Auch wenn die Entfernung von Deutschland zu den Niederlanden nicht besonders groß ist, kann es schon ab und zu ein wenig länger dauern, bis ein Hype aus unserem Nachbarland zu uns herüberschwappt. Sicherlich werden viele unter euch Lucas & Steve bereits kennen und eventuell auch schon bei Parookaville gesehen und gehört haben, aber der breiten Masse – und damit meine ich Radio-Tagesprogramm-Hörer*innen – dürfte das niederländische DJ-Duo noch nicht allzu viel sagen. Also machen wir euch hier und jetzt mit Lucas de Wert und Steven Jansen bekannt.

 

2010 lernten sich die beiden in Maastricht kennen und schätzen. Kurz danach bildeten sie das Duo Lucas & Steve. Die ersten Singles erschienen bereits im darauffolgenden Jahr, aber erst vier Jahre später stellte sich mit Singles wie „Fearless“ und „Blinded“ der erste größere Erfolg ein. Seit 2014 steht das Duo beim erfolgreichen niederländischen Plattenlabel Spinnin’ Records unter Vertrag, was viele kommerziell erfolgreiche Singles und Kooperationen mit großen Namen zur Folge hatte. So erreichte ihre Single „You“, die in Zusammenarbeit mit dem niederländischen House-DJ Sam Feldt sowie dem Sänger Wulf entstand, Platz vier in den niederländischen Single-Charts und der 2017er-Nachfolger „Up Till Dawn (On The Move)“ stürmte sogar bis an die Spitze der niederländischen und belgischen Single-Charts. Weitere Kollaborationen folgten – unter anderem mit Firebeatz, Bassjackers, Ummet Ozcan, Mike Williams sowie Curbi. 2017 stieg das Duo auch in die Top 10 der DJ Mag Top 100 ein, was nicht nur weitere Kollaborationen – u. a. mit Armin van Buuren oder W&W – und Remixe – u. a. für Robin Schulz oder David Guetta – mit sich brachte, sondern auch viele umjubelte Festival-Gigs wie bei Tomorrowland, Creamfields, Parookaville oder dem Sziget Festival. Dazu haben Lucas & Steve ihre eigene wöchentliche Radiosendung „Skyline Sessions“ im landesweiten niederländischen Radio 538, die von 57 anderen Radiosendern in 23 unterschiedlichen Ländern gesendet und von ihrer Fangemeinde rund um den Globus gestreamt wird. In diesem Oktober erscheint nun endlich das Debütalbum von Lucas & Steve mit dem Titel „Letters To Remember“ auf Spinnin’/Warner Music. Gründe genug, mit Lucas & Steve ein Interview zu führen.

Herzlichen Glückwunsch zu eurem ersten Album. Es ist ausgesprochen gut geworden.

Lucas & Steve: Vielen Dank! Es war eine verrückte Achterbahnfahrt, darauf hinzuarbeiten, und wir freuen uns so sehr, es endlich zu veröffentlichen. 

In Deutschland seid ihr noch nicht so bekannt wie in den Niederlanden, wo ihr bereits Superstars seid. Bitte stellt euch unseren Lesern vor. Wenn es möglich ist, gegenseitig.

Lucas & Steve: Wir haben uns vor etwa zehn Jahren zusammengetan, als wir noch zur Schule und zur Universität gingen. Wir legten beide in einer kleinen Stadt im Süden der Niederlande, in Maastricht, auf. Wir trafen uns in einem Club und dachten uns, es würde Spaß machen, zusammen ein paar Tracks zu drehen und in unseren Schlafzimmerstudios gemeinsam Musik zu machen. Es dauerte nicht lange, bis wir merkten, dass die Sachen, die wir zusammen kreierten, besser waren als das, was wir allein produzierten. Vor fünf Jahren hatten wir unseren Durchbruch mit mehreren Hits und wir haben uns voll und ganz dafür eingesetzt. Wir wussten schon, dass wir das machen wollten, seit wir etwa 12 Jahre alt waren, und so fühlte es sich unglaublich an, diesen Schritt endlich zu vollziehen. Seitdem haben wir uns tiefer in das Songschreiben und Produzieren von Musik vertieft.

