Samstag, 21.09.2019, 16:00 Uhr, 26 Grad. Ich liege ganz gechillt auf der weißen Lounge meiner Dachterrasse. Die Sonne strahlt vom royalblauen und völlig wolkenlosen Himmel. Ein immer wiederkehrender sanfter Windhauch lässt die Temperatur sehr angenehm erscheinen. Ich habe die Augen geschlossen und meine kabellosen In-Ear-Headphones liefern mir den perfekten Late-Summer-Soundtrack. Eine lang gespielte Fläche, purer Ambient-Sound. Musik, bei der die Zeit einfach stehen bleibt. Absolutes Stillleben. Die Welt herum vergessen und eintauchen in sphärische Klänge, die nach einem gut zweiminütigen Intro von sanften Akustikgitarren untermalt werden. Sakrale Vocals setzen ein und verleihen der Szenerie etwas Mystisches. Ein wunderbarer Kontrast. Oder anders: Das neue Album von M83 ist eine stilistisch einwandfreie Reise in eine andere Welt.


„Digital Shades Vol. 2“, so der Titel des Longplayers, den der französische Klangkünstler Anthony Gonzalez alias M83 in formvollendeter Perfektion produziert hat. Und zwar mit rein analoger Technik, was im absoluten Gegensatz zum Albumtitel steht. Ursprünglich war „Digital Shades“ eine Kollektion von B-Sides. Doch nach viel Feinarbeit landeten die Stücke – zum Glück – nicht in der Schublade, sondern im Plattenregal. „Ich wollte eine Ambient-Produktion schaffen, die sich im Laufe der Jahre immer weiter entwickelt“, so Anthony Gonzalez, der Gründer des Projektes. „Nach meinem Album ,Junk’ hatte ich das Gefühl, dass die Leute meine Musik nicht verstanden haben – und glaubte immer, dass sie enttäuscht waren. Und dieses Gefühl des Versagens trug ich lange in mir.“ Und dann kam Cirque du Soleil.

Eigentlich ein hervorragender Name für eine jede Vita. Doch die Erfüllung sah anders aus. Ein Jahr lang harte Arbeit in Montreal für die Show „Volta“, mit unbeschreiblich tollen Erfahrungsmomenten – das schon, ja. Allerdings fühlte sich der eigentlich musikalische Einzelgänger in einem Team zu sehr gefangen. In einem sehr gut harmonierenden Team, aber er war einfach nur ein Teil eines ganzen Konstrukts. „Ich produzierte Musik, die während einer Show lief – und das war nicht meins. Ich war nicht immer der gleichen Meinung wie die anderen und mein Job war es, das abzuliefern, was gefordert wurde – statt selbst zu entscheiden, was ich persönlich gut finde“, so Gonzalez. Ziehen der Reißleine. Völlige Leere, mental und physisch ausgelaugt. Die Rückkehr nach Frankreich, um zu rasten. Ruhe finden. Zu sich selbst finden. Die vergangene Zeit reflektieren, überlegen, was als Nächstes kommt. Es kam: eine Idee. Mit „I wanted to creat for myself“ bringt M83 es auf den Punkt.

„Digital Shades Vol. 2“ ist sein Lebenswerk. Besser als die Erstausgabe, sagt er. Damals war Anthony Gonzales 26 Jahre alt. Heute sagt er, dass das Werk mit weniger Enthusiasmus und Passion entstanden sei als der Nachfolger, der nun erschienen ist. Damals habe er andere Ziele, einen anderen Musikgeschmack und weniger Kenntnisse gehabt, was das Produzieren und Kreieren von Sounds und Moods angeht. Mit „Vol. 2“ wollte er stärker zurückkehren. Das Resultat fühlt sich für Anthony echt, authentisch und richtig an. Der Prozess, den der Franzose seit 2017 durchlebt hat, hat also Früchte getragen. Er verbrachte fünf Monate in Südfrankreich, nahm sich ein Time-out und ging im Mittelmeer schwimmen, las viel, guckte Filme und spielte Video-Games aus den 80er-Jahren. Retro. Oldschool. Das war seine Inspirationsquelle. So entstand die Vision, die Idee, diesen Sound einem „Refresh“ zu unterziehen – und deshalb verwendete er ausschließlich Analog-Instrumente. Entstanden ist das Album in Kalifornien, im Studio von Justin Meldal-Johnsen.

Anthony Gonzalez. Er ist wieder da. Willkommen zurück!

Die Tracklist des Albums:

01 – Hell Riders (06:47) 02 – A Bit Of Sweetness (03:36)
03 – Goodbye Captain Lee (02:26) 04 – Colonies (04:37)
05 – Meet The Friends (03:02) 06 – Feelings (03:55)
07 – A Word Of Wisdom (01:42) 08 – Lune De Fiel (03:44)
09 – Jeux D’Enfants (02:08) 10 – A Taste Of The Duck (03:52)
11 – Lunar Son (02:46) 12 – Oh Yes You’re There, Everyday (05:06)
13 – Mirage (02:46) 14 – Taifun Glory (03:15)
15 – Temple Of Sorrow (07:05)

Aus dem FAZEmag 092/10.2019

Text: Torsten Widua
Fotos: Jeremy Searle
www.ilovem83.com