
Wir schreiben das Jahr 1995. Elektronische Musik wie Techno, House oder Drum’n’Bass etablieren sich und schaffen mittlerweile auch den Weg in die Charts. Es sind auch die Zeiten der Mayday und der Loveparade. Erstere – in Berlin gestartet – findet in dieser Zeit noch in verschiedenen Städten statt, bevor sie ab 1997 dann jährlich nur noch in Dortmund stattfindet. Die Loveparade findet zum letzten Mal auf dem Kudamm statt, im Jahr darauf ging es zur Siegessäule. Der Teenager Mathias Kaden aus Gera war so fasziniert von diesen beiden Events, dass er mit dem Auflegen startete, im Jahr darauf erstmals auch vor Publikum. Dreißig Jahre später feiert er sein DJ-Jubiläum, unter anderem mit einem neuen Album, das auf Rekids erscheint und das genau diesen Sound widerspiegelt, den er seit vielen Jahren auflegt: zeitlose Housemusik.
War es für dich klar, dass du zum Jubiläum keine Retrospektive, sondern ein Studioalbum veröffentlichen wirst?
Für mich war eigentlich ziemlich schnell klar, dass ich keine Retrospektive machen wollte. Statt zurückzuschauen, wollte ich lieber nach vorne gehen – mich weiterentwickeln und als Musiker den nächsten Schritt machen, mit einem neuen Studioalbum. Für eine große Rückschau habe ich in den nächsten zwanzig Jahren ja immer noch genug Zeit.
„Zeitlose House-Musik“ präsentierst du mit deinem Album, die so auch vor zehn oder in zehn Jahren rauskommen könnte. Wie geht man da vor, dass man sich von aktuellen Trends befreit?
Ich mache das jetzt schon so lange, dass ich mich im Grunde immer von aktuellen Trends freigemacht habe. Warum sollte ich nach über 30 Jahren plötzlich irgendetwas hinterherlaufen, das ich vielleicht gar nicht bin? Mir geht es eher darum, ehrlich zu bleiben und genau das zu zeigen, was mich als DJ wirklich ausmacht.
Wie kam es zu den Collabs mit Cassy und Zoë Xenia?
Die Kollaboration mit Zoë entstand eigentlich schon vor drei Jahren. Der Song ist damit der älteste auf dem Album, aber gleichzeitig auch das beste Beispiel dafür, wie zeitlos Musik sein kann. Er hätte damals erscheinen können – oder genauso gut erst in zehn Jahren. Mit Zoë ist es mittlerweile schon unsere fünfte gemeinsame Produktion. Ihre Stimme trifft einfach genau meinen Nerv, und sie ist eine wunderbare Künstlerin.
Der Track mit Cassy dagegen ist der neueste. Das war tatsächlich der letzte Song, der noch rechtzeitig für das Album fertig geworden ist. Zeitloser House mit klarem Blick auf den Dancefloor – und dazu noch mit einer richtig schönen Message. Cassy hatte ich tatsächlich schon vor ungefähr zehn Jahren einmal gefragt, ob wir zusammen einen Track machen wollen. Damals hat es noch nicht geklappt, aber jetzt endlich. Wir kennen uns auch schon seit fast 15 Jahren, deshalb hat sich das für mich wie ein schöner, längst überfälliger Moment angefühlt.
Drei Alben in dreissig Jahren ist ein überschaubarer Longplayer-Output, wobei es noch zwei weitere unter deinem Mathimidori-Alias (2020) und mit dem Projekt Karocel (2013) gab. Was bedeutet das Albumformat für dich?
Fünf Alben in 30 Jahren sind natürlich nicht besonders viel. Aber meine Musik als Mathias Kaden besteht eher aus Tracks als aus klassischen Songs, und die funktionieren oft besser auf EPs als auf einem Album. Wobei ich streng genommen ja noch gar keine 30 Jahre produziere, sondern eher seit 24 Jahren.
Auf ein richtiges Listening-Album hätte ich aber auch mal Lust. Leider wird die Hörerschaft, die sich wirklich die Zeit nimmt, ein Album in Ruhe zu hören, immer kleiner. nter meinem Alias Mathimidori wird bald auch wieder ein Album erscheinen. Da habe ich noch eine andere musikalische Seite, die ich dort ausleben kann.