Steve: Lucas‘ Mutter ist eine professionelle Klavierspielerin, und ihr Spiel ist wahrscheinlich die erste Musik, die er je gehört hat. Seine Mutter dachte, er sollte Klavier spielen, und später begann er Schlagzeug und Gitarre zu spielen.

Lucas: Steves Eltern waren damals Soul- und Disco-Fanatiker, und so wuchs er auf, indem er sich ständig diese Titel anhörte. Später ging er an das Konservatorium in Haarlem und nimmt jetzt Klavierunterricht.

Welchen Beruf wolltet ihr ausüben, bevor ihr euch mit Musik beschäftigt habt?

Steve: Wir wollten wirklich schon immer etwas mit Musik machen. Wir beide. Obwohl Lucas zur Universität ging, als ich am Konservatorium war. Lucas hat einen Bachelor-Abschluss in Psychologie und einen Master-Abschluss in Wirtschaftswissenschaften und hatte schon immer ein Interesse an wirtschaftsbezogenen Themen, also hätte er vielleicht Karriere in der Wirtschaft machen können – was sich nicht so sehr von dem unterscheidet, was wir jetzt machen.

Das kleine Land Niederlande hat bereits viele Superstars auf dem Gebiet der elektronischen Musik hervorgebracht. Warum, glaubt ihr, schaffen es so viele niederländische Künstler*innen, weltweit erfolgreich zu sein?

Lucas & Steve: Wir glauben, die Niederländer*innen waren von Anfang an großartig darin, Tanzmusik zu kommerzialisieren. Das niederländische Publikum und die Medien haben das immer unterstützt, und seit wir klein waren, gab es immer schon Tanzmusik im niederländischen Radio und Fernsehen. Das bedeutete, dass viele Kinder elektronische Musik machen wollten, DJ sein wollten oder beides. Durch die ganze Aufmerksamkeit und Unterstützung, die in den Niederlanden der Tanzmusik zuteilwurde, ist ein großer Pool an Talenten entstanden.

Wie funktioniert die Arbeitsteilung im Studio und mit welchem Equipment produziert ihr?

Lucas: Wir produzieren beide, manchmal zusammen, aber auch getrennt in zwei Studios nebeneinander. Unsere Studios sind durch ein Fenster getrennt, damit wir uns lachend zuwinken können. Es ist für uns einfach konstruktiv, die Arbeit des anderen zu beobachten und Feedback zu geben. Auf diese Weise können wir gleichzeitig arbeiten.

Steve: Bezüglich Arbeitsteilung: Eigentlich machen wir im Studio dasselbe. Aber Lucas ist bei Melodien, Akkorden und Sounddesign etwas schneller, und ich bin beim Mischen und Mastern schneller und sorge dafür, dass alles großartig klingt.

Eure aktuelle Single heißt „Another Life“. Wie ist sie entstanden?

Lucas & Steve: Wir haben dieses Lied geschrieben, als wir auf unserer bislang letzten Tournee gewesen sind, bevor die Welt stillgelegt wurde. Wir waren in den Vereinigten Staaten unterwegs und legten in Los Angeles einen Tour-Stopp ein, um mit einigen unglaublich talentierten Leuten Musik zu schreiben. Wir haben die Single in Teemus Haus zusammen mit Alida geschrieben, deren Stimme wir bereits auf diversen anderen Platten gehört hatten. Zu der Zeit, als wir „Another Live“ aufgenommen haben, waren wir alle in der gleichen Stimmung: COVID-19 verbreitete sich rasend schnell auf der ganzen Welt, und wir dachten, dass das Gefühl über eine ungewisse Zukunft in dem Song für jeden erkennbar sein sollte. So kamen wir alle in die Stimmung, ein Lied über eine unmögliche Liebe zu schreiben. Eine Liebe, die im damaligen Augenblick nicht richtig sein konnte, aber in einer anderen Welt, in einem anderen Leben möglich sein könnte. Während dieser Aufnahme-Sessions wussten wir, dass wir an etwas Besonderem arbeiteten. Und die Platte fühlt sich für uns immer noch so an.

