Wo hängt man eigentlich 250 Gold-, Silber-, Platin- und Diamantschallplatten auf? Im Wohnzimmer? Was macht wohl ein Live-Künstler in einer Festival-Saison, in der keine Festivals stattfinden? Kauft man sich eine Luxusvilla, eine Yacht mit 10 000 PS und einen Privatjet mit KYGO-Aufschrift, wenn man 24 Millionen Platten verkauft hat? Wie groß ist der Druck, nach erfolgreichen Releases noch erfolgreichere Releases zu produzieren? Und wie sieht der Alltag eines Superstar-DJs in Zeiten der Corona-Krise aus? Fragen über Fragen, zu denen wir euch gerne in diesem Heft Antworten geliefert hätten. Doch da sie uns wohl erst nach Redaktionsschluss erreichen, holen wir das einfach online nach. Gerne hätten wir euch auch Details zum Produktionsprozess von KYGOs neuem und somit drittem Album „Golden Hour“ verraten. Auch diesbezüglich heißt es: Aufgeschoben ist nicht aufgehoben. Gucken wir also vorerst einfach mal in die Historie des norwegischen Ausnahmetalents und gehen der Frage nach, wie alles begann. Und wir beleuchten ein paar der unendlich vielen Stationen des heute 28-Jährigen. Ein Status quo.


Sein optisches Markenzeichen ist das nach hinten gedrehte Basecap. Sein musikalisches Markenzeichen ist der Sound, den man in die Schublade mit der Aufschrift „Tropical House“ legen könnte. Zweifelsfrei ist er der Wegbereiter dieses Genres, bei dem man spontan an die vier wichtigsten „S“ der Gute-Laune-Partymusik denkt: Sommer, Sonne, Strand, Schirmchencocktail. Es ist die großartige Vielfalt des Kyrre Gørvell-Dahll alias KYGO, die maßgeblich für die eingeheimsten Erfolgslorbeeren zuständig war. Und ist. So kann man sich genauso auf dem Dancefloor eines riesigen Festivals mit 50 000 Partypeople tänzerisch zu seinem Sound verausgaben wie man ihm in der Hängematte eines Beachclubs liegend lauscht, während man mit einem leckeren Kaltgetränk der Sonne zusieht, wie sie hinter dem Mittelmeer versinkt. Beide Kulissen sind geradezu prädestiniert für die stimmungsvollen Melodien mit einprägsamen Vocals und ploppigen Mitwipp-Beats. Von einer Katalogisierung wie Tropical House hält KYGO allerdings herzlich wenig. „Ich bezeichne meine Songs eigentlich nicht so, weil ich Klassifizierungen grundsätzlich doof finde. Als ich allerdings damit begonnen habe, diese Art von Musik zu produzieren, gab es neben dem Australier Thomas Jack niemanden sonst. Wenn mich die Leute gefragt haben, was ich für Musik mache, habe ich es ,melodiöse elektronische Musik’ genannt – bis Thomas Jack den Begriff Tropical House erstmals ins Spiel brachte. Plötzlich nannte man auch meine Musik so. Ich habe gemischte Gefühle dabei. Ich verstehe, warum es Tropical ist, denn die Musik ist ja weitgehend fröhlich, sommerlich und wird mit Strand assoziiert. Aber Songs mit melancholischen Vocals wie denen von James Vincent McMorrow würde ich im Leben nicht als Tropical House bezeichnen wollen.“ Das verriet KYGO uns in einem Interview, das wir mit ihm vor ziemlich genau vier Jahren in Berlin führten. Und dieses Statement ist heute so aktuell wie damals.

 

KYGO – eine Reise in die Welt der Zahlen:
18: 18 Monate dauerte die Produktion des ersten Albums „Cloud Nine“
650: 650 Millionen Mal wurde die Single „Higher Love“ weltweit gestreamt
14,6: 14,6 Milliarden Mal wurden KYGO-Songs bisher weltweit gestreamt
31: So viele Singles hat KYGO bisher veröffentlicht
16: In 16 Ländern wurde KYGO mit Gold und Platin ausgezeichnet
100: Mit 100 BPM erscheinen KYGO-Songs. Standard sind im House-Segment 120 BPM.
26: So viele Goldschallplatten kassierte KYGO in seinem Heimatland Norwegen bisher
9: So viele Singles platzierte KYGO im Jahr 2017 in den weltweiten Charts
23: 23 Jahre jung war KYGO, als „Firestone“ veröffentlicht und zum Welthit wurde
2014: In diesem Jahr trat er als Avicii-Ersatz bei TomorrowWorld auf
24: 24 Millionen Platten verkaufte KYGO bis heute
21: So viele Singles hatte KYGO bisher in den Deutschen Charts
29: So viele Remixe hat KYGO bisher produziert
2016: In diesem Jahr war KYGO zuletzt auf Deutschland-Tour (4 Gigs)
3: Am 29. Mai 2020 erscheint KYGOs drittes Album: „Golden Hour“

