Local Suicide – Dark-Disco und eine unbesiegbare Liebe

Credit: Petra Ruehle

Während manche anfänglich ausgesprochen vielversprechende musikalische Strömungen innerhalb der elektronischen Musik recht schnell wieder von der Oberfläche verschwinden, scheint der Hype rund um Dark-Disco ein nachhaltiger zu sein. Dafür mitverantwortlich ist das in Berlin ansässige Duo Local Suicide, bestehend aus Max und Dina Brudi, das am 13. Mai mit „Eros Anikate“ sein langerwartetes Debütalbum veröffentlicht. Übersetzt bedeutet der Titel „unbesiegbare Liebe“, in Anlehnung an „Antigone“ von Sophokles. Generell ist die griechische Kultur ein wichtiger Bestandteil von Local Suicide, stammt die weibliche Hälfte der Combo doch aus der griechischen Hafenstadt Thessaloniki. Das Werk, das insgesamt elf Titel vereint, wird auf dem eigenen Label Iptamenos Discos erscheinen. Soundtechnisch changiert das Brudi-Paar dabei in gewohnter Manier zwischen Techno, Disco und kombiniert dabei Retro mit einem modernen Twist.  Auch dazu beigetragen haben die zahlreichen Kollaborationen auf dem Album, wie etwa mit Lee Stevens, Curses, The Hidden Cameras, Sissi Rada, Skelesys, Theus Mago, Hard Ton, Kalipo und der griechischen New-Wave-Legende Lena Platonos. Ihr Sound hat sie dabei schon auf nahezu alle Kontinente des Erdballs gebracht, wo sie u.a. mit Shows beim Lollapalooza, Melt!, ADE, Off Sonar, Festival Forte, Berlin Festival und vielen anderen Festivitäten aufspielten. Ihre Liveshows haben sie in jahrelanger Zusammenarbeit mit den Besten der Szene perfektioniert, in Berlin haben sie sogar für die legendären New Order aufgewärmt. Uns standen sie Rede und Antwort im nachfolgenden Interview.

Glückwunsch zum Debütalbum. Lasst uns erst einmal vorne beginnen. Wie und wann ist Local Suicide gestartet?

Dina: Wir haben uns 2008 bei einem DJ-Contest in Berlin kennengelernt und wurden danach ziemlich schnell ein Paar. Weil wir davor beide schon viel in unseren Heimatstädten Thessaloniki und München aufgelegt hatten, einen ähnlichen Musikgeschmack teilten und auch in Berlin parallel oft Gigs spielten, haben wir uns irgendwann entschlossen, nur noch zusammen aufzutreten. Wir haben damals auch schon gemeinsam an Tracks gearbeitet, aber dann erst 2014 unsere erste „We Can Go Everywhere“-EP auf Bordello A Parigi veröffentlicht.

Max: Seitdem sind mehr als 100 weitere Tracks auf über 30 Labels aus der ganzen Welt erschienen. Wir wollten schon immer ein Album veröffentlichen, haben dann aber erst am Anfang des ersten Lockdowns tatsächlich die Zeit und Muße gefunden, uns dem Projekt zu widmen. Die ersten Aufnahmen sind in Berlin entstanden, der Rest dann in einem verschlafenen kleinen Ort am Meer in Nord-Griechenland. Die Vocals, das Artwork, Konzept und Finetuning haben wir dann in unserem Studio in Berlin gemacht.

Die Echos auf eure Releases ist enorm – wie rekapituliert ihr eure Zeit seit eurem Start?

Max: Seit unserer ersten EP im Jahr 2014 haben wir musikalisch Ausflüge in verschiedene Stile gemacht, sound-technisch hört man aber auch auf dem neuen Album noch viele Parallelen zur ersten Platte. Wir sind tatsächlich immer noch zufrieden mit allen unseren Veröffentlichungen der letzten Jahre und spielen die Songs auch heute noch gerne in unseren DJ-Sets. Wir haben mit einigen unserer Lieblingsproduzent*innen wie Curses, Theus Mago, Rodion, Mijo, Alejandro Paz, Skelesys oder Kalipo zusammengearbeitet und auf Labels wie Eskimo, TAU, AEON, Multi Culti, Dubroom Dubs, Duro, NEIN, Roam, My Favorite Robot, Playground, hfn u.v.m. veröffentlicht. Die Unterstützung von Presse und DJs war von Anfang an grandios und motiviert uns sehr. Wir sind superdankbar, dass die Musik uns Trips in alle Ecken der Welt und unvergessliche Momente in ganz Europa, USA, China, Thailand, Vietnam, Marokko, Tunesien, Mexiko und so vielen anderen Orten ermöglicht hat.

