Marc Romboy – Zwei Alben und ein kritischer Blick

Foto: Natascha Romboy

Nachdem uns Marc Romboy Anfang des Jahres mit „Music Made For Aliens“ auf Awesome Soundwave zunächst sein erstes Solo-Clubalbum seit 15 Jahren kredenzte, legt der Systematic-Chef ein halbes Jahr später nach und präsentiert „Metamorfosa“ – eine faszinierende Fusion aus Electronica, Ambient und ladinischem Gesang aus der mystischen Bergwelt Norditaliens. Die LP entstand in Zusammenarbeit mit seinem langjährigen Kollegen Dimitri Andreas und der Vokalistin, Steel-Gitarristin und Geigerin Marlene Schuen, die dem Projekt ihre einzigartige Stimme verleiht. Wir haben Marc Romboy zum Doppel-Albumtalk getroffen.

Hallo, Marc. Schön, dich bei uns zu haben! Beginnen wir doch chronologisch und nehmen zunächst dein erstes Solo-Clubalbum seit 15 Jahren in den Fokus: „Music Made For Aliens“. Wovon hast du dich hier inspirieren lassen?

Die Inspiration kommt aus zwei Richtungen. An dieser Stelle möchte ich zunächst mit einer kleinen Anekdote beginnen: Während eines Familienurlaubs – ich war ca. zehn Jahre alt – machte ich die Bekanntschaft mit zwei Jungen, die ein paar Jahre älter waren als ich und mir eines Abends von Außerirdischen erzählten. Ich entwickelte eine große Angst vor diesen sogenannten Aliens, konnte nachts nicht schlafen und war erst wenige Jahre später dazu in der Lage, diese Fiktion zu relativieren. Die Angst hatte sich in eine Art Faszination verwandelt, die schließlich 1986, mit meinem ersten Kontakt zu Acid-House, neu entflammte. Ich kaufte mir damals eine Compilation namens „Acid House Inferno“, legte sie auf meinem Plattenspieler auf und dachte mir: „Diese Musik kann nur von Aliens kommen.“ So etwas hatte ich vorher noch nie gehört. Ich war total geflasht. Das Album kann also quasi als Hommage an diese Zeit betrachtet werden, getreu dem Motto: „Ihr habt mir damals eure Musik gezeigt und jetzt zeige ich euch meine Musik.“

Kannst du uns noch ein wenig tiefer in diese Zeit entführen? Was genau hat dich damals an dieser Art des elektronischen Musikmachens fasziniert? Wie sah dein Verhältnis zur Clubmusik aus?

Elektronische Musik findet zwar im Club statt, aber für mich waren es stets die verrückten, zuvor nie dagewesenen Sounds, die Begeisterung in mir auslösten. Diese neuartigen Klänge, die damals von Synthesizern und Drumcomputern, wie der Roland TB-303 oder der TR-909, erzeugt wurden, eröffneten ein völlig neues Klangspektrum und unerforschte Dimensionen des Musikmachens.

Jeff Mills hat vor einigen Jahren mal einen Post veröffentlicht, in dem er einen ähnlichen Gedanken teilt. Gerade zur Anfangszeit des Technos seien es vielmehr die „Crazy Sounds“ gewesen, die ihn faszinierten, als der Beat und der Groove. In den Kommentaren bekam er daraufhin eine Menge Gegenwind, der von Leuten erzeugt wurde, die genau das Gegenteil behaupteten. Diese Reaktion hat mich im Anschluss sehr nachdenklich gestimmt, denn ich habe das Gefühl, dass diese speziellen, artifiziellen Klänge, die kein herkömmliches Instrument auf der Welt erzeugen kann, heutzutage nicht mehr ausreichend gewürdigt werden. Mit „Music Made For Aliens“ versuche ich, diesen alten, zum Teil verloren gegangenen Spirit nun ein Stück weit einzufangen und zu konservieren.

Das klingt sehr nostalgisch und auch ein bisschen wehmütig.

Ja, denn das ist es auch. Letztendlich ist es die Passion für abgefahrene Sounds und synthetische Klangneuschöpfungen, auf der die gesamte Entwicklung der elektronischen Musikbewegung fußt. Es war der Nährboden für alles, was daraus entstanden ist, und das sollte nicht in Vergessenheit geraten. Für mich war diese Art von Musik immer eine Möglichkeit, egal ob ich gerade produziere oder ein Jeff-Mills-Album höre, um vollständig abschalten zu können, meditieren zu können, aus der Realität flüchten und mich in einen anderen Bewusstseinszustand begeben zu können, der nichts mit der nächsten Matheklausur oder der kommenden Steuererklärung zu tun hat. Eine akustische Parallelwelt, in der jeder sein kann, wie er mag.

