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Jeder kennt ihn – und jeder kennt ihn aus einer anderen Ecke. Denn ob Trance, Techno, Tech-House oder Downtempo, Marco Bailey hat schon vieles produziert, veröffentlicht und gespielt. Warum? Weil er keine Genregrenzen kennt, weil er sich selbst nicht einschränken oder im Weg stehen möchte. Ein alter Gedanke, der nach wie vor erfrischend ist. Wir haben uns mit dem Belgier unterhalten und konnten auch einiges über sein neues Album „Temper“ erfahren.

Seit fast 30 Jahren bist du nun schon DJ. Doch ursprünglich hattest du andere Pläne für deine berufliche Zukunft. In welche Richtung wolltest du eigentlich gehen?

Tatsächlich hatte ich einmal einen anderen Traumjob vor Augen, und zwar den eines Profisportlers. Aber nicht in irgendeiner Sportart, sondern im Motorsport, genauer gesagt Motocross. In den sechs Jahren, in denen ich leidenschaftlich Wettkämpfe bestritt, bereit war, hohe körperliche Risiken einzugehen, um am Ende als Erster ins Ziel zu kommen, war ich in Topform. Ich trainierte hart und das Risiko im Motorsport reizte mich immens. Die Leidenschaft für Sport im Allgemeinen ist geblieben und so versuche ich auch heute noch, viermal die Woche Zeit dafür zu finden. Natürlich nicht mehr in der Intensität wie damals.

Doch 1988 hast du mit dem Auflegen begonnen, Musik rückte in den Fokus und wurde zu deiner bis heute andauernden Passion. Wie lief das damals Ende der Achtziger?

Zu dieser frühen Zeit meiner DJ-Karriere beschäftigte ich mich mit Musik von Public Enemy, EPMD und ähnlichen Gruppen. Auch Rock und New Wave von Neon Judgement, Fad Gadget oder Dave Ball spielten eine große Rolle. Ich spielte in kleinen Clubs, jedoch die ganze Nacht allein, nicht wie heute mit mehreren DJs zusammen. Neun bis zehn Stunden lange Sets waren also normal. Hinzu kam, dass ich sowohl freitags als auch samstags auflegte und so eine extreme Bandbreite präsentieren konnte.

Rund zehn Jahre später – du hast mittlerweile schon einige Platten unter anderem auf dem eigenen Label Session Recordings, auf Bonzai oder Intense Records veröffentlicht – kontaktiert dich ein uns allen bekannter Künstler, Carl Cox.

Genau, das war 1999 auf einer Party in Gent, Belgien. Er fragte mich doch tatsächlich, ob ich nicht Lust hätte, eine der ersten Platten für sein Label Intec zu machen. Das ging mir runter wie Öl und natürlich war ich Feuer und Flamme für dieses Release. Carl Cox war immer schon ein großer Unterstützer meiner Arbeit, was übrigens auch für John Digweed und sein Label Bedrock gilt.

Im Laufe der Zeit entstanden dann weitere Labels wie MB Electronics im Jahr 2001 sowie 2013 MBR, auf denen zahlreiche bekannte Techno-Acts ihre Arbeiten veröffentlichten. Heute jedoch schenkst du vor allem der neuen Plattform Materia deine Aufmerksamkeit, auf der nun auch dein neues Album „Temper“ erschien.

Materia Music ist eine weitere Säule, eine Erweiterung der schon länger bestehenden Partys. Außerdem stellt das Label auch eine Weiterentwicklung meiner eigenen Ansichten dar. Auf Materia möchte ich weniger, dafür aber nur ausgewählte Musik veröffentlichen, mit höheren Ansprüchen. Wenn Labels alle zwei Wochen ein neues Release präsentieren, langweilt mich das. Und das schlägt sich auch oft in deren Musik nieder. Das macht dann auch aus wirtschaftlicher Sicht nur wenig Sinn. Musik sollte schließlich jedes Mal, wenn du sie hörst oder kaufst, als Geschenk wahrgenommen werden, als eines, das man sich selbst gerne macht.

Mit deinem neuen Album „Temper“ hast du dir vermutlich auch ein sehr großes Geschenk gemacht.

Für „Temper“ habe ich Musik kreiert, die ich selbst gerne in meinen Sets spiele, doch habe ich das Album auch mit Tracks bestückt, die mir ein gutes Gefühl geben, die vielmehr Balsam für die Seele als funktionale Club-Tools sind. Diese Art der Musik fasziniert mich schon eine sehr lange Zeit. Produktionstechnisch musste ich mich deshalb nicht verbiegen. „Temper“ entstand zum Großteil digital. Logic war mir jedoch schon immer zu kompliziert und da ich grundsätzlich ein ungeduldiger Mensch bin, scheint mir Ableton die beste Lösung zu sein. Zum Zuge kamen außerdem einige VST-Plugins wie FXpansion Strobe, Reaktor, Omnisphere für die atmosphärischen Sounds, Polysynth 6 oder Massive. Auch mein Juno 106 und der Moog kamen vereinzelt zum Einsatz.

„Temper“ ist dein fünftes Studio-Album und laut deiner eigenen Aussage auch dein bisher bestes mit dem höchsten repräsentativen Wert. Was macht dieses Release in deinen Augen so besonders?

