Im Interview im Frühjahr 2017, das wir an einem typisch verregneten Tag in der Hauptstadt führten, erzählte uns Marc Houle bereits, dass „Sinister Mind“ als Startschuss gelte für eine Album-Trilogie. Nach über zehn Jahren als Produzent hatte der Kanadier damals den Eindruck, seine musikalische Reise auf den Prüfstand stellen zu müssen, und hielt zudem fest, dass die Menge an unveröffentlichtem und stilistisch durchaus breit gefächertem Material, das zu diesem Zeitpunkt seine Festplatte füllte, eher weniger auf ein einziges Album passe. Drei Jahre später, am 13. März, erscheint nun mit „No One Knows“ der zweite Teil der Serie. Veröffentlicht wird das Werk auf Houles eigenem Imprint Items & Things. Ein Interview.

Review: Marc Houle – No One Knows (Item & Things)


Marc, wie war das Jahr 2020 bislang für dich?

Die ersten Wochen sind wirklich wie im Flug vergangen! Ich habe unzählige Projekte finalisiert, sodass ich mich hoffentlich bald entspannen kann. Ich war zudem natürlich damit beschäftigt, die Titel für das Album fertigzustellen, Videos zu drehen und eine neue Liveshow vorzubereiten für die anstehende Tour. Es war hektisch, aber es hat Spaß gemacht, wie immer.

Glückwunsch zum neuen Album. Wie fühlst du dich mit dem fertigen Produkt?

Ich denke, es stellt sich gefühlsmäßig aktuell recht viel Stolz bei mir ein. Wobei es schwer ist, eine richtige bzw. neutrale Perspektive auf etwas zu bekommen, woran man so lange gearbeitet hat. Ich liebe die Stücke sehr und hoffe, dass die Zuhörer dasselbe empfinden werden wie ich.

„No One Knows“ ist der zweite Teil deiner im Jahr 2017 angekündigten Album-Trilogie. Wo liegen deiner Meinung nach die Unterschiede zwischen beiden Alben?

Bei diesem Album ging es mir vor allem um einen ordentlichen Punch. Ich wollte etwas Kraftvolleres erschaffen als das, was ich normalerweise veröffentliche. Damit hatte ich auch die Absicht, die Energie einzufangen, die ich habe, wenn ich auf der Bühne stehe und live spiele. Es ist weniger ein Album, das man zu Hause hört, als vielmehr eines, das fast gänzlich auf den Dancefloor abzielt. So sehe ich es zumindest. Die Kickdrum ist stärker und straighter, so, wie ich sie live spiele. Und abgesehen vom Song „Glit For Pink“, der sich ein wenig vom Rest abhebt, genieße ich es wirklich sehr, alles live so wiedergeben zu können.

Für mich klingt das Album wesentlich düsterer und auch von deinen Wurzeln in Detroit beeinflusst.

Ja, total! Der Detroit-Techno hat mein Herz damals im Sturm erobert und ich halte ihn bis heute für das Großartigste in Sachen Musik. Diese Spärlichkeit des Ganzen, gemischt mit reduzierten Akkorden und vor allem natürlich den dunklen Melodien – das alles reicht für mich. Ich liebe die Tatsache, dass man sich einen Detroit-Techno-Track anhören und dabei förmlich die Hardware hervorscheinen sehen kann. Der Fokus liegt auf den Sounds selbst und dem Retro-Futuristischen, das das Genre innehat.

Würdest du sagen, dass du aufgrund der düsteren Sounds bei diesem Album auch deine Arbeitsweise im Studio verändert hast?