Wie bist du zur elektronischen Musik gekommen, wie bist du DJ geworden und was hat dich motiviert, selbst Musik zu produzieren?
Angefangen habe ich 1995 mit dem Auflegen und schon ein Jahr später, 1996, auch vor meinen Freunden gespielt. Damals haben mich unter anderem die Mayday und die Loveparade im Fernsehen total fasziniert und dazu animiert, in diese damals noch sehr frische Szene einzutauchen. Ich hatte außerdem das Glück, dass es bei uns in Gera einen Plattenladen gab – Undergroundwear. Dadurch bin ich Stück für Stück immer tiefer in diese Welt hineingewachsen.
Mit dem Produzieren kam ich dann später durch Marek Hemmann in Kontakt. Er hat mir die ersten Schritte gezeigt, und danach habe ich wirklich jeden Tag viel Zeit im Studio verbracht und produziert. 2005 habe ich dann schließlich meine erste Solo-Single veröffentlicht.
Wie nimmst du die aktuelle Szene war, bzw. was sind die Unterschiede zu damals, was ist gleich geblieben?
Die Szene hat sich stark verändert. Heute ist alles schneller, lauter und viel kurzlebiger, und ein großer Teil läuft über Social Media. Früher war das anders: Du hast drei, vier oder fünf Mal an einem Ort gespielt, damit sich die Leute überhaupt an dich erinnern konnten. So sind nach und nach echte Fans entstanden.
Heute reicht manchmal schon ein cooler Pullover auf Instagram und plötzlich sind Leute Fans von einem DJ. Man kann heute rasend schnell bekannt werden – aber genauso schnell auch wieder verschwinden.
Für uns „ältere Hasen“ ist das manchmal schon ein kleiner Kampf, weil plötzlich Bilder und Präsenz wichtiger wirken als die Musik selbst. Aber am Ende versuchen wir trotzdem, unseren Weg zu gehen und uns treu zu bleiben, damit wir nicht einfach in der nächsten Welle untergehen.
Gibt es ein Ereignis/einen DJ-Gig o. ä., was dich am meisten geprägt (bedeutet) hat?
In den letzten drei Jahrzehnten gab es natürlich viele besondere Momente. Einer, den ich aber nie vergessen werde, war im alten Cocoon Club, als Sven Väth mich plötzlich gefragt hat, ob wir b2b spielen wollen. Das war schon ziemlich besonders für mich. Später haben wir das dann sogar noch einmal im Amnesia auf Ibiza wiederholt.
Gerade weil Sven normalerweise gar nicht so der Typ für b2b-Sets ist, hat mir das umso mehr bedeutet.
Weißt du, wie viel Tracks und Remixe du veröffentlicht hast?
An meiner Wand hängen aktuell 111 Vinyl-Releases. Dazu kommen noch ungefähr 10 bis 15 digitale Releases und Remixe.
Was waren oder sind in den drei Dekaden deine wichtigsten Weggefährten?
Weggefährten gab es viele über die Jahre, aber einige sind natürlich auch andere Wege gegangen. Wenn ich zwei Dinge nennen müsste, die mich besonders geprägt haben, dann sind das auf jeden Fall unser Club MUNA und meine Agentur Paracou.
Wie bist du bei Rekids gelandet?
Zu Rekids bin ich 2019 über ein paar schöne Umwege gekommen. Über Honey Dijon und Patrick Mason ist meine Platte „Liberate Drums“ schließlich bei Radio Slave gelandet, der sie dann recht schnell auf seinem Label veröffentlicht hat. Seitdem ist Rekids ein ganz wichtiger Teil von mir geworden, und ich bin wirklich froh und auch stolz, ein fester Teil davon zu sein.
Was wünscht du dir für die nächsten dreißig Jahre?
Mein größter Wunsch ist eigentlich ganz einfach: dass ich und meine Liebsten gesund bleiben, ich nie die Liebe zur Musik verliere und immer kreativ und getrieben bleibe. Alles Negative kann gerne weit weg bleiben – und wenn es nach mir geht, mache ich das Ganze noch mindestens weitere 30 Jahre.
Aus dem FAZEmag 170/04.2026
Text: Tassilo Dicke
www.mathiaskaden.com