Ladytron – Zurück im Rausch

Foto: Mark McNulty

Mit “Paradises” melden sich Ladytron nicht nur mit ihrem bislang längsten Album zurück, sondern auch mit einem spürbaren kreativen Aufbruch. 16 Tracks, 73 Minuten – ein Werk, das sich Zeit nimmt, sich zu entfalten, und dabei bewusst Raum für Tiefe lässt. „Eine Mischung aus beidem“, sagt Daniel Hunt über die Entscheidung für diese Länge. „Aber ohne dieses Momentum kommt man gar nicht an den Punkt, sich dafür zu entscheiden.“ Gerade diese Dynamik sei entscheidend gewesen: „Ich mochte immer die Idee, dass ein Album Geheimnisse in sich trägt, die sich erst mit der Zeit offenbaren. Das fühlt sich heute besonders wertvoll an.“ Veröffentlicht wurde das Werk am 20. März auf Nettwerk.

Dass “Paradises” gleichzeitig ihr tanzbarstes Album seit Jahren ist, kommt dabei nicht von ungefähr. Schon lange schwelte der Wunsch, sich diesem Terrain stärker anzunähern. „Als wir angefangen haben, waren wir nah an der Dance Music, aber wir waren keine Dance Music“, erklärt Hunt. Trotz Nähe zur Szene, DJ-Wurzeln und Remixen aus der House-Welt sei die Band „ehrlich gesagt zu weird für Dance Music“ gewesen. Der Reiz blieb jedoch: „Der Wunsch, im weitesten Sinne ein ‚Disco‘-Album zu machen, war immer da.“ “Paradises” sei zwar „auch kein Disco-Album“, aber „wahrscheinlich das Nächste, was wir je daran waren.“

Der kreative Prozess dahinter war ungewöhnlich konzentriert. Innerhalb von fünf Monaten entstand ein Großteil des Albums – nahezu aus dem Nichts. „Da war eine Frische und Dringlichkeit in allem, eine Spontaneität, und wir haben uns ständig gegenseitig und auch selbst überrascht“, beschreibt Hunt diese Phase. Schnell sei klar gewesen: „Das hier ist kein normales Album.“ Ein Schlüssel dazu lag offenbar auch im Blick zurück. Die Band knüpfte unbewusst an ihre Anfangstage an, als noch alles offen war. „Im Grunde geht es darum, wieder Spaß am Prozess zu haben“, so Hunt. Erinnerungen an durchgemachte Nächte im Studio in Liverpool, an spontane Sessions ohne klare Identität, wurden wieder greifbar. „Als wir dieses Gefühl wiedergefunden haben, hat sich ein neuer Weg eröffnet, der uns wieder zu dem gebracht hat, was wir sind.“

Foto: Mark McNulty

Diese neu gewonnene Leichtigkeit spiegelt sich auch in der Musik wider, die Persönliches und Abstraktes miteinander verbindet. Ein Spannungsfeld, das nicht geplant war, sondern organisch entstand. „Alles, was wir machen, entsteht natürlich und intuitiv. Wir planen selten“, sagt Hunt. Dennoch erreiche das Album einen Punkt, „an dem diese beiden Ebenen zusammenlaufen.“ Auch die Zusammenarbeit mit Jim Abbiss spielte dabei eine zentrale Rolle. Der langjährige Weggefährte wurde diesmal nicht nur als Mixer eingebunden, sondern griff erneut aktiv in den Prozess ein. „Er ist wie ein zusätzliches Bandmitglied“, so Hunt. Besonders eine Session in den legendären Dean Street Studios in London erwies sich als entscheidend: „Es war seine Idee, eine Woche dort zu verbringen, das fertige Album noch einmal auseinanderzunehmen und eine Art Chaos-Phase zuzulassen, um zu sehen, was daraus entsteht.“

Aufgenommen wurde “Paradises” an verschiedenen Orten – von São Paulo bis London. Während ein Großteil der Komposition in Brasilien entstand, brachte vor allem ein Ort das Projekt auf ein neues Level: „Dean Street in Soho war der Moment, in dem ich das Gefühl hatte, dass das Album noch einmal ein Level höher gegangen ist.“ Nach über zwei Jahrzehnten Bandgeschichte wirkt “Paradises” damit wie ein Neustart aus der eigenen Essenz heraus. Eine bewusste Rückbesinnung auf das, was Ladytron immer ausgemacht hat – und gleichzeitig ein Schritt nach vorne. „Die Absicht, Spaß zu haben“, bringt es Hunt auf den Punkt. Nach den schwierigen Bedingungen des Vorgängers während der Pandemie sei klar gewesen: „Es gab keine andere Möglichkeit, als dass sich dieses Album genau so anfühlen musste.“

Aus dem FAZEmag 170/04.2026
Text: Triple P
Foto: Mark McNulty
www.instagram.com/ladytron