Was ist heute anders?

Also erst einmal vorab: Natürlich galt bzw. gilt das Obengenannte auch für Clubs und Diskotheken. Gerade in Berlin sind diese Räume auch heute noch ein Ort der Zuflucht und der Freiheit, die von vielen Menschen in Anspruch genommen werden. Leider ist mit dem Aufstieg von Social Media wie Instagram und TikTok eine Art Gegenpol entstanden, der einen Großteil des Geschehens innerhalb der Szene auf die virtuelle Ebene verlagert. Ich kann nur jedem raten – vor allem den Jüngeren von uns – auch mal zu Veranstaltungen zu gehen, die diesen Geist auch viele Jahre nach seiner Entstehung noch aufrechterhalten. Die Fusion, aber auch viele Berliner Clubs, sind da, denke ich, ein gutes Beispiel.

Sven Väth hat sich vor Kurzem in einem Instagram-Post über das „Posen“ vieler DJs und Künstler*innen auf Social Media echauffiert. Er spricht dir vermutlich aus der Seele, oder?

Ich denke, dass wir die derzeitige Entwicklung, mit der wir es aktuell zu tun haben, grundsätzlich erst einmal zu akzeptieren haben. Wir können uns aufregen, wir können uns lustig machen, aber vom Posen abhalten werden wir mit Sicherheit niemanden. Wichtig ist vielmehr, und da sind Sven Väth und ich uns einig, dass die Substanz nicht verloren gehen darf: Die Leistung eines Artists darf nicht anhand seiner Followerzahlen, Klicks oder mittels irgendwelcher tollen Fotos bemessen werden. Wichtig ist sein musikalisches Können und wie er performt. Und genau hier ist momentan eine große Schieflage zu erkennen, die zweifellos auf unseren wachsenden Medienkonsum und die damit verbundene immer stärker werdende Abhängigkeit von Algorithmen zurückzuführen ist. Das betrifft selbstredend auch mich. Wir müssen darauf achten, dass man echte musikalische Leistung und soziale Reichweite grundlegend voneinander trennt. Das muss allen Leuten klar sein.

Die perfekte Gelegenheit, um eine kleine Brücke von Algorithmen zu künstlicher Intelligenz im Allgemeinen zu schlagen. Sie ist längst in der (elektronischen) Musikproduktion angekommen und wird das Musikmachen auf lange Sicht signifikant verändern – das steht außer Frage. Ist KI ein Aspekt, den du in Zukunft in deine Produktionen mit einfließen lassen willst?

Das ist ungefähr so, als hätte man mich 1995 gefragt, ob ich mir vorstellen könnte, das Internet zu nutzen. Klare Antwort: Ja. Das Nutzen von künstlicher Intelligenz birgt meiner Meinung nach hervorragende Möglichkeiten. Ich habe im Frühjahr dieses Jahres gemeinsam mit Timo Maas einen Track namens „Yume no yōna“ rausgebracht, für den wir KI verwendet haben. Weil wir auf der Suche nach einem japanischen Vokalisten nicht fündig geworden waren, entschieden wir uns dazu, den deutschen Text in einen Translator zu schicken. Die daraus resultierende japanische Textausgabe haben wir dann in einen japanischen Text-to-Speech-Konverter eingespeist und die Stimme für unseren Song benutzt. Es gibt natürlich viele weitere, raffinierte Methoden, um künstliche Intelligenz für die Musikproduktion heranzuziehen. Es ist auf jeden Fall schon vor einer ganzen Weile bei mir angekommen.

Eine prima Überleitung, um endlich auf dein neuestes Werk, „Metamorfosa“ zu sprechen zu kommen. Diese Produktion steht im Zeichen einer Vokalistin, deren Stimme von einer KI wohl so schnell nicht nachgehahmt werden dürfte. Marc, du hast das Wort.

Ich wollte Anfang 2020 ein Listening-Album machen, in dem eine Stimme vorkommt, die in einer fremden Sprache singt. Auch hier wieder ein kleiner Kindheitsbogen, denn die Idee stammt unter anderem daher, dass ich damals Musik mit englischen Texten gehört habe, die ich nicht verstehen konnte, da ich Englisch erst ab der 5. Klasse hatte. Wenn ich Musik höre und ich mein Gehör auch mal ein Stück weit ausschalten möchte – ähnlich wie bei der Meditation – dann funktioniert das nur, wenn ich den Text nicht verstehe, da ich mich ansonsten auf ihn konzentrieren würde.