Dark-Disco ist eines der derzeit angesagtesten Genres, erzählt uns mehr über den Hype, den ihr ja maßgeblich geprägt habt.

Dina: Wir waren musikalisch immer schon sehr offen und sind beide eher mit Gitarrenmusik aufgewachsen. Die ersten zwei Jahre haben wir gemeinsam hauptsächlich Indie und 80s mit Vinyl aufgelegt, bis unser Sound immer elektronischer wurde. Als das Genre noch nicht so bekannt war, wurden wir immer gefragt, wie sich die Musik, die wir auflegen, nennt, und wir hatten Schwierigkeiten, sie zu beschreiben, weil unter Dark-Disco alles zwischen Disco, House, Techno, Indie Dance, New Wave, EBM, mit Elementen aus Pop, Trance und Acid zusammengefasst werden kann. Wir haben es davor deswegen immer Post Disco, Technodisco oder Cobra Wave genannt. Seitdem sich Dark-Disco vor ein paar Jahren etabliert hat, merkt man, dass sich die Szene rasant weiterentwickelt, und mittlerweile gibt es in fast jeder Stadt zumindest einen Laden, der sich dieser Szene widmet. Unsere größten Inspirationen waren anfangs die Szene in Israel mit Künstler*innen wie Red Axes, Autarkic, Asaf Samuel, in Mexiko und Lateinamerika mit Mijo, Los Mekanikos, Theus Mago, Iñigo Vontier, Thomass Jackson, Alejandro Paz, in Italien mit Rodion, Franz Scala, Fabrizio Mammarella, in Frankreich mit Damon Jee, Ivan Smagghe, Vitalic, The Hacker, Kittin, Chloé, La Dame Noir und in UK mit Andrew Weatherall, Sean Johnston, Optimo, Tronik Youth oder Heretic.

„Eros Anikate“ präsentiert elf Titel, darunter zahlreiche Features. Erzählt uns mehr zur Idee dahinter – sowohl musikalisch als auch zum Titel selbst.

Dina: Das Album steht ganz im Zeichen der Liebe und Freundschaft zwischen uns beiden und den talentierten Freund*innen, mit denen wir auf diesem Album zusammenarbeiten durften. Der Albumtitel „Eros Anikate“ bedeutet übersetzt aus dem Griechischen „Unbesiegbare Liebe“ und stammt aus der antiken Tragödie „Antigone“ von Sophokles. Die Botschaft dahinter ist, dass die Liebe das Leben erst lebenswert macht, immer gewinnt, und soll ein Appell sein, seine Mitmenschen mit Rücksicht, Respekt und eben Liebe zu begegnen, egal, wo sie her kommen, wie sie aussehen oder sich benehmen. Uns stört es enorm, wie Leute heutzutage auf Social Media übereinander herfallen, sich aus Neid oder anderen dämlichen Gründen diffamieren oder aus Langeweile über andere herziehen. Einige der Songs auf dem Album befassen sich augenzwinkernd damit. Musikalisch ist das Album wieder mal eine große Melange aus allen Stilen, für die unsere Fans uns kennen; von New Wave, EBM, über Disco, Indie Dance und House und Techno ist darauf alles vertreten.

Auf den elf Stücken gibt es zahlreiche Kollaborationen, es sind ziemlich spannende Namen dabei.

Max: Es war uns wichtig, da einige Weggefährten der letzten Jahre im Boot zu haben, und wir freuen uns, dass das Resultat so international ausgefallen ist. Mit Lee Stevens waren wir seit 2013 oft gemeinsam im Studio und wollten immer eine gemeinsame EP veröffentlichen, was bisher aber leider nicht geklappt hatte. Der Album-Opener „High Buildings“ ist bei einer Studio-Session nach einem Gig in Lees Studio in Wien entstanden und wir haben den halbfertigen Song jahrelang bei Gigs gespielt. Zwischendurch sind uns leider die Files verloren gegangen, zum Album haben wir dann einiges nachgebaut und den Song endlich fertiggemacht. Curses ist einer unserer engsten Freunde in der Szene, wir haben 2019 bereits eine gemeinsame EP auf Tusk Wax und einen Song auf seinem Label OMBRA INTERNATIONAL veröffentlicht. Der gemeinsame Song „Whispering“ auf unserem Album ist in der selben Zeit entstanden und war in Vergessenheit geraten, für das Album haben wir ihn wieder ausgegraben und dann noch zusätzlich Gitarren und Vocals aufgenommen.

