„Die Sache an der Wurzel fassen“ – diese Redewendung bringt bei kaum einem Künstler oder einer Künstlerin eine kreative Evolution in einer Metapher und ein reales Vorhaben in seiner botanischen Greifbarkeit so treffend auf eine gemeinsame symbiotische Formel wie im Fall von Musiker Martin Kohlstedt und seinem neuen Album „FLUR“.

 

Nach seinen bisherigen Alben „TAG“, „NACHT“, „STROM“ sowie „STRÖME“ und deren Begleitern in Form von Reworks, die den Diskurs mit Elektronika und Chören als Gegenüber suchten und „wichtige extrovertierte Exkurse waren“, geht er mit dem neuen Langspieler an das Basale seines Schaffens: Solopiano. „,TAG‘ und ,NACHT‘ waren eine krasse Lösungssuche. Die war notwendig für mich. Aber dieses Album ist gerade so klar, es ist so ein-eindeutig in seiner Aussage. Für mich ist es wie ein Ankommen, gleichzeitig mit dem Paradoxon, nicht ankommen zu können.“ Was wie ein „Zurück“ anmutet, ist – vermeintlich ein Widerspruch – in Martins Kosmos im selben Moment ein Aufbruch: „Nur dass diesmal die Richtung klar ist.“ Und die zeigt vorwärts.

Die zehn neuen Stücke sind untrennbar mit einer Vision, einer Mission, wie Martin sie nennt, verwurzelt. Im letzten Jahr hatte der in der ländlichen thüringischen Gemeinde Breitenworbis geborene und aufgewachsene Pianist entschieden, für jedes verkaufte Konzertticket einen Baum zu pflanzen. Nach „unzähligen unromantischen Behördengängen und Besuchen in den Forstämtern und Forstbaumschulen“ können und sollen nun auf dem eigenen Grund und Boden von rund 1,5 Hektar etwa 10 000 Jungbäume in einem sinnvollen Mischverhältnis eine Heimat finden. Doch aufgrund der Corona-Kontaktbeschränkungen muss der Wald bis zum Frühjahr warten. „Nur einen Winter noch, hoffentlich“ – rund 70 Freund*innen und Fans hatten sich bereit erklärt, die Pflanzen in die Erde zu setzen. Das Album, der Wald, selbst Raum ohne Zeit, kulminieren in einem Raum ohne Zeit. Das jeweils eine wäre ohne das jeweils andere nicht möglich, ist Martin sicher.

Der Titel „FLUR“ steht im Kohlstedt’schen Modular-Alphabet für ein Innehalten, das Unbekannte, einen Moment kurz vor der Entscheidung. „Flur kann der Korridor sein, in dem du vor der Entscheidung stehst, durch welche Tür du hindurchgehen wirst. Allein wie lang es hinten lautmalerisch ausklingt …“, begeistert sich Martin und führt mit Blick auf das Albumcover weiter aus: „Gerade durch diese architektonische Schneise, dieses Artifizielle, das auf das Organische projiziert ist, kann man dies so denken. Demgegenüber steht auch noch die weite Flur, dieses Unendliche in der Natur.“ Die Schneise findet sich auf dem Gemälde „Lichtung“ des Leipziger Malers David Schnell, das Martin Kohlstedt sah und sofort wusste, dass er das Albumcover gefunden hatte, ohne danach suchen zu müssen.

„Bereits bei ,TAG‘ und ,NACHT‘ stellten computergenerierte Bilder einen Wald auf dem Cover dar. Es geht irgendwo auch immer um eine Illusion. Du kannst den Wald wahrscheinlich ins Göttliche hochmultiplizieren, wir wissen nicht, was er für eine Instanz ist; diese riesigen Säulen, durch die wir hindurchlaufen, sie sind fortwährend da.“ Ein Raum ohne Zeit: „Wir waren noch nicht geboren, da gab es sie, und auch nach uns werden sie noch da sein. Der Wald ist ewiglich gleich, nur Licht und Schatten wechseln, Leben und Tod. Ein Kreislauf, ein Mikrokosmos.“ Martin hält inne. „Ob du auf den Ozean schaust, in den Sternenhimmel oder in den Wald – dieses Eingebettetsein hilft mir auf eine gewisse Art. Der Grund, warum so etwas so guttut, warum der Wald so guttut, ist der, dass wir Menschen dort kleiner werden.“

Sein persönlicher Raum ohne Zeit war das eigene Zuhause in Weimar im Frühjahrs-Lockdown beim Schaffen des neuen Albums. Martin nahm die Stücke zurückgezogen in seiner Dachgeschosswohnung auf, mit Blick auf die Stadt, umgeben von all den Vögeln, Winden und Regentropfen, die diese Tage begleiteten und sich nun auf „FLUR“ wiederfinden. „Ohne den Lockdown wäre die Reinheit dieses Fokus nicht gewährleistet gewesen. Vorher bist du zwischendurch zu einem Festival gefahren und musstest dann erst einmal zwei Tage mit dir ins Gericht gehen“, lacht er. „Künstler*innen suchen oft die Isolation zum konzentrierten Schaffen. Nun kam sie zu mir.“ Der Raum ohne Zeit war der Segen der Pandemie: „Zeit ist etwas, was wir erfunden haben, was uns antreibt. Ich hatte vorher nie Zeit, nachzudenken, es ging immer nur ein Kapitel ins nächste über. Jetzt konnte man metaphorisch gesprochen den Keller aufräumen.“

