Marc-DePulse_by-Vitali-Gelwich
In Sachen Output zählt der Leipziger Marcel Sterling sicherlich zu der fleißigeren Sorte. Alleine in diesem Jahr veröffentlichte der Mitdreißiger bereits auf Labels wie Noir, Tiger Records, Toolroom, Katermukke, Heinz Music, City Life, Doppelgänger, Budenzauber, Tulipa Rec. und vielen mehr. Und auch für seine EP auf Einmusika erntete er zahlreiches Lob. Anfang August veröffentlichte er einen Remix zu Tim Fishbecks „People Can Fly“ auf Traum. Seine Diskografie erreicht in Kürze den Umfang eines Großstadttelefonbuchs, das förmlich im Wochentakt zu wachsen scheint. Dabei liefert DePulse mitnichten ausschließlich Quantität, sondern ebenso auch gefeierte Qualität ab – sowohl für als auch abseits des Dancefloors.


Anfang 2014 gründete er mit der Band Boe van Berg die Band Westbalkonia, abgeleitet von ihrem gleichnamigen Sommerhit im Jahre 2012. Auf dem Label, das den gleichen Namen trägt, veröffentlichten Boe van Berg in diesem Sommer ein Akustik-Album. „Sie haben quasi all unsere bekannten Westbalkonia-Tracks einmal unplugged nachgespielt. Unsere Musik ist deutsch, elektronisch und ehrlich. Die Texte gehen teilweise sehr tief, sprechen auch viele Momente aus dem Alltag an, die jeder kennt. Wir bedienen keine richtige Nische und das ist auch gut so. Natürlich ist die Musik absolut radiotauglich, aber Kitsch mit Anlauf wollen wir nicht – das würde der Musik die Ausdrucksstärke nehmen. Wir machen einfach unser Ding, und ein Track ist erst dann fertig, wenn ihn jeder von uns dreien auch wirklich feiert. Dieses Jahr kommen noch zwei Singles. Eine davon mit einem Remix von Jan Oberlaender.“ Westbalkonia unterscheidet sich klanglich nahezu vollkommen von seinem Künstler-Dasein als Marc DePulse. Ein Ausgleich, den der Leipziger gebraucht hat. „Für mich gibt es zwischen dem Aufstehen früh morgens und dem Zubettgehen spät nachts nichts anderes als Musik. Wenn etwas halbherzig ist, dann hören das die Leute auch direkt raus. Ich habe ein breites Spektrum an Musik, die mir gefällt und die ich gern produziere. Aber alles zusammen kann ich natürlich nicht unter einem Pseudonym veröffentlichen, und daher habe ich es ganz gezielt namentlich getrennt. Marc DePulse und Westbalkonia haben sich musikalisch auch wieder stark voneinander entfernt, und das war auch der Plan. Überspitzt gesagt: Die vorabendliche Schunkelmusik aus dem Fernseher kann man nicht mit dem durchgeschwitzten Raver gleichstellen, der am Sonntagmorgen um fünf Uhr noch einmal alles aus sich herausholt. Wer meine DJ-Sets kennt, der weiß, dass es mir dabei auch um völlig kompromisslose Tanzmusik geht und wer uns live schon einmal gehört hat, weiß, dass wir neben einer guten Performance mit Sänger und Gitarrist vor allem das Gefühl transportieren wollen.“

Kompromisslose Tanzmusik, die in diesem Jahr bereits in mehrfacher Ausgabe auf zahlreichen Imprints erschien. Von weiterem Output hält ihn dies aber nicht ab. „Im Moment arbeite ich gerade an einem Remix für Oliver Schories, der im November ebenfalls auf Einmusika erscheinen wird. Und darüber hinaus habe ich eine ganze Reihe an offenen und halbfertigen Projekten, die natürlich in den kommenden Wochen auch abgeschlossen und releast werden. Wichtig ist mir aber vor allem, meinen Sound weiterzuentwickeln. Ich produziere seit über 15 Jahren Musik und lerne immer noch hinzu. Das macht das Ganze ja auch immer so spannend.“ Seit bereits fünf Jahren führt DePulse auch sein Label JEAHMON!, auch wenn dort gerade einmal das zehnte Release ansteht. „Natürlich kostet Labelarbeit auch viel Zeit, die lohnt sich aber. Deswegen drücken wir seit diesem Jahr ordentlich aufs Gaspedal und möchten auch eine gewisse Regelmäßigkeit in die Releases bekommen. Oberstes Prinzip ist natürlich nach wie vor: Nur, was mir gefällt, kommt auf den Teller. Aktuell steht eine Release von Mathias Ache & muLe samt Remixen von Autotune und Adam Stacks an und natürlich wird es demnächst auch wieder eine Marc DePulse-Single auf meinem eigenen Label geben. Die habe ich gerade abgeschlossen und habe mir dafür u.a. Dave Seaman als Remixer ins Boot geholt.“ Als wären das noch nicht ausreichend Topics, startete der Worcaholic mit „How I Met The Bass“ ebenfalls eine neue Podcast-Serie. „Podcast-Reihen gibt es wie Sand am Meer. Natürlich erfindet keiner das Fahrrad neu, trotzdem wollte ich etwas Besonderes machen. Ich habe über die Jahre einfach sehr viele Menschen kennengelernt und jeder hat seine Geschichte zu erzählen – warum also auch nicht mal musikalisch? Jeder von uns DJs und Produzenten ist seinen eigenen kleinen Weg gegangen, jeder ist durch andere Einflüsse zu elektronischer Musik gekommen. Und nichts anderes möchte ich mit ‚How I Met The Bass‘ bedienen: einen musikalischen Querschnitt aus den Anfängen bis hin zu der Musik, die man heute spielt und produziert – und dafür lade ich mir regelmäßig einen Act ein, um mir seine bzw. ihre Geschichte zu erzählen mit der wichtigsten aller Fragen: ‚How did you meet the bass?‘ Gute Musik muss einfach geteilt werden.“

In Sachen Bookings war Marc DePulse neben einigen nationalen Gigs in diesem Jahr bereits u.a. in Paris und Dubai. Im November wird es ihn nach Miami und New York verschlagen. „Seit gut einem Jahr spiele ich auch noch einige Gigs zusammen mit Ron Flatter back2back, so auch in den kommenden Monaten. Musikalisch passt das bei uns einfach wie die Faust aufs Auge. Was anfangs nur mal ein Versuch war, ist langsam schon zur Marke geworden. Wir verstehen uns hinter dem Pult einfach taub – und dann kann so ein Set auch schon mal länger als sechs Stunden dauern.“ / Rafael Da Cruz

Aus dem FAZEmag 043/09.2015
Foto: Vitali Gelwich