Um ehrlich zu sein, ich war bisher nie wirklich einverstanden mit dem Klang meiner Produktionen. Zwar glücklich und zufrieden mit den Inhalten der Alben und Tracks, mit den Arrangements und Ideen, aber nicht mit dem Klang. Und der ist mindestens genauso wichtig wie alles andere auch. Der Mastering-Ingenieur kann einen Teil zu einer klanglich großartigen Produktion beitragen, er kann jedoch nur mit dem arbeiten, was ihm zur Verfügung steht – er kann den Sound nicht von Grund auf formen oder ändern. Für die Tracks des Albums habe ich viel Zeit in die Testphase investiert, sie „on the road“ ausprobiert und mit verschiedenen Monitoren probegehört, um das für mich optimale Ergebnis zu bekommen. Viele Jahre habe ich das vernachlässigt. Leider. Umso mehr habe ich nun versucht, meinen Sound weiterzuentwickeln. Außerdem stehe ich voll und ganz hinter jedem einzelnen Track des Albums, habe alle und werde alle 17 erneut spielen und genießen. Das habe ich bei meinen vorherigen Alben so noch nicht erlebt. Ein gutes Zeichen für mich!

Welche Rolle spielt da noch der kommerzielle Erfolg?

Ob die Tracks in die Charts kommen oder nicht, spielt für mich keine besondere Rolle. Ich mache das nun schon seit 26 Jahren und meine, ein Gefühl für die Tanzfläche entwickelt zu haben, das mir bei der Produktion meiner Stücke hilft und mich wissen lässt, was Leute zum Tanzen bringt. Das ist es, was zählt – dass die Leute zu deiner Musik tanzen und Spaß haben. Die Chartplatzierung ist Nebensache. Auch wenn ich mich selbst nach neuer Musik umsehe, achte ich nicht auf aktuelle Trends oder Hypes. Meine Begeisterung für Musik kennt keine Genregrenzen. Ich kann einen Industrial-Track ebenso abfeiern, kaufen und spielen, wie ich einen Deep-House-Tune mit schönen Chords oder Bassgitarre genieße.

Das spricht für dich als Musiker.

Leider verwirrt das viele Leute, weil sie davon ausgehen, dass ich lediglich straighten Techno spiele. Wenn sie mich dann tatsächlich etwas anderes spielen hören, können sie es kaum glauben. Sie für eine ebensolche Offenheit zu begeistern und ihnen bewusst zu machen, dass ich mehr bin als nur dieses eine Release, das sie von mir kennen, ist manchmal gar nicht so einfach. Da wirst du ganz tief in eine Schublade gesteckt. Ein weiterer Grund, warum ich mich über das Album freue, denn Marco Bailey ist mehr als nur Techno. Ich produziere und spiele genau das, was sich in diesem Augenblick gut und richtig anfühlt.

Zweifelst du auch manchmal an dir oder deinen Fähigkeiten?

Ja, natürlich. Und auf meine Fähigkeiten bezogen: Ich bereue es heute massiv, dass ich nie wirklich gelernt habe, ein Instrument wie Klavier, Gitarre oder etwas dieser Art zu spielen. Ich fühle mich im Studio manchmal eher wie ein Grafikdesigner, der mit digitalen Bildern und zugehörigen Sounds spielt, als wie ein waschechter Musiker. Zwar bin ich im Besitz einiger Synthesizer, doch vermag ich es nicht, beidhändig und mit geschlossenen Augen Melodien einzuspielen. Ich frage mich tatsächlich oft, ob ich nicht deutlich besser wäre, hätte ich in jungen Jahren ein Instrument gelernt.

Was nicht ist, kann ja noch werden, oder? Könntest du dir grundsätzlich vorstellen, das Genre komplett zu wechseln?

Oh, da sprichst du jetzt aber was an! Ich wünschte, ich hätte die Fähigkeiten und Kompetenzen eines Jazz- oder Rockmusikers, glaub mir. Beide Stilrichtungen begeistern mich sehr, aber auf der anderen Seite habe ich auch große Freude daran, durch die Clubs und Festivals zu touren, mit der Crowd zu feiern und den Tänzern ein Lächeln ins Gesicht zu zaubern. Das möchte ich nicht missen und genau da möchte ich auch weitermachen. Sound- und stiltechnisch befand ich mich ja schon immer im Wandel, einen Stillstand gab es da bisher nicht. Wer weiß also, was noch kommen mag. Konzepte und Ideen realisiere ich nun seit 1996, getrieben von meiner Leidenschaft zur Musik. Auch wenn der Weg oft nicht einfach und das Budget klein war – der Wille, etwas auf die Beine zu stellen, ist da.

Und du hast Erfolg damit. Lassen wir zum Ende des Interviews das bisherige Jahr Revue passieren. Was bleibt hängen aus 2017?

Einer der schönsten Augenblicke des Jahres war unser erstes Materia-Open-Air hier in Belgien, nur wenige Kilometer von dem Haus entfernt, in dem ich aufgewachsen bin. Wir feierten eine tolle Party mit vielen Gästen, vor denen ich das Closing-Set spielen durfte. Zu diesem Zeitpunkt schüttete es allerdings wie aus Eimern. Magisch jedoch war, dass alle bis zum letzten Tune auf der Tanzfläche blieben und im Regen tanzten, als gehöre dieser dazu. Ein wahrer Gänsehautmoment!

Und für 2018 gibt es auch schon Pläne? Wie geht es weiter nach dem Release von „Temper“?

Neben Materia-Events in Chicago sowie weiteren Gigs in den USA, in Peru und Kolumbien werden Anfang des nächsten Jahres auf Materia Music Remixe zum Album veröffentlicht. Ich freue mich jetzt schon auf die Interpretationen von Marcel Fengler, Andre Kronert, Koen Hoets oder auch Petar Dundov, der immer sehr viel Emotion und Farbe in seine Musik mischt. Ein großartiger Produzent!

 

Aus dem FAZEmag 069/11.2017
Text: Gutkind
Foto: Phrank Photographics