Man sieht während des Konzerts meistens nur seinen Rücken. Wie er sich auf- und abbewegt, zittert durch die Anspannung, das Beben der Arme, deren energische Anschläge auf den Klaviaturen für Stahlsaiten und Synthesizer eine Stoßwelle in den Rest des Körpers schicken; man sieht, wie sein Rücken verharrt, wenn er sanftere Töne anschlägt, um dann plötzlich erneut mit aller Wucht in die Gerade nach oben zu schnellen, begleitet vom Schrei eines Synthesizers, all die Gewalt des Inneren herausstürzend. Unvermittelt dreht sich Martin Kohlstedt zum Publikum um, den Blick gesenkt, sagt er fast erschöpft, dass es nichts bringe, er lächelt dann schließlich, über sich selbst, verlegen oder vielleicht sogar ein bisschen stolz, dass er das einfach sagt, macht. Man weiß es nicht. Dann wendet er sich wieder seinen analogen und digitalen Tasteninstrumenten zu, baut eine neue Welle aus Klängen auf, bis sie sich türmen. So hat es sich bei einem seiner Konzerte zugetragen, vor zwei Jahren ungefähr.


Kaum zu glauben, dass dieser Mann den ausverkauften Großen Saal der Elbphilharmonie ausgehalten hat. Ja, mehr noch. Er hat das Publikum an die Hand genommen. Denn da ist noch diese andere Seite. Als ich ihn bei einem anderen Auftritt live erlebt hatte, wandte er sich dem Publikum öfter zu, war redseliger, charmant, er erzählte etwas aus seiner Kindheit. Die Geschichte hatte etwas mit seinem Klavier zu tun, das ihn, den Jungen aus dem thüringischen 3000-Seelenort Breitenworbis gleichsam mitsozialisierte. Introvertiertes sensibles Wunderkind, einsilbig, fast verletzlich, oder exzentrischer Virtuose und Schöpferphänomen, charmant, eloquent und humorvoll, dabei stets hochgradig sympathisch – man weiß nie, was einen bei einem Konzert von Martin erwarten wird. Man glaubt dem Pianisten und Komponisten auch, dass er es selbst nicht wisse, wie weit er gehen werde, gehen können werde. Er könne nicht anders als mit dem Rücken zum Publikum sitzen, um einerseits das Motiv des Unterhaltens auszuklammern und: „Direkter Augenkontakt mit einem Menschen ist in so einem Moment total gefährlich. Ich muss mich dann wegdrehen.“ Wer schon einmal ein selbst geschriebenes Gedicht vorgetragen hat, kann ansatzweise das Gefühl der Ausgeliefertheit nachvollziehen, das Martin beschreibt: „Auf einmal steht man da nackig und hofft, dass sich das keiner zunutze macht. In dem Moment, wo man sich ganz klein gespielt hat, kommt man aber auch erst an den Punkt, wo man etwas wirklich und wahrhaftig begegnen kann, ohne das esoterisch zu meinen. Aber dann ist man an der Quelle. Man ist hochsensibel, nimmt alles auf und kann es in Musik umformen. Man hat sich dann aller auferlegten Dinge entledigt. Eigentlich ist das ein wunderbarer Zustand. Er sieht nur für alle anderen so furchtbar aus.“