Den Produktionsprozess bezeichnet Martin als „notwendige psychologische Auseinandersetzung“. Denn so sehr die Situation ein Geschenk war, kippte sie in dem Moment, wo Martins Welt zu Hause auf Dauer keinen Widerhall in einem größeren Kontext ermöglichte. Je mehr Zeit er mit sich selbst verbrachte, desto mehr verschwammen die Proportionen. „Dass es wieder ein Solopiano-Album wird, wusste ich schon Ende letzten Jahres. Dass es Zeit wird, mich mit mir selbst zu beschäftigen beziehungsweise mit mir selbst wieder in Kontakt zu kommen.“ Der Boost aber, den Corona diesem Prozess bescherte, überstieg Martins Vorstellungskraft überwältigend: „Dass dann alles sozusagen mit zwölf multipliziert wird, damit habe ich nicht gerechnet. Das war schon heftig, dermaßen auf sich zurückgeworfen zu sein.“ Erst begann „alles ganz altromantisch“. Während unterm warmhölzern ausgebauten Dach seine Freundin in der Hängematte lag, saß Martin „im Unterhemd am Klavier, unrasiert“; sie kochten gemeinsam: „Die Welt hatte sich extrem verkleinert. Dadurch kam zunächst so eine Leichtigkeit rein, weil es überall so war. Du hattest nicht das Gefühl, dass alles an dir in einem D-Zug vorbeirast. Ich kam nach Hause und habe das Echte laufen lassen, das, was immer auf chinesischen Kalenderblättern steht: ,Sei im Moment‘ und so. Aber es gab auch keine andere Wahl.“

Das sei richtig gut gewesen. Doch nach der Euphorie, so Martin, komme immer auch die Depression, zwangsläufig: „Du weißt es vor jedem Album. Jedes Mal denkst du: ,Ja, es kommt eine Unsicherheit rein, aber dieses Mal bist du drauf vorbereitet.‘ Aber dass es dich dann so hart ausknockt und du zwei Monate nur noch hier auf dem Teppich liegst, ohne zu denken, ohne zu irgendetwas fähig zu sein … Du kannst deine Stücke nicht mehr hören, du kannst sie auch nicht bewerten. Irgendwann kann auch dein Gegenüber nicht mehr objektiv bewerten, was du gerade eingespielt hast. Man wird eben eins. Du bist abhängig von Spiegeln, vom Diskurs. Und genau für den war kein Platz im Lockdown.“ Im Sommer dann tun sich Räume auf: „Diese ganzen Strohfeuerkonzepte ermöglichten es, wieder unter Menschen zu kommen, zu spielen und meine neuen Stücke einzubauen. Das war sehr, sehr wichtig. Erst da habe ich die Stücke gehört, wirklich gehört. Vorher ging es einfach in die falsche Gehirnhälfte. Über den Herbst konnte ich sie dann fertigstellen.“ Am 27. November ist „FLUR“ in die Welt entlassen worden. Mit dem Bewusstsein, dass nun viele andere Menschen seine neue Musik hören, könne er mit den Ohren der Gemeinschaft endlich analysieren: „Diese Stücke haben in einer Lapidarität den Kopf verlassen, wie damals, als man dreizehn war. Echter konnte man den Äther nicht anzapfen. Die Skizzen gingen ganz wundervoll. Als sie aber ins Format gedrückt werden sollten, war das wie die Pubertät bei Kindern. Sie haben sich hart gewehrt. Jetzt bin ich absolut glücklich, dass diese Stücke in dieser Ruhe herausgekommen sind.“ Martin macht eine kurze Pause: „Wir leben in einer schwierigen Zeit. Ich bin sehr dankbar, dass ich mit diesem Album jetzt so klar sehe.“ Der Blick richte sich nun weg von sich selbst – das Album und der Wald, sie bedingen sich, denkt man; was zuerst da war, vermag vielleicht auch Martin nicht mehr zu entknoten. „Das Egozentrische eines Projekts, das Martin Kohlstedt heißt, bekommt so auch eine Zweitrangigkeit. Als ich für mich dieses Ausmaß verinnerlicht hatte, habe ich aus dem Labern endlich Machen gemacht.“ Das Waldpflanzen „stellt der Kunst auch etwas Reales gegenüber. Ich mache etwas handwerklich, bei dem ich weiß, wann etwas fertig ist. Das weiß ich bei der Musik oft gar nicht.“ Sein Vater, Forstamtsleiter im Norden Thüringens, unterstützt Martin bei dem Vorhaben. Das hat die beiden – es klingen klassische Vater-Sohn-Differenzen über gegenseitige Erwartungen an – einander wieder nähergebracht. „Nun bin ich doch noch irgendwie, wenn auch anders, Förster geworden. Ich bin Waldbesitzer und habe Verantwortung. Wir haben darüber viele gemeinsame Gespräche.“ Über Regen oder welche Baumarten angepflanzt werden. Die Aktion räumlich und zeitlich auszuweiten, kann Martin Kohlstedt sich gut vorstellen, da es eine Frage der Existenz sei: „Die Natur diskutiert nicht. Wenn ich einen Gott hätte, wäre es Mutter Natur. Eine Frau mit ziemlich toughen Regeln, gutmütig, aber auch realistisch knallhart.“

 

 

 

Aus dem FAZEmag 106
Text: Csilla Letay
Foto: J. Konrad Schmidt
www.martinkohlstedt.com