Wie so oft im Leben lässt sich die Geschichte dieses Duos auf eine eher zufällige Begegnung zurückführen. Wir schreiben das Jahr 2002. Anthony Middleton produziert bereits seit einiger Zeit, zieht als DJ durch Londoner Clubs und unternimmt erste Gehversuche in die Welt der Live-Performance. Zu dieser Zeit arbeitet Luca Saporito im renommierten Plattenladen Selfridges, in dem die zwei sich kennenlernen. Beide erkennen recht früh die Stärken des anderen und fügen sich ohne großer Überlegungen ihrem Schicksal. Mit Erfolg. Remixes, Edits und exzessive DJ-Sets generieren einen Hype, der es bis ins DC10 auf Ibiza schaffte. Kein Geringerer als Clive Henry wird dort auf sie aufmerksam. Es folgt das Release ihrer ersten EP „Release Yourself“ und der unausweichliche Durchbruch. Elf Jahre später gehören Audiofly zu den gefragtesten britischen Acts. Mit „Follow My Liebe“ erscheint 2011 auf Get Physical ihr Debütalbum. Sie verewigen sich u.a. auf Mood Music, Kickboxer und Renaissance. Vor allem aber durch ihre Flying Circus Reihe, mit der sie nunmehr über sechs Jahre alle in Sachen elektronischer Musik bedeutenden Metropolen bespielt haben, steigt die Popularität des mittlerweile in Barcelona beheimateten Duos immer weiter. Die Verbindung zur Baleareninsel bleibt über die Jahre hinweg, dafür sorgen regelmäßige Gigs im Space und im Amnesia.


2013 jedoch schlagen die beiden Dompteure ihre Zelte für eine ganze Saison und insgesamt 13 Nächte auf der Insel auf, und das sogar im Wochentakt. Im letzten Jahr äußerst erfolgreichen Sankeys in Playa d’en Bossa heißt es aktuell jeden Freitag: Manege frei für Flying Circus. „Die Idee zu diesem Konzept ist vor vielen Jahren ent- standen und zunächst als Radioshow auf Proton Radio umgesetzt worden. Als unser Tourkalender immer voller wurde, war die Zeit für den monatlichen Mix immer geringer. Wir haben den Tatsa- chen ins Auge gesehen und die Idee zu den Akten gelegt. Plötzlich meldete sich Diego Martinelli, ein guter Freund aus Miami, der uns kurzfristig einen freigewordenen Platz am Nikki Beach während der WMC anbot. Was danach passierte, konnten wir fast schon selbst nicht glauben. Es entstand ein großer Wirbel um diesen Namen und um uns. Mittlerweile sind einige Jahre verstrichen, und es liegen unvergessliche Beach- und Junglepartys hinter uns. Eine Art Markenzeichen von uns“, erzählt Luca. „Die Reaktionen auf der Insel bislang sind ebenfalls überragend, und wir sind sehr glücklich über diesen Umstand. Mit dem Sankeys haben wir einen der besten Clubs der Insel als Austragungsort. Nicht zu groß, mit einem fantastischen Sound-System und einem intensiven Vibe auf dem Dancefloor. Auf einer Insel, die eigentlich nur für Glitzer und Glamour bekannt ist, dreht sich im Sankeys alles um die Musik. Ich persönlich vergesse immer wieder für ein paar Stunden, wo ich mich befinde, ehe ich morgens über die Straßen von Playa d’en Bossa gehe und auf den Horizont am Meer blicke. Am 28. Mai hatten wir ein Pre-Event, ehe am 12. Juli das offizielle Opening über die Bühne ging. Sis und Martin Buttrich waren unglaublich. Es stehen einige actionreiche Wochen bevor, und ich freue mich auf jede einzelne davon. Unter anderem wird uns Robag Wruhme am 6. September beehren“, fügt Anthony hinzu.