Dina: Mit unserem guten Freund Skelesys arbeiten wir seit rund fünf Jahren gemeinsam an Remixen und EPs, die auf Snap Crackle & Pop, Samo Records und auf VA Compilations, auf Sum Over Histories, Logical Records und Eskimo Recordings erschienen sind. Nachdem der Lockdown losging, haben wir uns wochenlang im Studio eingesperrt und noch acht weitere Songs geschrieben, die wir wahrscheinlich nächstes Jahr auf zwei EPs veröffentlichen. „Moustache“ entstand bei einer dieser Sessions und ist einer der stärksten Songs auf dem Album, der auch super auf der Tanzfläche funktioniert.

Theus Mago ist einer der bedeutendsten Namen der mexikanischen Szene aktuell, korrekt?

Dina: Genau, seit über zehn Jahren prägt er uns musikalisch enorm. Mit ihm haben wir Songs auf Compilations von TAU, Feines Tier, und eine gemeinsame EP auf seinem Label DURO veröffentlicht. Er hat das komplette Album gemischt und durfte natürlich nicht fehlen. Auch sind wir große Fans vom italienischen Queer-Disco-Duo Hard Ton, hatten sie aber bisher leider noch nicht in Person kennengelernt. Bei einem Trip nach Bologna letztes Jahr lernten wir sie kennen und fragten sie spontan, ob sie für ein Vocal-Feature auf unserer Platte zu haben seien. Einige Monate später erhielten wir dann die Disco-Extravaganza-Vocals, die den ursprünglichen Techno-Track komplett veränderten und ihm einen Pop-Appeal verliehen.

Max: Wir hören beide seit unserer Kindheit viel Indie und waren beide begeisterte Fans von der legendären kanadischen Band The Hidden Cameras. Kurz vor Beginn der Pandemie lernten wir dann Joel auf einer Hochzeit kennen und sind dann ziemlich schnell enge Freunde geworden. Auf unserem Album durfte er dann natürlich auch nicht fehlen.

Dina: Kalipo haben wir 2013 im Backstage bei Rock am Ring kennengelernt, nachdem er mit seiner Band Frittenbude aufgetreten war. Wir waren immer weiter in Kontakt, haben aber erst 2018 das erste Mal gemeinsam Musik gemacht. Mittlerweile sind wir enge Freunde und haben ein gemeinsames Bandprojekt namens Dina Summer, also wollten wir ihn unbedingt auch in das Album einbeziehen. Der Track wurde während des Lockdowns mithilfe eines VST-Plugins produziert, mit dem man in Echtzeit an einer gemeinsamen Ableton-Session von verschiedenen Orten aus arbeiten kann, und war ursprünglich nur als Test des Plug-ins gedacht. Die fantastische Harfenistin und Sängerin Sissi Rada haben wir vor einigen Jahren in Berlin kennengelernt und wurden schnell enge Freunde. Wir waren schon immer große Fans ihrer Musik und waren begeistert, als sie zugesagt hatte, Vocals für einen Song auf unserem Album aufzunehmen. Das Ergebnis war umwerfend und wir haben uns dann entschlossen, den Song komplett zu ändern, damit ihre Vocals noch besser wirken können. Lena Platonos ist eine der einflussreichsten griechischen Künstlerinnen aller Zeiten. Vor allem in der New-Wave-Szene. Sie veröffentlichte bahnbrechende Alben und trat vom antiken Theater in Epidavros bis zu Underground-Techno-Festivals auf. Weltweit bekannt wurde sie in der Szene, nachdem das New Yorker Label Dark Entries einige ihrer Alben und Remixe ihrer Songs wiederveröffentlicht hat.

Wie lange habt ihr generell an dem Werk gearbeitet und wie sehr hat die Pandemie rund um Covid-19 das Projekt beeinflusst? Vor allem bei so vielen Features.

Dina: Einige der Songs sind bereits vor ein paar Jahren entstanden, die meisten jedoch erst seit Beginn der Pandemie. Wir haben dann alle nochmals überarbeitet, damit sie sich musikalisch gut ins Album einfügen. Es war teilweise schwierig, die Features zu koordinieren, weil man sich nicht mal eben treffen und gemeinsam aufnehmen konnte.

