Max Richter – Der Wandel der Jahreszeiten

Foto: Jennifer McCord

He did it again! Max Richter hat sich wieder den „Vier Jahreszeiten“ von Antonio Vivaldi gewidmet. Vor zehn Jahren bereits hat der in Deutschland geborene britische Komponist im Rahmen der „Recomposed“-Reihe der Deutschen Grammophon – zeitgenössische Musiker*innen interpretieren ihre Lieblingstücke der klassischen Musik neu – dieses Meisterwerk der Barockmusik bearbeitet und neu interpretiert. Mit seinen sehr eigenen Mitteln und Wegen schuf der 56-Jährige selbst ein Genre-definierendes Meisterwerk, das von Publikum und Kritik begeistert aufgenommen wurde. Bis heute ist seine „Recomposed“-Version über drei Milliarden Mal gestreamt worden. Und nun die Neuauflage, die sich zwar nur in Feinheiten von seiner ersten Version unterscheidet – aber diese Feinheiten sind für Richter sehr entscheidend. Das hat sich im Laufe der Jahre, in denen er seine Komposition regelmäßig und mit verschiedenen Orchestern aufgeführt hat, herausgebildet und brachte ihn schließlich dazu, „The New Four Seasons“ herauszubringen.

Max Richters bisherige Biografie liest sich beeindruckend, sein Schaffen ist äußerst abwechslungsreich. Er wandelt zwischen zeitgenössischer Klassik und elektronischen (Ambient-)Elementen, die organisch und atmosphärisch ausgeprägt sind. Seine Arbeiten bedienen Theater, Film & TV, Ballett, Kunstinstallationen, und dazu kommen zahlreiche verschiedenartige Solo-Werke. In den 90er-Jahren arbeitete er mit dem legendären Electronica-Duo The Future Sound Of London zusammen, zur Jahrtausendwende mit dem Drum ’n’ Bass-Act Roni Size. Mit seinem Soundtrack zum dokumentarischen Trickfilm „Waltz With Bashir“ von Ari Folman gewann er den Europäischen Filmpreis für die beste Filmmusik, aber auch für Serien wie „The Leftovers“ oder „Taboo“ komponierte er die Musik, wie auch für den Blockbuster „Ad Astra – Zu den Sternen“. 2015 veröffentlichte Max Richter mit „Sleep“ ein sehr außergewöhnliches Werk, das achteinhalb Stunden dauert und bei dessen Aufführungen das Publikum nicht auf Stühlen saß, sondern in Betten lag. Sein bisher letztes Album kam im letzten Jahr raus – „Exiles“ ist sein Kommentar zu Krieg und daraus resultierenden weltweiten Flüchtlingsströmen.

Hallo, Max. Wie geht es dir jetzt in den Tagen nach dem Release von „The New Four Seasons“?

Mir geht es sehr gut, danke. Ich bin sehr gespannt darauf, was die Leute zu dem Album sagen und wie es von der Öffentlichkeit aufgenommen wird. Das Projekt hat mir wirklich viel Spaß bereitet, vermutlich bin ich auch gerade deswegen sehr gehypt auf die Reaktionen.

Die Komposition von Vivaldi übt offenbar eine große Aura auf dich aus. Was war für dich der Auslöser oder die Absicht, dich erneut mit diesem Werk zu beschäftigen, eine neue Version zu schaffen?

Zehn Jahre sind seit der originalen „Recomposed“ mittlerweile vergangen. Während dieser Zeit habe ich das Stück immer wieder in verschiedenen Variationen und mit unterschiedlichen Ensembles, Orchestern und Musiker*innen aufgeführt. Sowohl mit modernen als auch mit historischen Instrumenten. Ich bin der Meinung, dass sich das Spielen mit den alten, originalen Instrumenten ein wenig authentischer anfühlt, da Vivaldi damals schließlich auch mit ihnen gearbeitet hat. Sie sind sozusagen der Katalysator für diese neue Version von „The New Four Seasons“.

Wie würdest du den Stellenwert von Vivaldis „Vier Jahreszeiten“ in der klassischen Musik im Allgemeinen, aber auch für dich persönlich einordnen? Kannst du dich noch daran erinnern, wann du die Komposition zum ersten Mal gehört hast?

Ich kann mich noch sehr gut erinnern. Bereits als Kind habe ich mich in diese Art von Musik und vor allem in dieses Stück, wie viele andere Kinder auch, verliebt. Und dieses Stück ist definitiv eines derjenigen, das sich mir am vehementesten eingeprägt hat, ohne jeden Zweifel – und damit wohl auch der Grund, warum ich dieses damals beim ersten Mal ausgewählt habe. Die Atmosphäre, die wunderbare Melodie, die Story, das Drama, all das ist sehr eindringlich und prägnant in meiner Erinnerung geblieben. Aber jetzt kommt der Twist: Ich habe die Komposition früher nie in einer Konzerthalle oder dergleichen gehört, sondern immer nur in Form von Werbe-Jingles und Ähnlichem (lacht). Das hat dazu geführt, dass ich das Stück irgendwann auf dem Kieker hatte und es mir auf die Nerven ging. Mit meinem Rework habe ich mich auf eine Rettungsmission begeben, um die Verbindung und Liebe zwischen mir und den „Vier Jahreszeiten“ wiederherzustellen.