Nun ja, die ganze Story hinter diesem Album begann damit, dass Richie Hawtin mir mal den Deckard’s-Dream-Synthesizer ausgeliehen hat. Ich fing an, Melodien durch ihn zu jagen, anschließend Akkorde und Stück für Stück fügten sich die Dinge fast wie von selbst zusammen. Dann begann ich irgendwann, den Arp 2600 wieder zu benutzen, der den DD bestens zu ergänzen schien. Auch kramte ich meinen MKS-70 wieder hervor, einen sehr unterschätzten Synthesizer, der mit einem schönen Hall-Overtop sehr groß und mächtig klingen kann. Ich habe mich tatsächlich zum ersten Mal um wirklich jeden einzelnen Sound gekümmert, alle einzeln gefiltert und durch verschiedene Vorverstärker und Kompressoren laufen lassen, um sie etwas aufpolierter klingen zu lassen, als es sonst bei mir der Fall ist.

Wie lange hast du dafür gebraucht?

Die Titel selbst waren in rund einer Woche geschrieben. Allerdings habe ich sie dann monatelang liegen gelassen und nur hin und wieder daran gearbeitet, bis sie sich vollkommen angefühlt haben und ich zufrieden war. Normalerweise bin ich nicht so pingelig mit meiner Musik, aber bei diesem Projekt wollte ich sehen, welches Resultat ich erzielen kann, wenn ich mir wirklich die Zeit nehme, die Dinge derart aufzubereiten. Es ist erstaunlich, wie viele Versionen ich von jedem Stück gemacht habe, bis ich an den Punkt gelangt bin, an dem ich glücklich war.

Über das letzte Album hast du gesagt, dass es nur dann Sinn ergebe, wenn man es am Stück höre, da es eine Geschichte erzähle. Wie ist das im Fall von „No One Knows“?

Ich schätze, das ist beim neuen Album recht ähnlich. Es gab schon früh die Überlegung, das Album in mehrere Teile aufzuteilen und als Singles zu veröffentlichen, aber mir ging es vielmehr um das Gesamtbild, das hier definiert wurde. Es war meine Intention, meinen aktuellen Sound als eine Art Status quo zu manifestieren. Das Album ist voller Sounds und Akkorde, die mir viel bedeuten. Ich schätze, das alles geht zurück auf meine Zeit auf Partys in Detroit. Eine Zeit, in der ich recht schnell und intensiv gemerkt habe, was meine absolute Lieblingsmusik sein würde. (lacht)

Für das letzte Stück hast du mit Karla Houser kollaboriert. Erzähl uns mehr über diese Zusammenarbeit.

Karla und ich sind schon seit Langem befreundet. Ich habe ihre Stimme und ihren Stil immer bewundert und als sie mich letztes Jahr besuchte, nutzte ich die Gelegenheit und steckte sie eine Weile in die Gesangskabine, um den Gesang aufzunehmen. Ich war mir nicht sicher, ob ich in der Lage sein würde, einen passenden Titel für ihre Vocals zu kreieren, aber als ich „Here We Are“ aufnahm, sah ich, dass ihre Worte perfekt hineinpassten. Ich denke, ich werde schon bald noch mehr mit ihr machen.

Das Album wird, wie bereits zahlreiche Vorgänger, auf deinem eigenen Label erscheinen. Wie sieht dein Plan für Items & Things für den Rest des Jahres aus?

Wir sind uns erst kürzlich erneut darüber bewusst geworden, was für eine großartige und auch lange Geschichte wir mit dem Label eigentlich erzählen können. Bei Items & Things wurden schon so viele großartige Titel und EPs veröffentlicht und ich finde, es ist an der Zeit, noch mehr Sachen herauszubringen, die uns von allem anderen unterscheiden und uns zu unserem Kern zurückbringen. Wir haben vor Kurzem unseren gesamten Back-Katalog auf www.itemsandthings.com eingestellt und verkaufen wieder Vinyls über die BC-Seite.

Zu guter Letzt: Was steht auf deiner persönlichen Agenda für 2020?

Ich war gerade dabei, eine China-Tournee zu starten, die, wie ihr euch vorstellen könnt, nicht wie geplant umzusetzen war. Ich kann es kaum erwarten, mein neues Album und meine neuen Tracks zu spielen und eine neue, frische Liveshow auf die Bühne zu bringen.

Aus dem FAZEmag 097/03.2020
Text: Triple P
Foto: Ahmed Chrediy
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