Remixes, Pt. 2: Map.ache, Alps 2 & Pépe
– Rebellion der Träumer X – The 10th Anniversary Remixes, Pt. 3: TSHA, Macho Cutie & K-Lone

 

Die drei Remixer Blindsmyth, Map.ache und den mysteriösen Macho Cutie haben wir zum Kurzinterview gebeten – genauso wie Bringmann & Kopetzki, die das Cover „geremixt“ haben.

 

Wann seid ihr zum ersten Mal mit dem Album in Berührung gekommen und welchen Eindruck hat es bei euch hinterlassen?

Blindsmyth: Ich kam das erste Mal mit „Rebellion der Träumer“ 2010/2011 in meiner Studienzeit in Groningen in Kontakt. Damals waren Kollektiv Turmstrasse für uns die absoluten Helden und wurden auf unseren selbstimprovisierten Partys rauf und runter gespielt. Mit diesem Album zeigten sie mir, dass man als Künstler sowohl clubtaugliche Tracks als auch feinere, ruhigere, emotionale Klänge machen kann – dass sich das eben nicht gegenseitig ausschließen muss. Diese Idee motiviert mich eigentlich bis zum heutigen Tag, Musik zu machen.

Map.ache: Ehrlich gesagt ist das Album vor zehn Jahren an mir vorbeigegangen, ich habe aber zum Kollektiv eine noch ältere Verbindung. Ihre ersten EPs auf ihrem Label Musik Gewinnt Freude habe ich regelmäßig gespielt und ich erinnere mich noch dunkel, dass wir mal zu MySpace-Zeiten (lacht) Kontakt hatten, als ich meine ersten eigenen Tracks hochgeladen habe und wir mit KANN unser eigenes Label starteten. Umso schöner, jetzt wieder verbunden zu sein!

Macho Cutie: Macho Cutie war auf der Suche nach Kassetten-Raubkopien unter einer Brücke im Zentrum von Oslo oder Stockholm, als ihm 2010 eine Raubkopie von „Rebellion der Träumer“ in die Hände fiel. Die subtilen Melodien blieben im Ohr hängen, und das Tape war in seinem 2001er-VW-Polo jahrelang in heavy Rotation. Erstklassig!

Jens Bringmann: Ich kann mich tatsächlich voll gut dran erinnern, weil das damals der Soundtrack zu meinem Einzug in meine jetzige Wohnung war. Die Platte lief hier rauf und runter. Finde sie auch nach zehn Jahren immer noch frisch. 

Nach welchen Kriterien habt ihr den jeweiligen Track ausgesucht und wie seid ihr an die Sache herangegangen?

Blindsmyth: Wenn ich einen Track für einen Remix aussuche, interessiert mich immer das transformative Potenzial. Wie kann ich das Gefühl, die Essenz des Originals beibehalten und es gleichzeitig zu etwas mir eigenem machen?

Was bleibt, ist voller Gefühl, vielleicht sogar einer der emotionalsten Tracks des Albums. Das Original lebt von dieser positiven Melancholie, der Erkenntnis, dass auch lange nach dem Ende einer Liebesbeziehung die Liebe ja immer noch ist und dass das etwas Positives ist. Dieses positive Gefühl wollte ich in meinem Remix verstärken, bis in eine nahezu euphorische Melancholie.

Map.ache: Wenn ich mir Tracks zum Remixen aussuche, geht es meist um einen ganz bestimmten Vibe, der mich anspricht. Das können auch immer nur ein bestimmtes Element, eine Melodie oder auch nur ein Groove-Schnipsel sein, der mich mitnimmt. So auch in diesem Fall. Die tolle Atmosphäre des Originals war ausschlaggebend für meine Wahl.

Macho Cutie: Macho Cutie entschied sich für „Deine Distanz“, weil der Track wirklich gut ist, aber einen ordentlichen Tritt in den Arsch brauchte!

Während Produzent*innen Tracks geremixt haben, habt ihr als Grafiker das Cover geremixt. Wie geht man an so eine Aufgabe ran, was ist dabei besonders wichtig?

Valentin Kopetzki: Wir haben uns erst mal an den Farben und der Komposition des Original-Covers orientiert, wollten aber zusätzlich, dass die Illustrationen von der Stimmung her auch den Vibe der Musik widerspiegeln. Es sollte dabei einerseits erkennbar nach Bringmann & Kopetzki aussehen, andererseits aber auch nicht zu funny, bunt und albern werden. Außerdem wollten wir die Elemente Mensch, Natur und Technologie irgendwie visuell verschmelzen lassen. Nach einigen Entwürfen sind wir dann bei einer surrealen Landschaft gelandet, die sich quasi selbst träumt. Und ähnlich wie in den Tracks sollte es auch in den Bildern viele kleine Details zu entdecken geben.

 

 

Aus dem FAZEmag 106
Text: Tassilo Dicke
Foto KT: David Rasche
www.kollektiv-turmstrasse.de