„Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren“ – so lautet der erste Artikel der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte. Eben jenes historischen Beschlusses, der ursprünglich als Reaktion auf die Verbrechen des Zweiten Weltkriegs von der Generalvollversammlung der Vereinten Nationen im Dezember 1948 verkündet wurde. Ein Leitgedanke, der in diesen Tagen scheinbar in großen Teilen der Welt seine Bedeutung verloren hat. Mit seinem neuen Soloalbum „Voices“ veröffentlicht der britische Komponist und Musiker Max Richter nun ein wichtiges Statement für mehr Menschlichkeit, Freiheit, Diversität und Toleranz.

 


„Ich sehe mich weder als britischen noch als deutschen, sondern ganz klar als einen europäischen Komponisten.“

Immer weiter fortschreitender Rassismus, Homophobie, Misogynie, gesellschaftliche und politische Unterdrückung, Klimawandel und Verdrängungskriege – zu keiner Zeit stand die Menschheit vor größeren Herausforderungen als heute. Max Richter setzt mit „Voices“ ein hoffnungsvolles Zeichen des Umdenkens, des Zusammenhalts und vielleicht sogar des globalen Neustarts. Schon früh begriff der im niedersächsischen Hameln geborene Musiker sein Schaffen auch als eine Form des Aktivismus, den er auf subtile Weise immer wieder auf seinen Alben transportiert: So versteht sich das 2004 erschienene Album „The Blue Notebooks“ beispielsweise als zynischer Kommentar auf den Irak-Krieg, während sich das sechs Jahre später folgende „Infra“ mit den Bombenanschlägen auf die Londoner U-Bahn im Jahr 2005 auseinandersetzt. Ganze zehn Jahre hat Max Richter am Material für „Voices“ gearbeitet, mit dem sich der 54-jährige Brite erneut als einer der spannendsten und gleichzeitig auch im positiven Sinne unberechenbarsten Komponisten der Gegenwartsmusik präsentiert. Seinen Mix aus Contemporary Klassik, Ambient und atmosphärischen Kopfkino-Scores ergänzt Richter diesmal durch per Crowdsourcing generierte Stimmsamples seiner Fans aus aller Welt, in denen in über 70 verschiedenen Sprachen ausgesuchte Zitate aus der Erklärung der Menschenrechte zu hören sind. Nach vielfach ausgezeichneten Soloalben und Werken für Ballett und Konzertsaal, Soundtracks sowie Vertonungen von Multimedia-Installationen und Theaterstücken legt Max Richter nun mit „Voices“ sein wohl ambitioniertestes Werk vor. Ein Gespräch über Hoffnung, virtuelle Rückzugsorte und ein Publikum im Schlafanzug.

Du hast eine gute Dekade an den Tracks von „Voices“ gearbeitet. Wie hat sich dieses Langzeitprojekt währenddessen verändert?

Ich habe 2010 nach den Aufnahmen zum „Infra“-Album mit den Arbeiten an „Voices“ begonnen. Die Idee hat mich in den gesamten zehn Jahren nicht mehr losgelassen. Über diesen Zeitraum hat sich alles extrem verändert. Einen Großteil der Stücke habe ich wieder verworfen; so wie bei all meinen Alben. Es fing als wütender Protestsong an. Langsam verlagerte sich meine Protesthaltung hin zu einer Betrachtung dessen, was die Lösung unserer Probleme sein könnte. Heute liegt mein Fokus auf der Zukunft und darauf, wie wir sie gemeinsam menschenwürdig gestalten können.

Durch den Tod von George Floyd, Breonna Taylor und vielen anderen hat das Album dieser Tage eine zusätzliche Relevanz bekommen. Was war vor zehn Jahren der Auslöser, sich musikalisch mit der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte zu beschäftigen?