Max: Auch seltsam, aber gleichzeitig spannend war es, dass wir musikalisch fast nicht von außen beeinflusst wurden, während wir an dem Album gearbeitet haben, weil keine Konzerte und DJ-Sets stattgefunden haben und wir generell ziemlich abgeschottet waren mit langsamem Internet in einem griechischen Dorf mit 60 Einwohner*innen.

Sind Sachen wie Remixes oder Ähnliches geplant?

Max: Wir haben uns entschlossen, vor der Album-Veröffentlichung erst einmal nur einige Singles zu veröffentlichen, die die ganze Bandbreite des Albums abdecken – von Leftfield Pop über New Wave, EBM, Dark-Disco und Indie Dance. Im Sommer werden wir dann vier 12-Inches mit Remixen von befreundeten Künstler*innen wie Adana Twins, Echonomist, Biesmans, Rodion, Damon Jee, Silicon Soul, AFFKT, Franz Scala, Jennifer Touch, Cornelius Doctor, Uriah Klapter, You Man, Wiener Planquadrat, Modular Project, Boys’ Shorts und Ali X & Alejandro Paz veröffentlichen.

Das Album erscheint auf eurem eigenen Label – erzählt uns mehr zu Iptamenos Discos. In diesem Jahr sind eigene Events geplant, korrekt?

Max: Wir haben Iptamenos Discos nach einigen Jahren Planung 2021 gegründet, um unsere eigene Musik und die unserer Freund*innen zu veröffentlichen. Bisher haben wir fünf EPs veröffentlicht, darunter unsere erste Dina-Summer-Single „Who Am I“, zwei EPs von Wiener Planquadrat und eine Single von Boys’ Shorts. Wir sind superhappy, wie sich das Label entwickelt – das Vinyl ist in der Regel schon vor der Veröffentlichung ausverkauft und das Feedback und der Support von Presse, Fans, DJs und von Shops war großartig. Musikalisch sind wir da sehr offen und wollen uns nicht festlegen. Von Leftfield- und Disco-Pop bis Clubtracks wird da alles vertreten sein, was uns persönlich gefällt und im Radio, aber auch im Club gespielt werden kann.

Dina: Neben unseren monatlichen IPTAMENOS-DISKOTEK-Partys im Berliner Urban Spree planen wir aktuell weitere Label-Partys, um unsere Label-Künstler*innen wie Wiener Planquadrat, Boys’ Shorts und unsere aktuellen Veröffentlichungen zu präsentieren. Die ersten beiden Events im Ausland finden im Mai im Punk Paradise in Paris und in Thessaloniki bei dem dortigen legendären Street-Food-Festival statt, wo wir eine Bühne mit unseren Künstler*innen kuratieren. Außerdem werden wir in ausgewählten Stores kleine DJ-Gigs spielen.

Ihr habt das Projekt Dina Summer mit Kalipo eben schon erwähnt, wie ist dieses entstanden und was ist für 2022 geplant?

Dina: Wir haben Anfang 2018 angefangen, gemeinsam Musik zu machen. Innerhalb weniger Wochen sind bei einigen Sessions zehn Songs entstanden, sodass wir uns entschieden haben, ein neues Projekt zu starten, mit dem wir gemeinsam live auftreten. Den ersten Song unter dem neuen Namen Dina Summer haben wir dann Ende 2021 auf unserem eigenen Label Iptamenos Discos veröffentlicht. Im April haben wir dann Coverversionen von Front 242s „Headhunter“ und The Flirts „Passion“ nachgelegt. Im Juli 2022 folgt dann endlich unser Debütalbum „Rimini“ auf Audiolith und im Sommer werden wir dann bei einigen Festivals auftreten sowie Headline-Shows spielen.

Das klingt nach einem vielbeschäftigten Sommer.

Max: In der Tat. Im Sommer und im Herbst sind wir mit beiden Projekten viel in Europa unterwegs. Wir werden die Homeoffice-Zeit nutzen, um vom Strand in Chalkidiki zu arbeiten und fliegen von dort aus am Wochenende zu Auftritten. Eine größere Tour in den USA und Lateinamerika ist für den Winter in Planung. Neben den Remix-EPs für unser Album werden wir dieses Jahr noch drei EPs auf unserem Label Iptamenos Discos veröffentlichen. Außerdem arbeiten wir gerade an weiteren Kollaborationen mit befreundeten Künstler*innen wie Velax, Time To Sleep, Wiener Planquadrat, Lott, Franz Matthews, You Man, Stereotypes und Skelesys und an einigen Solo-Releases.

Aus dem FAZEmag 123/05.22
Text: Triple P
Credit: Petra Ruehle
www.instagram.com/localsuicide