 

Weltstar-DJ mit vier Buchstaben?
Den Namen KYGO kennt die 50-jährige Nachbarin vielleicht nicht unbedingt, seine Songs aber mit Sicherheit. Egal ob man das Küchenradio aufdreht, im Supermarkt das Grillwürstchen in den Einkaufswagen legt oder sich am Kiosk seines Vertrauens ein Feierabendbierchen holt – KYGOs Songs schallen aus vielen der weltweiten Musikanlagen. An den Erfolgsproduktionen von KYGO führt kein Weg vorbei. Geradezu omnipräsent ist der junge Norweger, der hierzulande oft in einem Atemzug mit Robin Schulz und Felix Jaehn genannt wird. Diese Namen muss man wohl kaum einem Clubber erklären. Und auch der Name KYGO ist selbsterklärend. So setzt sich dieser Künstler-Alias aus den jeweils ersten beiden Anfangsbuchstaben des Vor- und Nachnamens des DJs und Produzenten zusammen. So wird auf genauso kreative wie simple Art und Weise aus Kyrre Gørvell-Dahll KYGO. „KYGO ist als Künstlername absolut perfekt. Er ist sehr einfach auszusprechen, sowohl auf Norwegisch als auch auf Englisch. Und ich brauche den Namen in Zukunft auch nie zu ändern“, verrät der smarte Sonnyboy der norwegischen Zeitung Fanaposten. Einen großen Namen hat er sich längst im internationalen Musikzirkus gemacht. Und so tingelt er von Club zu Club, von Event zu Event, von Festival zu Festival. Es sei denn, es herrscht auf Planet Erde gerade ein Coronavirus-bedingter Ausnahmezustand. Wie momentan. Im Terminkalender von KYGO herrscht in Zeiten von COVID-19 gähnende Leere.

Bis 2013 ging es ähnlich ruhig zu bei KYGO. Er führte ein ganz normales Leben als Kind und Teenager, begann im Alter von sechs Jahren, Klavier zu spielen, und nahm die folgenden zehn Jahre kontinuierlich Unterricht am Tasteninstrument. Mit 19 dann gab es die ersten Erfahrungs-Experimente mit eigenen Produktionen. Von Weltruhm jedoch noch keine Spur. Dies änderte sich allerdings schlagartig, als er auf seiner SoundCloud-Seite nicht freigegebene und nicht autorisierte Remixe veröffentlichte, darunter Songs von Rihanna, Ellie Goulding und Passenger. Der Peak: seine Neu-Interpretation von Marvin Gayes „Sexual Healing“. Die Folge: zehn Millionen Aufrufe auf YouTube! Nächster Peak: das Rework von „I See Fire“ von Ed Sheeran mit 60 Millionen Streams auf dem gleichen Kanal. KYGO – ein kleiner Stern am großen Firmament der weltweiten Remixer war geboren. 

Und dann … dann standen Coldplay auf der Matte!
Frontmann Chris Martin wurde auf den Youngster aus Norwegen aufmerksam. Völlig fasziniert vom neuartigen „Kling-Klong-Sound“ des skandinavischen Ausnahmetalents fragte er einen Remix zu „Midnight“ an. Stand der Dinge Ende April 2020: 36 000 000 Aufrufe! So gelten Coldplay inoffiziell als die großen Mit-Entdecker und Co-Mentoren von KYGO. Der Weg ins aufregende internationale Music-Business: Er war jetzt definitiv geebnet.

