e2-e4


Stöbert man in den ständig auftauchenden Top-10-Listen der einflussreichsten elektronischen Schallplatten aller Zeiten, taucht das 1981 von dem Berliner Multiinstrumentalisten Manuel Göttsching in einem Take eingespielte “E2-E4” mindestens so oft auf wie beispielsweise Kraftwerks “Computerwelt”. Göttsching, der ursprünglich Gitarrist bei der Krautrock- und New-Age-Legende Ash Ra Temple war, wollte das Werk zunächst gar nicht veröffentlichen, erst drei Jahre später ergriff Bandkollege Klaus Schulze die Initiative und releaste in Abstimmung mit Göttsching die einstündige Improvisation in limitierter 1.000er Auflage auf seinem eigenen Label “Inteam”. Im Folgenden zog E2-E4 unerwartete Kreise und nicht nur die Kritik überschlug sich vor Begeisterung, denn obwohl E2-E4 über die gesamte Spielzeit nur zwischen zwei Akkorden wechselt und eine ganz eigene Form von Minimalismus präsentierte, gab es unheimlich viel in der Musik zu entdecken (Göttsching wechselte während der Aufnahme ununterbrochen zwischen den Geräten, an denen er subtil den Klang variierte, außerdem spielte er ab der zweiten Hälfte ausschweifende Gitarrensoli) und E2-E4 wurde schnell als Meilenstein des Genres herausgestellt.

Fragt man DJs und Produzenten, hat annähernd jeder eine ganz persönliche Geschichte zu E2-E4. Angefangen bei der italienischen Formation Sueno Latino nebst Remixer Derrick May, die das Originalthema in einen Dancefloorkontext umsetzten und einen riesigen Hit landeten. Carl Craig und später Basic Channel nahmen sich dem Original in einer Weise an, die zwar vom Original bis auf eine Rhythmusfigur nicht mehr viel übrig ließ, aber ebenso episch ausgebreitet den Gedanken von E2-E4 weitertransportierten. Und auch LCD-Soundsystem-Boss James Murphy griff bei seinem 2006er Album “45:33” auf Göttschings Originalartwork zurück, das er nach einem Rechtsstreit allerdings wieder ändern musste, da Göttsching die LCD-Variante zu nah an seiner Ursprungsversion sah.

Lange musste man warten, um E2-E4 live zu erleben – erst in den letzten Jahren tritt Manuel Göttsching vereinzelt wieder mit E2-E4 live auf. Im Dezember 2006 spielte er eines seiner Konzerte im Berliner Berghain, bei dem natürlich allerlei Prominenz aus dem elektronischen Musikzirkus zugegen war. Seit dem 23. September 2016 ist nun die Jubiläumsedition zum 35. (!) Jubiläum von E2-E4 auf CD und 180g Vinyl erhältlich. Und es ist erstaunlich, wie “heutig” sie auch 2016 noch klingt. Ein großes Werk, das man unbedingt – ja: unbedingt haben sollte.

Ebenfalls als Reissue erhältlich ist Göttschings Album “Inventions For Electric Guitar” (Vinyl & CD) sowie das Ash-Ra-Tempel-Album “Le Berceau De Cristal” (CD).