Was sind eure Ziele mit dem neuen Album und wie wollt ihr es live präsentieren?

Lucas & Steve: Mit diesem Album wollen wir zeigen, wie vielfältig wir produzieren können, aber trotzdem wollen wir unseren Lucas-&-Steve-Sound in all unseren Stücken sehr erkennbar halten. Dennoch wird es auf dem Album einige Überraschungen geben, die man nicht sofort mit uns in Verbindung bringen würde, denn der Sound ist nicht das, was man vom ersten Hören gewohnt ist. Es ist sehr üblich, ein Album zu veröffentlichen, um Bookings zu erhalten oder eine Albumtournee zu machen; quasi als Marketinginstrument. Natürlich wird das mit COVID-19 vorerst nicht möglich sein, aber wir haben darauf bestanden, das Album trotzdem jetzt zu releasen. Wenn die ganze Welt aufhört, Musik zu veröffentlichen, weil die Künstler*innen keine Shows mehr spielen können, wird das Leben langweilig werden. Wir wollten wirklich gerade deswegen dieses Album herausbringen!

Mich haben einige der Album-Tracks an Avicii erinnert. Empfindet ihr diesen Vergleich als Kompliment oder eher nicht?

Lucas & Steve: Danke! Für uns ist das ein großes Kompliment. Und ja, bei einigen Titeln können wir den Vergleich verstehen. Avicii hat eine immerwährende Brücke zwischen Dance und Pop gebaut, und genau das ist der Bereich in der Musik, den wir lieben und anstreben. Also ja, es ist möglich, dass sich die Liebe von Avicii zu Pop und Dance auch in unseren Produktionen wiederfindet.

Wie geht ihr mit der Corona-Pandemie um? Wie hat die Pandemie euer Leben verändert?

Lucas & Steve: Die Pandemie hat unser Leben sehr verändert. Dieses Jahr hatten wir etwa 120 Shows auf dem Programm. Diese Shows nicht zu machen, gab uns die Möglichkeit, mehr Zeit mit der Fertigstellung unseres Albums zu verbringen. 16 Titel sind eine Menge, und wahrscheinlich wären etwas weniger Titel auf dem Album gewesen, wenn wir das ganze Jahr auf Tournee gewesen wären. Wir haben viel gelernt, als wir so viel im Studio produzierten, und wir produzieren im Moment auch für andere Acts. Auf der anderen Seite vermissen wir das Touren wirklich. Unser Zeitplan war verrückt, mit so vielen unglaublichen Orten, die wir besuchen konnten. Es ist nicht das schönste Gefühl, wenn wir einen Blick auf unsere Agenda werfen und sehen, in welchem Land wir gewesen wären oder auf welchem Festival wir an einem bestimmten Tag gespielt hätten. Aber wir sollten alle geduldig sein. Wir sind sicher, dass eines Tages alles wieder normal sein wird. In der Zwischenzeit sollen uns Familie, Freunde, Freundinnen und Musik so gut es geht trösten.

Welche Festivals und welche Länder haben euch bisher am meisten beeindruckt und warum?

Lucas & Steve: Parookaville und Tomorrowland sind immer verrückt. Außerdem haben wir wirklich eine erstaunliche Fangemeinde in Japan. Wir gehen immer gerne dorthin, für unsere Fans, aber auch wegen der besonderen Kultur und Schönheit, die das Land zu bieten hat. Ein weiteres verrücktes Beispiel ist Mexiko. Die Stimmung des Publikums ist so verrückt, dass es dort immer heiß ist, aber die Leute haben irgendwie unbegrenzte Energie. Eine große Sprungwelle vom Anfang bis zum Ende. Auch in Deutschland hatten wir schon immer eine große Menschenmenge vor uns. Wir haben dort viele Fans, die vom ersten Tag an dabei waren – es ist wirklich immer eine gute Party. Wir kommen halt aus den Niederlanden, und es ist immer wieder lustig, zu sehen, wie unsere Nachbar*innen aus dem Osten so viel härter feiern als die Niederländer.

 

 

 

Aus dem FAZEmag 105/11.2020
Text: Sven Schäfer
Foto: Ole Rethans
www.lucasandsteve.com