Nur wenige Monate später unterschrieb KYGO seinen Plattenvertrag bei Ultra Records und beim Major-Label Sony Music. Die Aufgabe: erste selbst geschriebene und eigens produzierte Songs abliefern – und weg von den Remixen. Eine eigene Handschrift musste her, eine Art Trademark musste entwickelt werden, ein Alleinstellungsmerkmal musste erfunden werden – ergo: irgendetwas, was KYGO von allen anderen kreativen Tausendsassas der Musikindustrie unterscheidet. Vorhang auf und Bühne frei für: Steel Drum und Flötensound. KYGO hat sein Ei des Kolumbus gefunden und tatsächlich seine allererste Single-Veröffentlichung „Firestone“ direkt auf den globalen Chart-Olymp gehievt. Die Nummer – eine Kooperation mit dem australischen Sänger Conrad Sewell – erschien kurz vor Weihnachten 2014 und erzielte bis heute knapp 600 Millionen Streams auf YouTube. Es folgten weitere Singles und der nächste Höhepunkt der noch so jungen Karriere: das erste Album „Cloud Nine“. Die englische „Wolke neun“ ist mit der deutschen „Wolke sieben“ in ihrer Sinnbildlichkeit vergleichbar. „Wenn ich einen Song mache und mit dem Ergebnis total happy bin, fühle ich mich wie auf ‚Wolke 9‘. Das ist der glücklichste Ort, an dem man sein kann. Und so habe ich mich bei jedem Song des Albums gefühlt. Und ich möchte natürlich auch, dass meine Musik die Hörer glücklich macht und auch sie sich mit mir auf Wolke 9 wiederfinden“, verrät er meiner Kollegin Nicole im FAZEmag-Interview 2016.

Nach einem Auftritt bei den Olympischen Sommerspielen 2016 im größten Fußballstadion der Welt vor 200 000 Menschen in Rio de Janeiro und der eigenen Modekollektion „Kygo Life“ kam der Jahreswechsel. Zahlreiche Neuveröffentlichungen mit den unterschiedlichsten Kooperationspartnern und musikalischen Wegbegleitern standen an – und die Festival-Saison stand bevor. KYGO spielte erst gar nicht auf den kleinen Floors. Er war direkt für die großen Mainstages gebucht. Die Gunst der erfolgreichen Stunde genutzt, war auch KYGOs zweites Album „Kids In Love“ in der Pipeline. Wurde er nach seiner Inspiration gefragt, antwortete er: „Ein verliebtes Kind zu sein, beschreibt, jemandem oder einer Sache superleidenschaftlich gegenüberzustehen, und ich spiele superleidenschaftlich Klavier, seit ich sechs Jahre alt bin. Wenn ich ein Lied oder eine Melodie spiele, die ich wirklich mag, fühle ich mich wie ein verliebter Junge.“

Seine Bookings führten ihn rund um den gesamten Erdball. Kaum ein Festival, auf dem der sympathische Mädchenschwarm nicht spielte. Und trotzdem fand er immer noch die Zeit, neue Songs zu schreiben und zu produzieren. Mit einer Nummer gelang es ihm, Fans und Kritiker gleichermaßen zu faszinieren und zu polarisieren: dem Single-Release des einstigen Steve-Winwood-Klassikers „Higher Love“, aus dem er zusammen mit der 2012 verstorbenen Whitney Houston eine Cover-Version auf den Markt brachte. Danach wurde es etwas ruhiger um KYGO.

Die Ruhe vor dem Sturm
New York, 3. April 2020. Es war der Tag, an dem bekanntgegeben wurde: KYGO is back. Und zwar mit einer neuen Single und einem neuen Album, das noch im Frühling dieses Jahres veröffentlicht werden soll. Mit „I’ll Wait“ bringt KYGO eine fluffig-softe Pop-House-Sommer-Nummer raus, die er zusammen mit Sasha Sloan aufgenommen hat. Man kannte sich, denn bereits 2017 entstand mit „This Town“ eine Gemeinschaftsproduktion für die „Stargazing“-EP. Am gleichen Tag erhielt die internationale Presse die Botschaft: „Golden Hour“ wird der Titel des dritten KYGO-Albums sein. Und das kommt in die realen und virtuellen Plattenläden, noch ehe ihr die 100. Ausgabe des FAZEmag in den Händen halten werdet. Am Freitag, den 29. Mai 2020 erschien „Golden Hour“ auf Ultra/Sony Music. Und zuvor noch – wir sind ganz sicher! – versüßen wir euch die Wartezeit mit den Antworten auf die eingangs erwähnten Fragen. Das Interview findet ihr in Kürze auf www.fazemag.de.

  

KYGO – die Album-Diskografie:
„Cloud Nine“: Erstveröffentlichung am 13.05.2016
„Kids In Love“: Erstveröffentlichung am 03.11.2017
„Golden Hour“: Erstveröffentlichung am 29.05.2020

 

Aus dem FAZEmag 099/05.2020
Text: Torsten Widua
Foto: Johannes Lovund