Nachdem ich zunächst an eine isländische Sängerin gedacht hatte, empfahl mir Nils Ruzicka, ein befreundeter Produzent aus Hannover, Marlene Schuen, die auf Ladinisch singt – eine Sprache, die gerade einmal von rund 30.000 Menschen gesprochen wird und ausschließlich in Südtirol und den Dolomiten vorkommt. Von der Idee war ich sofort begeistert und das Projekt nahm seinen Lauf.

Was fasziniert dich so an der Sprache und Marlenes Texten?

Zum einen, dass ihre Texte sehr poetisch und von ihrer Jugend in den Bergen geprägt sind. Zum anderen ist es die Komponente der Mythologie, die im Ladinischen stark verbreitet ist und mich sehr fasziniert. So ist es in der Region mitunter üblich, an Elfen zu glauben, ähnlich wie in Island. Nicht umsonst trägt eines der Stücke den Titel „Elfa“. Marlene hat dann bei unseren Zoom-Sitzungen die ersten zwei, drei Stücke gesungen, woraufhin wir den Entschluss fassten, eine Art Plot für das Album festzulegen, der dann auch schnell gefunden war. Dimitri und ich kommen aus sehr industriell geprägten Regionen, die somit einen perfekten Kontrast zu Marlenes Bergwelt bildeten. Es entstand eine Metamorphose, die aber natürlich nicht nur auf unsere jeweilige Herkunft zu beziehen ist, sondern auch auf die Musik: Eine Mischform aus ländlich-traditionellem Gesang und industriell-anmutenden technoiden Klängen.

Während du Marlene Schuen erst im Zuge des Albumprojekts kennengelernt hast, ist die dritte Person im Bunde ein langjähriger Vertrauter von dir: Dimitri Andreas. Vielleicht magst du uns kurz etwas zu eurer gemeinsamen Historie und der Arbeit am Projekt erzählen. Wie habt ihr euch ergänzt?

Ich kenne Dimitri schon eine halbe Ewigkeit. Wir haben schon immer kleinere Projekte zusammen realisiert, wollten nun nach all der Zeit aber auch endlich mal gemeinsam an einem großen Album arbeiten. Als meine Kooperation mit Marlene in trockenen Tüchern war, war mein erster Gedanke sofort, Dimitri als dritten Künstler ins Boot zu holen, denn er ist ein absolut begnadeter Soundtüftler, der gerade im Bereich Spatial Audio (Dolby Atmos) über unglaubliche Kompetenzen verfügt. Nicht zuletzt deswegen entschieden wir uns dazu, die LP noch nachträglich in Spatial Audio aufzunehmen. Das hat für uns einfach total Sinn gemacht mit all den Stimmen und Geräuschen, die wir im Album verbaut haben. Als wir das Ganze dann in Dimitris neuem Dolby-Atmos-Studio abgemischt haben, war das ein echter Gänsehaut-Moment. Ich kann nur jedem empfehlen, sich „Metamorfosa“ mit entsprechendem Equipment anzuhören.

Hast du einen Lieblingstrack auf dem Album?

Das ist ein bisschen wie die Frage nach dem Lieblingskind, aber wenn ich wählen müsste, wäre es wohl „Azeleraziun“. Allein aus dem Grund, weil ich kein Lied kenne, bei dem zu einem Ambient-Breakbeat gejodelt wird.

Abschließend ein kurzer Ausblick auf den Rest des Jahres?

Jetzt steht erst einmal eine Asien- und Australientour an und im Anschluss möchte ich ganz viel Musik machen. Es befinden sich bereits einige Releases im Köcher, unter anderem eine EP mit Timo Maas auf Systematic sowie Remixe für Carl Cox & Christopher Coe, DJ Hell, Toto Chavetta, DJ Rush und Metodi Hristov, sowie noch einiges andere. Ich habe gerade richtig Bock.

„Music Made For Aliens“ ist am 17. März auf Awesome Soundwave erschienen.

„Metamorfosa“ ist seit dem 22. September via Systematic Recordings erhältlich.

Aus dem FAZEmag 140/10.2023
Text: Milan Trame
Foto: Natascha Romboy
www.marcromboy.com/