Die Missachtung von sozialer Gerechtigkeit und Menschenrechten hat leider immer eine traurige Aktualität. Der Tod von George Floyd und Breonna Taylor wirkt wie ein Brennglas, durch das wir diese Tatsache noch einmal in aller Deutlichkeit vor Augen geführt bekommen. 2010 waren die furchtbaren Dinge, die damals im Gefangenenlager Guantanamo passiert sind, und die politischen Geschehnisse rund um dieses Camp der Auslöser. Damals hatte ich zum ersten Mal den Eindruck, dass sich die Welt in die falsche Richtung entwickelt. Ich suchte nach Erklärungen und komponierte den Track „Mercy“, der sich heute am Ende des „Voices“-Albums befindet. Das war der Beginn des Entstehungsprozesses.

Mit „Voices“ gibst du nun einen sehr deutlichen Kommentar zum heutigen Zeitgeschehen ab.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs hat man sich auf bestimmte Werte für alle internationalen Institutionen geeinigt. In den letzten Jahren scheint sich das an vielen Stellen zurückentwickelt zu haben. Ich spreche von Rassismus, rechten Tendenzen, Autoritarismus und all den anderen Dingen, die gerade in den Vereinigten Staaten oder in China vor sich gehen. Wir leben in einer Zeit, in der gewisse Menschen einfach nicht mehr für ihre Verbrechen belangt werden. Sie machen es sich zunutze, dass sie sowieso von allen gehasst werden, und denken, sie könnten tun, was sie wollen. Es gab in den letzten zehn Jahren diverse Schlüsselmomente, in denen internationale Regeln und Moralvorstellungen mit Füßen getreten wurden. So wie beim Irak-Krieg. Mein Ziel war es, diese Missstände in den Fokus zu rücken und zu sagen, dass es noch nicht zu spät ist. Die neue Platte handelt einerseits von der Welt, die wir uns erschaffen haben. Und von der, in der wir vielleicht wirklich leben wollen.

Was stimmt dich denn so positiv in der Hoffnung auf Veränderung?

Zugegeben: Es ist leicht, den Glauben zu verlieren. Nach zehn Minuten Online-News ist einem schon die Lust vergangen, sich weiter mit der Welt zu beschäftigen. Doch all unsere Probleme sind menschengemacht. Und sie können auch von uns Menschen wieder gelöst werden! Das ist ein Ansatz, mit dem man doch arbeiten kann. Wir können nicht ändern, was in der Vergangenheit passiert ist. Aber wir können entscheiden, wie unsere Zukunft aussehen soll. Ich finde die Erklärung der Menschenrechte sehr inspirierend. Die Gesellschaft steht heute an einem Scheidepunkt. Wir müssen neue Wege finden. Neue Technologien und neue Arten, miteinander umzugehen. Die neue Protestbewegung der Jugend macht mir Mut. Wir sehen eine neue Generation von jungen Aktivistinnen und Aktivisten, die sich für den Wandel auf so vielen verschiedenen Gebieten einsetzen. Spannende Zeiten!

Würdest du „Voices“ denn als aktivistisches Album bezeichnen?

Definitiv. Allerdings nicht mehr oder weniger als meine vorherigen Platten. Alles, was ich bisher getan habe, hatte aktivistische Züge. Egal, ob meine Soloalben, Filmprojekte oder sonstige Werke. Ich empfinde eine große Verantwortung dafür, was ich veröffentliche. Monatlich erscheinen so viele Alben, Bücher und Filme. Ich möchte etwas beitragen, was die Leute nicht nur unterhält, sondern auch eine Botschaft transportiert.

Stichwort Botschaft: Schon immer hast du Stimmsamples als eine Art zusätzliches Instrument in deiner Musik eingesetzt. Auf „Voices“ vermitteln diese Stimmen nun erstmalig eine konkrete Message!

Richtig. Am Anfang der Scheibe befindet sich eine Originalaufnahme von Eleanor Roosevelt mit der Verkündung der Menschenrechte aus dem Jahr 1949. Außerdem ist noch die US-Schauspielerin Kiki Layne zu hören. Eine junge, frische Stimme, die für mich die Zukunft verkörpert. Und schließlich noch die Stimmen aus aller Welt, die für mich eine globale Gemeinschaft und Einheit repräsentieren.

Wobei deine Botschaft noch nie so direkt und unmissverständlich wie auf „Voices“ war.

