Mario Hammer
„Der Geist im Treppenhaus“, das ist die grobe übersetzung von Mario Hammers neuem Album „L’esprit De L’escalier“. Aus den nichtgesagten Teilen einer fiktiven Konversation zog er Inspiration, um sein neustes Werk zu schreiben. Eine Stunde lang nimmt Mario Hammer den Hörer mit auf eine interessante Fahrt durch seine analog erzeugten Sounds. Die Töne aus Klangerzeugern wie Prophet 6, Analog Keys sowie diversen Moogs und Roland-Geräten lassen das Werk herausstechen. Veröffentlicht wurde es am 2. November auf Traum Schallplatten.


Weit ab vom Dancefloor bewegt sich dein neues Album. Wie sieht die Konzeption einer LP aus, die zusammenhängend nur mit analogen Geräten stattfindet?

Die Ursprungsidee war vor knapp vier Jahren, ein modular-analoges Synthesizeralbum am heutigen Puls der Zeit aufzunehmen, aber ganz ohne Beats. Quasi eine Weiterführung dessen, was Klaus Schulze, Popol Vuuh, Krautrock bereits vor 20 Jahren begonnen hatten. Ziel war es, eine gewisse emotionale Tiefe mit neuen Klangräumen in die jewei- ligen Tracks einzubringen. Meine musikalischen Referenzen sind heute vorwiegend Artists aus dem gegenwärtigen Geschehen. Darunter Niels Frahm, DJ Koze, Mind Against, Trentemøller und David Lynch. Mein Sound klingt nicht nach klassischer elektronischer Musik, sondern eben sehr modern. Im Vorfeld musste ich hierfür über einige Jahre die richtigen Bausteine und Synthesizer finden, die mich soundlich und emotional abholen mussten. Jeder Synth besitzt hierbei einen ganz eigenen Klangcharakter und musikalische „Seele“. Die Geräte aus den Siebzigern und Achtzigern durch ihre teilweise „fehlerhafte“ Bauweise und Ungenauigkeit waren daher Ideal für meine Klangforschungen.

Wie hast du die Songs geschrieben?

Die meisten Stücke sind im Prozess der Klangfindung entstanden, mit Ausnahmen von „Metaphysical Orchestra“, „Sirimiri (Hammersche Modularverschaltung)“ und „Symphony Of Pulsing“, die vorher auf Traum Schallplatten im Rahmen der „Tour De Traum“-Reihe veröffentlicht wurden, sich auf dem Album aber überarbeitet darstellen. An einigen Tracks arbeitete ich mit Josef Steinbüchel, da er wiederum auch ein paar inspirierende Synthesizer besitzt. So tauschten wir Ideen und Klänge bei mehreren Gläsern Rotwein aus. Das Album entstand im absoluten Fluss, da ich ein oder teilweise drei Stücke im Zusammenhang schrieb und anschließend nach einer weiteren Brücke suchte, die dann zum nächsten Track führte.

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Mit welchen Geräten hast du gearbeitet?

Ich arbeitete hauptsächlich mit meinen Moogs und einigen alten Roland-Geräten. Die Kombination mit dem Modularsystem bietet hierfür unzählige Möglichkeiten. Aktuell liebe ich die Analog Keys und den Prophet 6. Auch mit dem OP 1, GRP4, Vermona Perfourmer und „Mutable Instruments“-Modulen kann man tolle Sounddesigns erschaffen. Mein absoluter Liebling ist aber der Syrinx. Ein sehr spezieller Synthesizer der holländischen Firma Synton, wobei insbesondere auch der Controller zu ungewöhnlich klingenden Modulationen führt. Solche Sounds muss man mit dem Gerät in Echtzeit performen und im Sequenzer aufzeichnen. Aufnahme, Weiterbearbeitung und Arrange- ment erledige ich mit Logic 9 und Ableton.

Wen beziehst du mit dem Beinamen „The Lonely Robot“ mit ein? Ist es eine Hommage an deine Geräte oder ein Wink auf dich als Person?

In der täglichen Studioarbeit ist man mit seinen Gerätschaften oft monatelang als eine Art „Lonely Robot“ eingeschlossen. Während andere ausgehen, Party machen oder ihr Geld anderweitig investieren, sitzt du brav und nerdig in deinen vier Wänden und studierst Synthesizer oder die entsprechenden Module.

Was denkst du, würden einsame Roboter tun, wenn es sie gäbe?

Sind wir in der heutigen Zeit nicht alle irgendwie ein wenig mehr „ein- same Roboter“ geworden? Mit unseren tollen Smartphones, täglichen Likes, Computern, unterwegs in den digitalen Welten oder im Alltag täglich zu funktionieren und immer das „richtige“ zu tun? Das Versteckspiel hinter aufgebauten Fassaden? Bis sich die Karriereleiter, als vermeintliches Hamsterrad entpuppt? Ich finde, so weit sind wir von einsamen Robotern gar nicht mehr entfernt. Grade durch die ganze Fremdsteuerung, Werbung, Politik, Presse, den ganzen äußeren Einflüssen. Wie Kraftwerk bereits schon vor vielen Jahren sagten:
„Wir laden unsere Batterie
Jetzt sind wir voller Energie …
Wir sind die Roboter
Ja tvoi sluga
Ja tvoi Rabotnik“

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www.traumschallplatten.de
Aus dem FAZEmag 045/11.2015