Matthias Tanzmann spricht über die Anfänge der Leipziger Clubkultur

Matthias Tanzmann spricht über die Anfänge der Leipziger Clubkultur. Foto-Quelle: Instagram

In einem Interview spricht Matthias Tanzmann, elektronischer Musikproduzent und DJ aus Leipzig sowie Label-Head von Moon Harbour Recordings, über die Anfänge der Clubkultur seiner Heimatstadt gesprochen. Dabei offenbaren sich ein paar spannende Fakten. Spoiler: Damals war laut Tanzmann alles etwas „niedlicher“ bei ihm und in der Szene als heutzutage. Was er damit meint, lest ihr hier.

Leipzig in den 90ern: Politisch wie kulturell herrschte Aufbruchstimmung. Für Matthias Tanzmann, damals Teenager und heute international gefragter DJ, war diese Zeit der Beginn einer Leidenschaft, die bis heute anhält: „Wenn ich die 90er mit einem Wort beschreiben müsste, dann wäre es Freiheit. Alles war neu, vieles möglich.“, so der beliebte Szene-Akteur.

Schon im Alter von 15 Jahren nahm ihn ein älterer Freund zum ersten Mal mit in die legendäre Basis in Großzschocher: „Es war komplett überwältigend: Dunkel, Stroboskop, Nebel, Techno-Beats – ich war sofort gefangen.“ Kaum jemand habe damals gewusst, was Techno überhaupt ist. Bilder oder Videos aus Clubs gab es kaum. Wer die Kultur erleben wollte, musste selbst hingehen, so Tanzmann.

Heute spielt Matthias Tanzmann beispielsweise auf Ibiza, etwa bei der Event-Reihe ANTS, zu der wir gerade erst einen ausführlichen Artikel hatten.

Schon bald stand Tanzmann selbst hinter den Decks. Nachmittage im Kinderzimmer mit billigem Mixer und einem Synthesizer, später das wöchentliche Stöbern im Plattenladen. „Mit meinem Taschengeld konnte ich mir ein, zwei Vinyls pro Woche leisten. Am Donnerstag fuhr man in die Stadt, hörte stundenlang durch und musste genau überlegen, wofür das Geld reicht.“
Mit 17 jobbte er auf dem Bau, um sich endlich die legendären Technics leisten zu können – die er bis heute besitzt.

Das Recording eines DJ-Sets von Matthias Tanzmann aus den 90er-Jahren:

In Leipzig und Umgebung entstand eine Szene, die noch ohne Regeln auskam. Ein Generator, eine Anlage, ein leerer Raum – fertig war der Club. „Uns war gar nicht bewusst, dass wir gerade eine neue Jugendkultur mit aufbauen. Für uns war einfach alles neu.“ Auch abseits der Großstadt blühte die Subkultur: Orte wie Weira oder Zeitz waren damals Hotspots.

Ab 1997 legte Tanzmann regelmäßig in der Distillery auf, die an diesem Wochenende am neuen Standort eröffnet, nachdem sie umziehen musste.

Drei Jahre später gründete er mit André Quaas das Label Moon Harbour Recordings, das bis heute über 200 Releases veröffentlicht hat. Leipzig wurde so zum Exporteur für House-Sounds – und Tanzmann zum Aushängeschild der Szene.

Klar hat sich vieles verändert: Heute ist die Clubszene professionalisiert und digitalisiert, Streaming und Social Media sind allgegenwärtig. Tanzmann erzählt, wie es damals war: „Wenn man sich damals für elektronische Musik interessierte, war man automatisch Fan. Man kannte die DJs, las Magazine, ging in Plattenläden. Heute ist die Aufmerksamkeitsspanne eine ganz andere.“ Trotzdem sieht er den technischen Fortschritt positiv: „Man darf nicht klingen, als würde man der alten Zeit hinterhertrauern. Es ist, wie es ist.“

Matthias Tanzmann mit einem Streaming-Set während der Covid-19-Pandemie aus der Distillery Leipzig:

Und doch bleibt beim langjährigen Musiker der elektronischen Musik eine gewisse Romantik: „Mein erstes Auto war ein alter VW Käfer. Mit der Plattenkiste im Kofferraum bin ich über die Dörfer gefahren und habe meine ersten Gigs gespielt. Das war niedlich, naiv – und eine unglaublich schöne Zeit.“

Zurück ins Hier und Jetzt – gerade erschienen: Tanzmanns Remix zu Giorgio Moroders Klassiker „Chase“:

Quelle: Leipziger Volkszeitung

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