Wir leben in einer lauten, schnellen Ära, in der man sich nicht mehr viel Zeit nimmt, Dinge zu verinnerlichen und über subtile Botschaften nachzudenken. Das ist auch ein Grund dafür, warum heute so viel falsch läuft. Alles ist oberflächlich und hektisch. Es ist ironisch: Das Römische Reich ging damals unter, weil die Kommunikation aufgrund seiner Größe zu langsam war. Heute dagegen stehen wir vor großen Herausforderungen, weil unsere Kommunikation so schnell ist, dass uns überhaupt keine Zeit mehr bleibt, zu reflektieren.

Für die meisten Künstlerinnen und Künstler ist der schöpferische Prozess auch mit einer gewissen Selbsterfahrung verbunden. Was hast du während der Arbeit an „Voices“ gelernt?

Meine Songs waren schon immer ein Werkzeug, um bestimmte Dinge besser zu verstehen. Ich baue mir mit der Musik meine eigene Welt, in die ich mich zurückziehe. So auch mit „Voices“, mit dem ich mir einen weiteren Klangraum geschaffen habe. Einen virtuellen Ort, um mir über die Bedeutung der Erklärung der Menschenrechte bewusst zu werden.

Wie hat es sich angefühlt, ein über zehn Jahre gehendes Projekt wie „Voices“ tatsächlich nach so langer Zeit abzuschließen?

Man fühlt sich erleichtert, aber auch irgendwie leer. Glücklich, aber auch irgendwie traurig. „Voices“ wurde nur ein paar Tage vor seiner Premiere im Londoner Barbican Center beendet. Erst als wir es tatsächlich live aufgeführt hatten, kamen all diese Emotionen hoch. Eine intensive Zeit. Während der Entstehung bin ich extrem daran interessiert zu beobachten, wie sich ein Album verändert, wächst und was es für ein Eigenleben entwickelt. Sobald ein Werk veröffentlicht ist, beschäftige ich mich schon wieder mit dem nächsten. Momentan arbeite ich an einem Projekt namens MADDADDAM, einem neuen Ballett des britischen Choreografen Wayne McGregor, das von den Romanen der Schriftstellerin Margaret Atwood inspiriert ist. Die Veröffentlichung ist für 2021 geplant.

Du pendelst zwischen deinem Heim auf dem Land nahe London und Berlin. Was glaubst du: Welche Stadt hat den größeren Einfluss auf die Atmosphäre deiner Stücke?

Eine interessante Frage. In beiden Städten gibt es eine sehr lebendige Musikszene; selbst wenn es sich um komplett unterschiedliche Arten handelt. Die Szene in Berlin hat etwas sehr Experimentelles. Manchmal hat man das Gefühl, die ganze Stadt würde sich jede Nacht in ein riesiges Laboratorium verwandeln, in dem alle möglichen Experimente stattfinden. Die Szene in London ist dagegen ein wenig gesetzter, was sicherlich auch historische Hintergründe hat. London hat eine jahrhundertealte Musikgeschichte. Ich versuche, mich von beiden Orten inspirieren zu lassen. Ich sehe mich weder als britischen noch als deutschen, sondern ganz klar als einen europäischen Komponisten.

Parallel zum „Voices“-Album ist die gleichnamige App zu deinem 2015 veröffentlichten achtstündigen Ambient-Opus „Sleep“ erschienen. Im Oktober folgt die Kinodokumentation, die Anfang des Jahres bereits auf dem amerikanischen Sundance Filmfestival Premiere feierte. Viel los bei dir!

Ich betrachte die App als ein Werkzeug; genauso wie auch die Musik von „Sleep“ ein Werkzeug ist. Diese Musik ist dazu da, das Publikum zum Einschlafen zu bringen. Mit der App kann nun jeder seine persönlichen Wege finden und muss sich nicht mehr zwangsläufig am Album orientieren. Man kann die Songs je nach Bedürfnis fürs Büro, zum Lesen oder zum Abschalten modifizieren. Wir müssen Wege finden, mit diesem Informationsüberfluss fertig zu werden, der jeden Tag auf uns einhämmert. Ich betrachte die Kunst als kleinen Urlaub von dem Stress, dem wir uns täglich unfreiwillig oder freiwillig aussetzen.

