Der aus Portsmouth stammende Leon Vynehall hat sich mit seinen DJ-Sets sowie Releases auf Labels wie Aus Music, Rush Hour oder auch Running Back recht schnell einen Namen gemacht – dieser fand jedoch bislang gänzlich im Dancefloor-Kontext statt. Nun geht Vynehall einen Schritt, den sich nur die wenigsten trauen, und bricht genremäßig alle bislang mit ihm in Verbindung gebrachten Grenzen. Auf seinem Debütalbum „Nothing Is Still“, das am 15. Juni auf Ninja Tune erscheint, verschreibt sich der Brite voll und ganz atmosphärischen und strukturellen Sound-Konstrukten. Das großartige Werk, das die Historie seiner Großeltern thematisiert, erscheint samt Novelle und Kurzfilmen.

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In neun Kapiteln behandelt er dabei die Auswanderung beider aus dem grünen Südosten Englands in das New York der 1960er-Jahre. Davon erfuhr Vynehall erst nach dem Ableben seines Großvaters vor rund vier Jahren. Es folgten intensive Gespräche mit seiner Oma, um so viel wie möglich von der Familiengeschichte zu erfahren. Die Fotos und der ursprünglich eher humorvolle Gedanke, eines von ihnen könnte ein cooles LP-Cover ergeben, endeten bei diesem Projekt. „Es war ein langer Prozess und es erscheint mir fast schon wie eine Befreiung, nach so einer langen Zeit diese Vision aus meinem Kopf endlich in ein greifbares Objekt zum Lesen, Hören und Sehen umgewandelt zu haben. Die Entwicklung vom Dancefloor hin zu diesem Resultat ging auf natürlichem Wege vonstatten. Die Musik ist unmittelbar mit den Texten im Buch verbunden. Ich ging Passage für Passage durch und markierte mir wichtige Stellen, die ich als Tool für die Musik nutzen konnte und die imstande waren, diese ganz bestimmte Stimmung und auch die Tempi wiederzugeben. Ja, es ist komplizierte Musik. Aber das Thema dancefloororientiert zu halten, würde nur vom Wesentlichen ablenken“, erzählt uns Vynehall im Gespräch.

Das Album wurde in den Konk Studios – einstmals von The Kinks ins Leben gerufen und Aufnahmeort für Bands wie Blur, Steve Winwood oder die Bee Gees – aufgenommen, komplett von Vynehall geschrieben und auch größtenteils selbst eingespielt; neben ihm waren Finn Peters an Saxofon und Flöte, Sam Beste am Klavier und ein zehnköpfiges Streicherensemble beteiligt, das von Amy Langley arrangiert wurde. „Das Buch und die Musik wurden zuerst umgesetzt, anschließend der Film. Ich wollte etwas Wertvolleres kreieren als nur ein Album, das wenige Wochen später niemanden mehr interessiert. Es sollte vielmehr kohärent und zusammenhängend sein. Mit den produzierten visuellen Sachen ergibt sich ein viel besseres Bild der Geschichte. Außerdem wollte ich so etwas in der Art schon immer machen.“ Mit der Ankündigung der Videos zu „Movements (Chapter III)“ und „Envelopes (Chapter VI)“ tat Vynehall auch seinen Plan kund, in diesem Sommer mit Live-Band auf die Bühne zu gehen. Neben drei aufeinanderfolgenden Nächten im Hackney Showroom in London vom 3. bis zum 5. Juli und Konzerten in Paris und Amsterdam wird es ihn am 21. Juni auch nach Berlin führen, wo er im Maschinenhaus auf dem Kulturbrauereigelände seine neue Musik präsentieren wird. „Die Idee ist, die verschiedenen Medien innerhalb des Projekts in einer Live-Umgebung zusammenzubringen. Ich werde das Album mit einer kompletten Live-Band spielen und arbeite daran, die Show so ansprechend wie möglich zu gestalten. Ich gehe gerne zu Shows, die das Publikum bewegen, und den gleichen Anspruch habe ich auch hier. Die Platte drückt und zieht zu gleichen Teilen, hat Momente der Orientierungslosigkeit und Momente purer Körperlichkeit, also möchte ich diese Extreme auch auf der Bühne verkörpern.“ Und so ganz wendet sich Vynehall scheinbar doch nicht vom Dancefloor ab, stehen neben einem eher cluborientierten Remix eines Album-Stücks doch auch wieder einige DJ-Gigs auf seiner Agenda für die Zeit nach der Album-Tour.

Aus dem FAZEmag 076/06.2018