Als vor acht Jahren in einem Industriegebiet in Frankfurt dieses UFO mit Sven Väth am Steuer landete und das Format Club für sich ganz neu definieren wollte, rief das jede Menge Vorfreude, Erwartungshaltung, aber auch Skepsis hervor. Club, Designtempel und hochwertige Gastronomie. Das Konzept fruchtete, und der CocoonClub mit seinen beiden Restaurants Silk und Micro startete seinen noch andauernden Siegeszug. Chef der Küche war Mario Lohninger – gebürtiger Österreicher, Weltenbummler und mehrfach ausgezeichneter Koch. Die Betonung liegt auf ‚war’, denn in diesen Tagen haben sich Lohninger und Cocoon getrennt. Das „Micro“ ist schon seit Anfang März geschlossen, das „Silk“ seit Ende Juli.

Mario Lohninger wurde in eine Gastronomenfamilie geboren und wuchs dörflich im Salzburger Land in Saalfelden auf. Mit 15 begann er eine Kochlehre, im Alter von 22 Jahren ging er in die USA, wo er einen rasanten Aufstieg hinlegte und schließlich mit Ende 20 Küchenchef im New Yorker „Danube“ wurde. Er kassierte einen begehrten Stern vom „Guide Michelin“ und sahnte vom „Gault Millaut“ den Titel „Koch des Jahres 2011“ sowie Punkte für „Micro“, „Silk“ und „Lohninger“ ab. Letzteres ist aktuell sein neuestes Restaurant, das er 2010 in der Frankfurter Innenstadt eröffnete.
Auch wenn er wie wenig andere auf der Welt einen sehr nahen Kontakt zu vielen DJ-Größen hatte, nahm er deren Sonderwünsche und Eitelkeiten zwar wahr, doch ließen sie ihn kalt. Er sah kaum Gemeinsamkeiten zwischen der Welt der DJs und der Köche und blieb immer seiner Linie treu, ein qualitativ hochwertiges Produkt in einem funktionierenden Team abzuliefern.

Wie viele seiner Kollegen beklagt er oftmals die Einstellung der Menschen zur Nahrungsaufnahme, ohne speziell dabei eine Nation hervor zu heben, wobei er schon bemerkt, dass „wir“ doch lieber mal eine Designerjeans kaufen würden, als viel Geld für ein gutes Essen auszugeben. Viele Leute seien heutzutage sicherlich bewusster und aufgeklärter, aber eben auf der anderen Seite oft auch weit weg vom Essentiellen. „Darüber kann man kontrovers diskutieren, das ist alles eine Frage der Einstellung, Erziehung und des Lifestyles. Du bist, was du isst. Oft treibt es einfach nur der Hunger rein und es wird auf den Euro geschaut.“ Aber es sei eben ein Trugschluss, dass gutes Essen automatisch teuer sein müsse. Aufklärung sei hier gefragt, denn neben Lebensqualität und Gesundheit gehe auch die Sinnlichkeit verloren.

Kennengelernt haben sich Mario und Sven in New York um die Jahrtausendwende. Väth war Stammgast im „Danube“. Dort trafen zwei Protagonisten aufeinander, die beide weltoffen, reiselustig und experimentierfreudig waren und sich schnell anfreundeten. Der eine mit Plänen für ein Restaurant in San Francisco, der andere mit Cocoon im Hinterkopf und der offenen Frage nach einem passenden Koch. Lohninger nahm sich einige Monate Bedenkzeit. „Da gehen einem sehr viele Sachen durch den Kopf, denn das war geschäftlich eine ganz andere Hausnummer.“ Letztlich entschied er sich nach neun Jahren Aufenthalt in den Staaten wieder für die Mitte Europas und startete mit Sven Väth dieses furiose Projekt.

