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Ein Dilemma des modernen Menschen ist, die Sehnsucht nach ursprünglicher Natur einerseits und den Hunger nach pulsierender Urbanität andererseits in Einklang bringen zu wollen. Das kennt Produzent und DJ Melokind nur zu gut: „Man kann leider nicht beides haben.“

Geboren und aufgewachsen in dem beschaulichen saarländischen Ort St. Wendel weiß der Musiker, der mit richtigem Namen Denny Marx heißt – „nein, Denny ist kein Spitzname“ –, wovon er redet. Vor vier Jahren ist er, wie man so schön sagt, der Liebe wegen nach Köln gezogen und fühlt sich dort richtig wohl und heimisch. Doch das Gefühl, zwischen Stadt und Land hin- und hergerissen zu sein, bleibt. Melokind hat es für sein Debütalbum „Sinus“ kreativ genutzt und ausbalanciert. Die elf kleinen und großen Stücke sind am 27. November bei Incroyable erschienen – melodiöser Techno, zugleich introvertiert sensibel und extrovertiert tanzend-tanzbar. Das Streben nach dem Idyllischen und der schnelle Pulsschlag der rheinischen Metropole formen in geschwungenen Melodien und treibenden Bässen reduzierte Arrangements von harmonischer Schönheit, ganz im Sinne der Sinuswellen.


„Ich mag die Stadt sehr. Es gibt viele Partys, man trifft viele Leute und ist mittendrin“, sagt Melokind, der sich seinen Namen als Artist wegen seinem Faible für Melodien und das Spielerische gegeben hat. „Auf dem Land geht man mehr seinen eigenen Weg, man grenzt sich eher ab. Ich mag beides, und ich wüsste auch nicht genau, was mir momentan lieber wäre. Manchmal denke ich: Jetzt einfach in einem Haus mitten im Wald sein! Aber andererseits glaube ich, dass man auch nach längerer Zeit wieder diesen Trubel vermisst.“ Wie den Karneval zum Beispiel. Zuletzt war Melokind am 11.11. ordentlich unterwegs, da ist er bereits ein richtiger kölsche Jung. „Karneval nehme ich schon immer mit. Im Saarland wird auch schon sehr gut gefeiert, aber alles in Maßen. Rosenmontag ist High Life. Aber die ganzen Veranstaltungen das Jahr über, das gibts da nicht.“ Privat geht Melokind eher selten in Clubs, da er sich dort beruflich oft herumtreibt. Einer der elf neuen Tracks hat in diesem Punkt seinem Urheber wohl einiges voraus. Als Pre-EP zum Album ist „No More“ sowohl im Downtempo-Original als auch in neuen Club-Outfits der Remixer Bebetta, Solee und Ron Flatter auf den Dancefloors seit einiger Zeit schon unterwegs.

Obwohl elektronische Musik professionell sein Ding ist, hört Melokind in der Freizeit „am allerwenigsten Elektro“.Da kommt dann gern mal Rock aus den Boxen, und ein „großer Fan der Achtziger“ ist er ebenfalls: „Und wenn es in den Charts einen coolen Song gibt, dann hör ich den auch.“ Hauptsache, es kommt ein gewisses Feeling rüber.

Das ist ihm – neben Spaß an der Sache – auch beim Produzieren am wichtigsten. „Es muss tiefer gehen als das bloße Hören. Immer, wenn ich einen Track anfange, gibts dann Momente, in denen ich da sitze und Gänsehaut bekomme. Das ist der ausschlaggebende Punkt bei den Tracks. Das muss immer da sein. Das Gefühl, dass ich beim Produzieren hatte, möchte ich auch übermitteln.“ Zum Beispiel in dem zentralen Stück mit dem slightly augenzwinkernden Namen „Regnerisches Gefühlstrauma“, das entstanden ist, als seine Freundin für einen Monat verreist war und es draußen regnete. Da packte ihn die Melancholie. Um die Atmosphäre, die er im Kopf hatte, auf seinem Album zu transportieren, ist Melokind mit einem Recorder viel in der Natur auf Achse gewesen und hat Sounds aufgenommen. Auch im Gremberger Wäldchen, nach dem einer der Tracks benannt ist, und in dem er oft laufen oder mit den beiden Hunden spazieren geht. Er hört seine Musik meist erst mit einem größeren zeitlichen Abstand wieder, sagt Melokind. Doch bei dem Album war es auch schon früher okay, da er es einfach nebenher laufen lassen kann: „Wenn ich die Tracks nun höre, fühle ich mich, als ob ich wirklich im Regen stehe oder im Wald bin. Ansonsten ist das Album sehr simpel entstanden. Ich habe zum einen gar nicht mit Hardware gearbeitet außer dem Recorder. Nur mit Ableton und dem internen Synthesizer, damit hab ich grob alle Töne gemacht. Und zum anderen habe ich mich an kostenlosen Tools aus dem Internet bedient, die sich jeder holen kann. Jeder, der Bock hat, könnte das Album theoretisch so produzieren“, meint der Techno-Naturbursche, der sich alles auf seine ganz eigene Art und Weise selbst beigebracht hat und sich mittlerweile auch durch seine Umgebung in seinem Stil verändert fühlt: „Köln ist sehr offen für neue Richtungen. Ich habe gemerkt, dass mein Sound ein bisschen rauer geworden ist, seit ich in Köln bin. Es beeinflusst nicht das Melodische, aber was früher bei mir – als ich noch
auf dem Land gelebt habe – ein weicher Bass war, ist eher etwas angeraut, ein bisschen abgefuckter.“ Melokind lacht. „Ich denke, das kommt durch diese Unruhe der Stadt. Das nimmt man unbewusst immer wahr. Das ist schon anders als auf dem Land, da hat man den Wind oder Vogelgezwitscher. Ich denke schon, dass das ein ausschlaggebender Punkt ist.“ Das Album ist ein waschechtes Stadtkind, gefüttert mit dem Input der letzten zwei Jahre, die bereits auf zwei Jahre Köln folgten: „Natürlich hab ich nicht jeden Tag daran gearbeitet“, immer wieder gab es Pausen. Manchmal hatte er keine Lust, dann hat er das Album zwischendurch liegen gelassen, sich aber auch mit anderen Projekten eher zurückgehalten. So wurde es erst einmal etwas ruhiger um Melokind: „Ich habe in der Zeit nur einige Remixe gemacht. Und wer mich kennt, der weiß, dass ich einen viel höheren Output habe. Das ist dann auch so ein Kompromiss, den man eingehen muss. Dann ist man für eine Zeit von der Bildfläche verschwunden und konzentriert
sich auf das Album“, sagt er rückblickend. „Ich bin aber ein bisschen stolz auf mich, dass ich diszipliniert genug war, nicht zu sagen: Komm, ich bringe doch wieder noch eine EP raus. Darauf, dass ich das durchgezogen habe. Ich war dann aber froh, als ich fertig war, weil ich immer erst einmal das eine fertig machen will, bevor ich etwas anderes beginne.“ Das klingt harmonisch ausbalanciert. Pretty sure, dass Melokind bald etwas gutes Neues anpacken wird. Doch bis dahin gehts erstmal auf Tour bis Mai
nächsten Jahres. / Csilla Letay

Aus dem FAZEmag 046/12.2015
Foto: Chris Piotrowicz