MARKEE LEDGE5
Der Name Markee Ledge mag nicht jedem ein Begriff sein. Dabei ist der Musiker und Produzent schon seit Jahrzehnten im elektronischen Musikbusiness unterwegs. Als Substance hat der geborene Schotte in den frühen 90ern Drum-and-Bass-Geschichte geschrieben. Mit seinem Projekt Kosheen hat Ledge in den vergangenen 15 Jahren fünf Alben sowie unzählige Singles veröffentlicht und als Live-Act auf Bühnen dieser Welt gebracht. Gerade erschien Ledges erstes Soloalbum „Elevate“. Grund genug, sich mit ihm über dieses und jenes zu unterhalten.


„Elevate“ ist dein erstes Soloalbum. Inwiefern unterscheidet sich der Produktionsprozess von einem Kosheen-Album?

Es war sehr ähnlich, was die Unstimmigkeiten und die Zerrissenheit angeht. Vielleicht gab es sogar eine noch größere Zerrissenheit. Aber letztendlich hatte ich ein klares Bild im Kopf und am Ende hat sich alles ganz gut zusammengefügt (lacht).
Der Produktionsprozess als solcher ist gleich geblieben. Durch die geänderte Personal-Situation war die Arbeit allerdings recht erfrischend und kreativ. Ich habe einfach die Musik gemacht, die ich machen wollte, ohne über Plattenfirmen oder die aktuelle Marktsituation nachzudenken. Ich mag es, an einem Stück zu arbeiten, dann vielleicht einen Remix davon zu machen oder aus den einzelnen Teilen etwas völlig anderes entstehen zu lassen. Manchmal entwickeln sich Tracks so in eine ganz unerwartete Richtung – das ist großartig.

Ich habe gelesen, dass du früher in Bands gespielt hast. Inwieweit beeinflusst deine Fähigkeit, Instrumente zu spielen, die Art, wie du Musik produzierst? Schreibst du beispielsweise Songs ganz Songwriter-like auf der Akustik-Gitarre und baust dann die elektronischen Elemente um den Song herum?

Ich komponiere Akkord-Strukturen und Melodien recht häufig am Piano. Das Songwriting passiert tatsächlich auf der Gitarre. Aber ein Track kann genauso gut auf einem tighten Drum-Groove oder einem Sample basieren. Es ist ja nicht jeder in der luxuriösen Situation, ein Instrument spielen zu können. Es kann Jahre dauern, das zu lernen. Aber sich richtig gut mit seinen Plug-Ins auszukennen, ist genauso viel wert. Das sind alles relevante Skills – und ohnehin hört man beim Produzieren nie auf zu lernen.

„Elevate“ beinhaltet Elemente aus den verschiedensten Genres wie Downbeats, Electro, Breaks, Garage oder House. Die Vibes auf dem Album erinnern zum Teil an das, was man in den 90ern als typischen Bristol-Trip-Hop bezeichnete. Massive Attack und Portishead kommen einem unweigerlich in den Sinn, aber auch Jungle und von Dub inspirierte Artists wie Smith & Mighty oder More Rockers. War das eine bewusste Entscheidung, so zu klingen? Eine Art Reminiszenz an diese Zeit?

Ich denke, einige Sounds, die ich benutzt habe, sind schon eine Reminiszenz. Wobei manche Themen und Sounds einfach immer wieder auftauchen und eben diese Gefühle und Assoziationen wecken. Mit Musik verbindet man ja häufig eine bestimmte Zeit oder einen Ort. Ein Genre als solches kann eine vorübergehende Sache sein, auf welcher dann aber wieder neue Genres aufbauen. Dubstep zum Beispiel entstand aus Drum and Bass und Jungle. Dub mochte ich schon immer. Und ich mag diesen typischen 1996er-Oldschool-Jungle-Sound übrigens immer noch sehr gerne – womit wir wieder bei den bestimmten Zeiten und Orten wären: Bristol Mitte der 90er-Jahre. Ich habe zu dieser Zeit viel Drum and Bass auf BBC Radio One gespielt. Das war eine große Sache damals – heute läuft das ja jeden Tag. Zu dieser Zeit gab es noch gar kein Dubstep. Es gab House und Drum and Bass. Wir haben Downbeats produziert oder eben Sachen, für die es keine Bezeichnung gab. So entstehen Genres. Ich erinnere mich daran, wie ich unseren Track „Suicide“ in Half-time spielte – und wir dachten nur: wow! Heute ist Half-time Drum and Bass ein eigenes Genre.