Welch ein Wagnis, aber auch unausweichliche Konsequenz, dass Martin Kohlstedt sich in der Zusammenarbeit mit dem Leipziger Gewandhauschor, mit einem menschlichen Kollektiv, auf eine neue Ebene der Suche, des Experiments – und der Unsicherheit begeben hat. „Unsicherheit ist das Benzin“, formuliert er den Antrieb seines musikalischen Schaffens. Seit 2017 arbeitet er zusammen mit Gewandhauschorleiter Gregor Meyer im Rahmen der Reihe „Two Play To Play“ an einer musikalischen Kollaboration mit dem bis zu 150 Stimmen starken semiprofessionellen Konzertchor. „Da wurde ein Chor völlig intuitiv auf eine Musik gesetzt, die nicht komponiert und ja, nicht kontrolliert wurde. Keiner weiß, was passiert, wie lange der Atem reicht, wenn ich da durchdrehe an meinem Synthesizer.“ Die öffentlichen Proben kulminierten in der Uraufführung überwiegend improvisierter Stücke. Die Momentaufnahme dieses Experiments fließt auf dem sechsten Album Martin Kohlstedts zusammen: Nach „Tag“, „Nacht“, „Tag Remixes“, „Nacht Reworks“ und „Strom“ erscheint „Ströme” am 3. Mai. Der Musiker wagt sich mit seinen modularen Kompositionen – die keine Werke kennen, sondern nur miteinander interagierende musikalische Ideen – auf unbekanntes Terrain vor: „Das klang so absurd unmöglich, dass da Reibungen vorprogrammiert waren. Reibungen bedeuten Entwicklung. Da kommt man nicht drum herum. Man zwingt sich, weiter zu suchen, weiter zu entwickeln.“ Sie erforderten Geduld, intensives Verhandeln und Annähern, wobei die sofortige Augenhöhe zwischen Martin und Gregor eine Basis bildete. „Es gab tatsächlich Menschen im Chor, die den Raum verlassen haben. Wer fühlt sich schon wohl mit etwas, das erst einmal scheiße klingt? Aber darum sollte es erst einmal die ganze Zeit gehen. Gregor hat mich erst einfach machen lassen und versucht, einen kühlen Kopf zu bewahren und seinem Chor Aufträge zugeschoben. Dann haben wir wieder etwas aufgeschrieben und geredet. Für den Chor war die erste Probe ein bisschen die Hölle“, Martin lacht. Der Gewandhauschor selbst hat für dieses Experiment mit Mitteln der neuen Musik gearbeitet, ohne klassische Notation, aber mit Raum für individuelles Ausgestalten. „Das erste Stück, wo es dann funktioniert hat, hat auch gleich zu Tränen gerührt. Wenn es dann einmal klappt, werden direkt extreme Potenziale freigesetzt. Dann hört sich jeder zu. Die Leute singen dann nicht einfach das, was auf ihren Noten steht – denn es gibt ja keine Noten. Man kann nur versuchen, die Situation richtig zu reflektieren und auf einmal achten alle auf die Stimmen um sich und machen nicht einfach nur ihre Aufgabe. Die Stimmen klingen viel organischer. Auch ich kann dann erst einmal unmöglich etwas abliefern, weil ich erst einmal zuhören muss.“ Auf „Ströme“ verhandelt Martin mit dem Chor fast wie in einer Art archaischem Ritual unter anderem das letzte Album „Strom“, analog zu dem Prinzip der Remixes und Reworks der ersten beiden Solo-Alben. Verwirrungen beim Hörer nicht ausgeschlossen. „Es gibt diesen Spruch von meinem Vater: ‚Du kannst die Leute eh nicht mehr befriedigen. Du kannst sie nur verwirren.’ Früher hat mich das bis zum Augenverdrehen genervt, aber ich weiß mittlerweile, was er meint. Man muss sehr oft erst einmal etwas aufbrechen, weil die Erwartungshaltungen von der rechten Gehirnhälfte höher sind als das, was die linke eigentlich da verarbeiten kann.“

 

Termine:
06/11/2019 ERLANGEN Hugenottenkirche
07/11/2019 MAINZ KUZ
08/11/2019 KARLSRUHE Tollhaus
20/11/2019 BIELEFELD Oetkerhalle
21/11/2019 MOERS Bollwerk 107
22/11/2019 MAGDEBURG Moritzhof
23/11/2019 WUPPERTAL Stadthalle

16/11/2019 HAMBURG Laiszhalle / mit GewandhausChor
18/12/2019 BERLIN Konzerthaus / mit GewandhausChor
17/12/2019 ERFURT Alte Oper / mit GewandhausChor
08/02/2020 HANNOVER Kuppelsaal / mit GewandhausChor
09/02/2020 LEIPZIG Gewandhaus / mit GewandhausChor

Aus dem FAZEmag 087/05.2019
Test: Csilla Letay
Foto: Mike Zenari
www.martinkohlstedt.com