Inwieweit orientierst du dich mehr am Original oder an deiner „Recomposed“-Version? Und was wolltest du dieses Mal wirklich anders machen?

Jedes neue Aufnahmeprojekt ist eine Reise ins Ungewisse. Man weiß nie, wie die Leute im Raum mit dem Stück connecten und welche Art Beziehung sie zu ihm aufbauen. Es ist also ein kollektiver Akt der (Neu-)Entdeckung, den wir durchleben müssen. Das ist sehr spannend zu beobachten und kann zu verschiedensten Ergebnissen führen, die das vollendete Werk schließlich beeinflussen. All das offenbart sich erst, wenn wir es zum ersten Mal spielen.

Wie kam es zu der Konstellation mit dem Chineke!-Orchester und Elena Urioste?

Wir haben schon einmal zusammengearbeitet. Yulia Mahr, meine Partnerin, und ich haben sie gefragt, ob sie meine Filmkomposition „Waltz With Bashir“ auf einem Festival spielen könnten. Es war wirklich eine großartige Umsetzung voller Energie und mit einem tollen Orchester. Seitdem haben wir uns immer wieder nach möglichen gemeinsamen Kooperationen umgeschaut, und „The New Four Seasons“ war dann natürlich die perfekte Gelegenheit. Es ist eine Zusammenarbeit zwischen Freunden, das ist ein schönes Gefühl.

Beim Vergleich historischer Darmsaiten mit modernen Saiten hast du einen kuriosen Vergleich mit knuspriger zu weicher Erdnussbutter gezogen. Kannst du das etwas näher erläutern?

(Lacht). Die Sache mit den Darmsaiten und den historischen Instrumenten im Allgemeinen ist die, dass der Sound zwar prinzipiell weniger kraftvoll, dafür aber viel intensiver und feiner ist. Die Instrumente sind leichter und entsprechend sensibler für die Inputs des Spielers oder der Spielerin. Es gibt also mehr Optionen hinsichtlich Dynamik und Gradierung, was wiederum schnellere und detailliertere Klangwechsel ermöglicht. Das alles ist sehr subtil, man kann aber dennoch feststellen, dass das Instrument oder der Spieler in gewisser Art symbiotischer zusammenwachsen, sodass das Instrument die Sprache der Person spricht. Ein kleiner, aber feiner Unterschied zu modernen Instrumenten.

Vor zehn Jahren hast du „Recomposed“ veröffentlicht. Wie blickst du darauf zurück? Was für einen Einfluss hatte die Veröffentlichung auf dich? Natürlich auch, weil es eine sehr erfolgreiche war.

„Recomposed“ war ein äußerst persönliches Projekt, das mir sehr am Herzen lag. Ich hatte vor dem Release große Zweifel, ob die Kritiken auch positiv ausfallen würden, aber ich wurde angenehm überrascht. Die meisten Leute scheinen das Stück in derselben Form wahrgenommen zu haben, die ich damals beim Komponieren im Kopf hatte. Ich bin sehr glücklich und privilegiert, dass die Menschen eine ähnliche Sichtweise hatten.

Am 16. Juni wurde „The New Four Seasons“ zum ersten Mal live aufgeführt. Sind bereits weitere Konzerte geplant?

Ende des Jahres spielen wir in Berlin, weitere Konzerte sind in Planung.

Letztes Jahr hast du das Album „Exiles“ veröffentlicht, dein Werk zum Thema Flüchtlingsströme und Krieg rund um den Globus. Vor zwei Jahren war es „Voices“, das du der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte gewidmet hast. Deine Werke sind oft gesellschaftspolitische oder politische Kommentare und damit  – leider – hochaktuell im Moment. Spiegelt sich der Krieg in der Ukraine derzeit oder demnächst in deinem Werk wider? Planst du etwas zu diesem Thema?

Hmm. Der Krieg in der Ukraine hat selbstredend einen großen Einfluss auf unser sowohl individuelles als auch kollektives Bewusstsein. Es ist nicht nur ein Angriff auf die Ukraine, sondern auch ein Angriff auf die Menschheit. Das wirklich Traurige ist, dass dieser Konflikt aktuell nur einer von vielen ist und es auf der ganzen Welt politisch und gesellschaftlich brennt. Die Geschehnisse im Ukraine-Krieg habe ich – Stand jetzt – noch nicht versucht, musikalisch umzusetzen, allerdings eröffnen wir unsere Konzerte mit der ukrainischen Nationalhymne. Das ist natürlich im Endeffekt nicht mehr als eine Geste, aber es ist immerhin etwas, um auf das Leid der Nation aufmerksam zu machen. Solche Themen lassen sich nur schwer mit klassischer Musik ansprechen, da kann eine Gesangsstimme schon deutlich mehr ausrichten. (Pause) All das lässt mich wirklich sprachlos zurück.

Jedes neue Aufnahme-Projekt ist eine Reise ins Ungewisse. Man weiß nie, wie die Leute im Raum mit dem Stück connecten und welche Art Beziehung sie zu ihm aufbauen. Es ist also ein kollektiver Akt der (Neu-)Entdeckung, den wir durchleben müssen – Max Richter

Aus dem FAZEmag 125/07.2022
Text: Tassilo Dicke
Foto: Jennifer McCord
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