Deine Werke zeichnet oft eine gewisse nächtliche Melancholie und Schwermut aus. Bist du eigentlich ein Nachtmensch?

Eigentlich nicht. Während der Arbeiten zu meinen ersten vier oder fünf Alben hatten wir kleine Kinder, sodass ich nicht vor 9 oder 10 Uhr abends zum Arbeiten kam. Damals entstanden die meisten Stücke zwischen 9 Uhr abends und 3 Uhr morgens. Heutzutage arbeite ich vorwiegend tagsüber.

Träumst du deine Stücke?

Manchmal träume ich Teile. Aber ich wache nicht auf und schreibe das sofort nieder. Mich interessiert eher der bewusste Schaffensprozess, der zu einem Track führt.

Wie sieht deine Schlafroutine aus? Hörst du Musik, liest du oder schaltest du vielleicht lieber bei Netflix ab?

Nichts von alldem! Ich kann nicht bei Musik einschlafen. Wie die meisten Musiker muss ich immer alles zwanghaft analysieren und komme dann nicht zur Ruhe. Ich bin aber in der überaus glücklichen Lage, einen sehr gesunden Schlaf zu haben. Sobald ich mich hinlege, bin ich innerhalb von 30 Sekunden eingeschlafen. Und ich bin mir auch dessen bewusst, dass das sehr selten ist. Viele Menschen haben riesige Probleme. Das war auch ein Grund für die Entstehung von „Sleep“.

Während der achtstündigen Performance von „Sleep“ wurden in den Konzerthallen Betten aufgestellt und das Publikum wurde aktiv zum Einschlafen ermuntert. Gab es nationale Unterschiede, was das Live-Schlafverhalten der Leute anging?

Es gab tatsächlich sehr große Unterschiede! Die Konzerte haben uns tiefe Einblicke in die jeweilige Kultur des Auftrittslands gewährt. Die erste Liveshow zu „Sleep“ fand damals in Berlin-Kreuzberg statt. Und das Konzert war tatsächlich so, wie man es von einem Gig in Berlin erwarten würde. Die meisten waren während der gesamten acht Stunden wach. Sie haben die Betten zusammengeschoben und ihre persönliche Pyjamaparty veranstaltet. Viele Leute kamen auch tatsächlich im Schlafanzug. Einfach großartig!

Wie reagiert man als Künstler auf ein Publikum im Schlafanzug?

Es war lustig! Schon die Form des Stücks hinterfragt konventionelle Performances und hat eher etwas von einer gewissen Lagerfeuer-Romantik statt einer klassischen Kunstaufführung. Doch die Show wurde überall anders aufgenommen. Das komplette Gegenteil haben wir in London erlebt. Jeder hat sich in seinem eigenen Bett aufgehalten, ohne irgendeine Interaktion mit anderen Konzertbesuchern. No touching! Typisch britisch eben. Das Konzert in Sydney hatte eher etwas von einem Yoga-Kurs und in Madrid gab es statt Betten nur eine riesige Schlafmatte auf dem Boden. Im vergangenen Jahr haben wir das Stück auch live an der Chinesischen Mauer aufgeführt. In China wurde „Sleep“ als Familienevent betrachtet; das Publikum bestand aus sämtlichen Generationen von den Großeltern bis hin zu kleinen Kindern. Die Show fand an einem wichtigen chinesischen Feiertag statt; im Vorfeld herrschte dort eine riesige Polizeipräsenz. Die Stimmung war sehr gespannt, fast schon beklemmend. Doch während der Show schliefen auch die Polizisten und Security-Leute ein und schenkten am nächsten Morgen Kaffee für alle aus! Es war ein wunderschöner Anblick. Das ist eine der schönsten Seiten an meiner Arbeit: Man wird immer wieder überrascht …

Aus dem FAZEmag 102/08.2020
Text: Thomas Clausen
Foto: Mike Terry