Wenn wir schon beim Thema „andere Genres und Artists“ sind: Welche Musik und welche Musiker inspirieren dich?

In erster Linie emotionale Musik. Deeper Kram wie Chopin oder die Cocteau Twins. Die Art von Musik, in der du dich selbst verlierst und vergisst, wo du dich befindest. Eigentlich inspiriert mich jede Musik, die mir gefällt – das ist vermutlich eine ganz natürliche Sache.

In den 90ern wirkte Bristol wie ein Melting Pot kreativer Künstler, die einfach ihr Ding machten, ohne darauf zu achten, was in London oder woanders auf der Welt passierte. Das, was damals „Bristol Sound“ genannt wurde, hatte einen großen Einfluss auf verschiedene andere Szenen und Genres auf der ganzen Welt. Was denkst du, wieso unterschied Bristol sich so sehr von anderen Städten?

Ich denke, die geografische Lage von Bristol als Tor zum Südwesten Englands hat viel damit zu tun. Bristol ist eine beliebte Studentenstadt und mit seinem Handelshafen ein wichtiger Teil der Geschichte des Landes. Viele Menschen kommen nach Bristol und bleiben für immer. Es gab dort schon immer die unterschiedlichsten Arten von Menschen und eine Vielzahl verschiedener Vibes. Hafenstädte haben diese leichte Verruchtheit, die die Entwicklung einer Underground-Szene begünstigt. In den 90ern gab es die „Bristol Crew“ und die „Outsider“. Ich kam aus Glasgow, war also ein „Outsider“. Aber ich wurde von den Leuten dort sehr freundlich aufgenommen und habe immer noch viele Freunde dort.

Drum and Bass scheint im Moment recht gut zu funktionieren: RAM haben gerade einen Deal mit BMG unterschrieben, Bad Company haben sich wieder zusammengefunden und Roni Size & Krust haben ihr Label Full Cycle reaktiviert. Wie sieht es mit einer Rückkehr von Decoder & Substance aus?

Wir planen gerade ein Decoder & Substance-Album: eine Sammlung von Tracks aus den 90ern und frühen 2000ern. Was neue Drum-and-Bass-Nummern angeht: Auf meiner kommenden Single „Saturn“ feat. Alys Be gibt es einen Remix von Break. Ich bin noch immer sehr mit der Drum-and-Bass-Szene verbunden – sie ist ein Teil von mir, ein Teil meiner Geschichte.

Wenn du die Wahl hättest: Mit welchem Artist – egal ob schon tot oder noch lebendig – würdest du gerne zusammenarbeiten?

Das ist eine schwierige Frage. Es ist ja offensichtlich, dass ich eine Schwäche für Sängerinnen habe. Elizabeth Fraser wäre da mein Top-Kandidat. Ebenso Roisin Murphy. Bei den Männern wäre es wohl John Lennon. Man kann seinen Schmerz in seiner Stimme hören.

Du gehst mit „Elevate“ auf Live-Tour. Wie sieht das Bühnen-Line-up bei der Show aus?

Markee Ledge Live ist eine Art „All Stars Show“ mit der Sängerin Alys Be, aber auch MC Jakes, einem engen Freund aus meiner Bristol-Zeit. Jodie Elms ist mit einer Auswahl an Kosheen-Tracks mit dabei. Über die Jahre haben sich derart viele Tracks angesammelt, dass die Show eine Art Reise durch die Geschichte der Musik wird, die in der Zukunft endet.

Was ist mit Kosheen? Macht die Band eine Pause oder ist sie Geschichte?

Wer weiß? Im Moment mache ich erst mal die Markee-Ledge-Sachen. Darren ist unter dem Pseudonym Dubspeeka recht erfolgreich als Techno-DJ unterwegs und Sian arbeitet schon längere Zeit an einem Solo-Album.

Vielen Dank für das Interview! 

Interview: Feindsoul
Aus dem FAZEmag 049/03.2016