Doch viel zu groß ist die Gefahr, dass man während der Hochsaison in dem allseits bekannten Überangebot an Partys und Headlinern untergeht. Unzählig und oftmals skurril, die Geschichten über diesen magischen Fleck am Mittelmeer. Darüber sind sich die beiden im Klaren, erzählt Luca „Ich lebe die Saison über in einer Villa bei Sa Carocca, mitten in den Bergen. Hier ist es sehr ruhig, und man hört eigentlich nur die Mosquitos.“„Ich lebe bei San Rafael mit ein paar Freunden, Hunden und Katzen. Das Leben hier kann wunderschön sein, wenn man die Balance zwischen Party und Ruhe hält. Es gibt Tausende schöner Plätze, wo man allein sein kann und den Gedanken freien Lauf lässt. Ich spüre diesen Vibe, von dem viele reden, hier auf der Insel tatsächlich und genieße es, z.B. zu meditieren und Yoga zu machen. Früh morgens setze ich mich auch gerne mal ins Auto und fahre einfach drauf los. Selbst wenn ich mich verfahre, freue ich mich, neue Plätze zu sehen. Unvergessen die Sonnenuntergänge am Cap d’ Falco in der Nähe des DC10. Auch das L’hacienda im Norden gehört sicherlich in unsere persönliche Top 3. Man braucht zwar eine gefühlte Ewigkeit, um dort anzukommen, wenn man aber einmal dort ist, möchte man nie wieder weg. Ein Spa und Jacuzzi mit unbezahlbarem Blick über die Insel. Essenstechnisch ist das Café Passion unser absoluter Favorit. Wunderbares, gesundes Essen von dem sicherlich jeder das Gleiche behaupten wird, wenn er einmal dort war“, erklärt Anthony und fügt lachend hinzu: „Allerdings befürchte ich jetzt, dass ich nach dieser Aussage nie wieder einen Platz bekomme.“

Auf die Frage nach der ereignisreichsten und intensivsten Erfahrung auf Ibiza, ist sich die beiden hinsichtlich der Antwort grinsend einig: „Auch wenn wir an dieser Stelle sicherlich viel zu erzählen hät- ten, müssten wir danach wohl einiges an Lösegeld aufbringen. Daher bleiben unsere Lippen verschlossen.“ Solch unvergessliche Erinnerungen konnten die beiden in diesem Jahr auch schon in den Staaten sammeln. Luca: „L.A. war großartig. Mitten im Grand Central Park gab es ein – jetzt haltet euch fest – von der Stadt unterstütztes Festival. Und wir reden hier tatsächlich über die USA. 1.500 Leute tanzten den ganzen Tag. Kinder, Hunde, gesundes Essen, und nach Feierabend sammelte jeder seine sieben Sachen, inklusive Müll, wieder ein. So etwas haben wir selten erlebt.“ Anthony: „Für mich ging in San Francisco ein absoluter Lebenstraum in Erfüllung. Bei der Pink Mammoth Bloc Party, bei der wir eine Menge Spaß hatten, trafen wir auf einen meiner persönlichen TV-Idole – Idris Elba. Versteht mich nicht falsch, ich gehöre nicht zu den Personen, die sich von Fame beeindrucken lassen. Außer bei ihm, weil ich seine Arbeit in der Tat liebe. Allein durch seine zuletzt veröffentlichte Dokumentation über Dancemusik. Als er mir sagte, dass er ein großer Fan unserer Musik sei, hörte ich erst nach ungefähr 48 Stunden auf zu lächeln.“

Für die nahe Zukunft stehen für die beiden u.a. Gigs in Kazantip, Moskau, Mykonos, Zürich, London, Hvar und auch Köln an. Auf ihrem eigenen Label Supernature bleibt es bei diesem toughen Programm alles andere als still. „Gerade haben wir mit ‚Kolors‘ unsere erste richtige Label-Compilation veröffentlicht, die nun beginnt, ihre Kreise zu ziehen. Wir haben lange gebraucht, um unserem Anspruch daran gerecht zu werden und unser Konzept, das wir dabei hatten, zu verwirklichen. Wir sind mit dem Ergebnis zufrieden und hoffen, den Leuten dort draußen damit eine Freude machen zu können. In der heutigen Zeit ist es verdammt schwer, ein Label zu führen, da der Wert von Musik einfach rapide gesunken ist. Wir haben lange gebraucht, um unseren Mittelweg zu finden – Musik, die wir lieben, zu veröffentlichen und eine für uns zufriedenstellende Finanzierung herstellen. Das Label ist jetzt fünf Jahre alt, und wir lernen jeden Tag dazu.“

An ein neues Album denken die beiden auch bereits. Allerdings möchten sie die Gedanken daran erst nach der Saison auf Ibiza intensivieren. Im Winter soll es für nach Mexiko gehen. „Wir haben das Gefühl, kreativer zu sein, wenn die Sonne scheint. Ibiza hat uns geprägt. So haben wir uns gedacht, wir streichen kurzerhand den Winter für uns in diesem Jahr. Wir sehen uns in der Sonne.“

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