„Wir haben viel bewegt in Frankfurt und Spuren hinterlassen. Das Restaurants allgemein alle Sinne ansprechen sollen, ist an sich nicht neu, aber in der Art und Weise war das schon einzigartig. Das kann man gar beschreiben, sondern muss man einfach erlebt haben. Alles ist neu konzipiert und entworfen worden, es kam nichts von der Stange – weder Porzellan, noch Besteck oder die Tische. Da geht es nicht um persönliches Ego, sondern um das Produkt, das man in die richtige Richtung bewegt hat und bei dem jeder aus dem Team seinen Beitrag geleistet hat. Da mussten viele Seelen vereint werden.“

„Bleibt alles anders“ – so kündigt der Koch das Ende von „Silk“ und „Micro“ auf seiner Internetpräsenz an. Es ist ein schwerer Abschied, eine nicht einfache Phase, in der er sich befindet. Den ersten – in diesem Falle – die ersten beiden Läden lässt man sehr schwer los. „Das war und ist noch ein Projekt mit sehr viel Herzblut, ein fantastisches Produkt mit einer tollen Idee als Grundlage, und wir hatten auch eine tolle Zeit. Es wird immer einen großen Platz bei mir im Herzen halten und natürlich fällt mir der Abschied sehr schwer. Ich bin da reingewachsen, und zwar mit Freude. Ich gehöre nicht zu denjenigen, die irgendwas bereuen, die etwas gerne gemacht hätten, aber nicht gemacht haben. Das hier kann mir einfach keiner mehr nehmen. Aber leider ist es in der Geschäftswelt so, dass der Tag X kommt und man sich entscheiden muss, den Mietvertrag zu verlängern oder eben die Location zu verlagern.“

 

Neben dem „Lohninger“, einer Art Gasthaus mit österreichischem Kern und internationalen Ausflügen, steht aber auch schon ein neues Projekt in den Startlöchern, ebenfalls in der Mainmetropole: Das „Hohlbein’s“ im Städel Museum wird er übernehmen, mit dem bisherigen Pächter Gregor Meyer gemeinsam neu ausrichten und ab August weiterführen. Wieder eine neue Herausforderung, der er sich stellt. Keine Atempause, das Leben muss schließlich gelebt werden. „Ich stelle mich der Herausforderung jeden Tag, das ist beim Kochen sehr wichtig. Man geht jeden Tag aufs Neue darauf zu und gibt sein Bestes, da ist nichts selbstverständlich, da muss man verdammt viel Respekt haben.“ Und das macht in Frankfurt besonders viel Spaß. Lohninger fühlt sich sehr wohl in dieser Stadt. Nach acht Jahren Stadtrand geht es mit den Restaurants nun komplett ins Zentrum. Seine Eltern leben inzwischen auch hier, ein sicheres Zeichen für eine dauerhaftere Niederlassung nach Jahren des Reisens. „Du bist hier in einer Metropole, aber eigentlich ist die Stadt gar nicht so groß und unüberschaubar, das hat was.“ Was hin und wieder fehlt, das seien die Berge, der Ozean und die Strände. „Aber wenn man Erfolg hat, das Wohlbefinden stimmt und man ein gutes Produkt hat, dann ist das auch eine Menge wert.“

Wie Neuausrichtung der Gastronomie im CocoonClub aussehen wird, das ist bisher noch nicht bekannt. Auch warum die Trennung doch recht kurzfristig angekündigt wurde, lässt natürlich viel Raum für Spekulationen. Aber dafür waren Sven Väth und sein Club schon immer gut. Nur jetzt scheint es erstmals ernsthafte Kratzer und offene Fragen am Projekt zu geben. Seit Anfang des Jahres gibt es wieder Trance-Partys im Cocoon, das wäre wohl in der Anfangszeit undenkbar gewesen. Wer auch immer Mario Lohninger ersetzen wird – sofern man überhaupt von ‚ersetzen’ sprechen kann – er wird ein schweres Erbe an- und in ein gewachsenes Umfeld eintreten. Alle Augen sind jetzt auf den Vorzeigeclub gerichtet.


Mario Lohninger – CocoonClub Menues
200 Seiten, Tre Torri Verlag, 25 EUR

www.cocoonclub.net
www.hoeren-sehen-schmecken.net

Holbein’s
Holbeinstraße 1
60596 Frankfurt am Main

Lohninger
Schweizer Straße 1
60594 Frankfurt am Main

 

Foto Mario Lohninger: Thomas Schauer