Michael Gray – Die Seele des House

Foto: Danny Sargent

Mit Klassikern wie „The Weekend“ oder „Borderline“ gehört Michael Gray seit Jahrzehnten zu den prägenden Namen der internationalen House-Szene. Ob als Solokünstler, mit Full Intention oder über sein eigenes Label Sultra Records – der Brite steht bis heute für soulful, disco-inspirierten House mit musikalischer Tiefe und zeitlosem Groove. Mit „You & Me“ veröffentlicht Michael Gray nun sein drittes Artist-Album, das erneut eine warme Mischung aus Soul, Disco, House und starken Songwriting-Momenten liefert. Im Interview spricht er über kreative Freiheit, den Wert echter Zusammenarbeit, die Herausforderungen von KI in der Musik und warum ihn intime Clubnächte noch immer am meisten begeistern.

Du bist seit Jahrzehnten Teil der globalen House-Szene – sowohl solo als auch mit Full Intention. Was motiviert und begeistert dich heute noch am meisten daran, Musik zu machen?

Ich habe schon immer einen echten Kick daraus gezogen, in meinem Studio zu sitzen und Musik zu machen, aber heutzutage fühlt es sich sogar noch intensiver an – und das gilt auch fürs DJing. Für mich dreht sich alles um die Reaktion der Crowd. Ich liebe es, meine eigene Musik zu spielen und zu sehen, wie die Leute darauf auf dem Dancefloor reagieren. Darum geht es letztendlich. Deshalb liebe ich auch intime Gigs, bei denen ich mitten unter den Leuten bin. Joshua Brooks in Manchester war Anfang des Jahres ein gutes Beispiel dafür. Ich habe dort die Energie des Publikums richtig gespürt und das ist besonders wichtig, wenn man längere Sets spielt und dabei auch ältere Tracks aus den 90ern auspacken kann. Ich liebe außerdem, dass ich heute vor einem Publikum spiele, das von sehr jung bis über 60 Jahre alt reicht.

Von Klassikern wie „The Weekend“ und „Borderline“ bis zu deinen aktuellen Produktionen hatte dein Sound immer etwas Zeitloses und Upliftendes. Was definiert für dich einen „Michael Gray“-Track im Jahr 2026?

Ich würde sagen, mein Sound ist soulful, emotional und uplifting, aber die Leute sagen oft, dass sie einen Michael-Gray-Track sofort erkennen – wegen der Bassline und der Drums. Ich weiß nicht, wie wahr das wirklich ist, aber ich versuche immer, eine gute Balance zwischen Dur- und Moll-Tonarten zu finden, damit Licht und Schatten entstehen.

Du tourst weiterhin international, leitest Sultra Records, moderierst Radioshows und streamst regelmäßig online. Wie schaffst du es, inspiriert zu bleiben und gleichzeitig eine gesunde Balance zu finden?

Es ist wirklich wichtig, eine gute Work-Life-Balance zu haben. Wenn ich alles annehmen würde, was mir angeboten wird, würde ich nie aufhören zu arbeiten. Deshalb ist es entscheidend, bei Gigs und Remixen selektiv zu sein. Ich gehe jeden Morgen spazieren und zweimal pro Woche ins Gym. Unter der Woche arbeite ich Vollzeit im Studio an neuer Musik und gelegentlich an Remixen, wenn ich Zeit dafür finde. Bei den Gigs versuche ich, nicht mehr als einen Auftritt pro Wochenende anzunehmen – außer bei Touren – und wenn möglich nehme ich mir jeden Monat ein freies Wochenende. Es hilft auch, dass meine Verlobte Mel bei den meisten Gigs dabei ist, weil wir dadurch Zeit miteinander verbringen können. Sonst wären wir wie Schiffe, die nachts aneinander vorbeifahren, da sie unter der Woche oft beruflich unterwegs ist. Sie unterstützt mich außerdem bei der Reiseorganisation sowie beim Marketing und administrativen Dingen am Abend, sodass ich mich auf die kreative Arbeit konzentrieren kann. Diese Dinge fallen Mel sehr leicht, während sie mich eher von der Kreativität ablenken würden.

Ich habe meine Twitch-Streams auf einmal im Monat reduziert und mache auch meine Mi-Soul-Radioshow nur noch einmal im Monat, jeweils am letzten Samstag. Es ist wichtig, dass ich das weiterhin mache, weil ich dadurch neue Musik einem größeren Publikum präsentieren kann und auch direkt mit meiner Fanbase in Kontakt komme. Aber ich muss eben die Balance zwischen Promotion und Kreativität finden.

„You & Me“ erscheint nur zwei Jahre nach „Optimism“. Hat sich der kreative Flow des Vorgängers ganz natürlich fortgesetzt?

Das Großartige an Kreativität ist: Wenn du einmal im Flow bist, hört es nicht auf. Deshalb übertreibe ich es auch nicht mit den Gigs, denn wenn ich unter der Woche müde bin, beeinflusst das meine Kreativität. Ich mache außerdem keine langen Pausen vom Studio. Ich habe ständig neue Ideen im Kopf und muss sie sofort festhalten. Als ich „Optimism“ fertiggestellt hatte, gab es bereits einige Tracks, die es nicht auf das finale Album geschafft hatten. Nicht, weil sie nicht gut genug gewesen wären, sondern weil man bei einem Album die richtige Balance für das Publikum finden muss. Deshalb wusste ich, dass noch mindestens ein weiteres Album in mir steckt – und ich liebe es, Alben zu machen. Es gibt mir die Möglichkeit, meine komplette musikalische Bandbreite zu zeigen, weil ich dort auch Tracks produzieren kann, die man normalerweise nicht in meinen DJ-Sets hören würde. Ich bin im Herzen einfach ein Soulboy und da steckt eine Menge Musik in mir, die manche Leute vielleicht gar nicht von mir erwarten würden.

„You & Me“ wirkt insgesamt sehr warm, soulful und musikalisch reichhaltig. Welche Emotion oder Stimmung wolltest du mit dem Album transportieren?

Ich bin tatsächlich nie mit einem konkreten Ziel an das Album herangegangen. Das mache ich eigentlich nie. Ich hatte bereits einige Tracks produziert, darunter „Beautiful“ und „Give It To Me“, und danach habe ich einfach die Musik entscheiden lassen, wohin die Reise geht. Ich hatte Bran Mazz und Errol Reid ins Studio eingeladen, um gemeinsam an der Neuinterpretation von „Ascension“ zu arbeiten, und dabei kamen wir ins Gespräch und begannen zusammen zu schreiben. Die Ideen flossen sehr leicht. Wir ergänzen uns kreativ unglaublich gut und daraus entstanden dann auch „Medicine“, „I Like The Way“ und „Breaking Away“. Der Track „Shake“ wiederum kam ursprünglich als Demo von Tania Foster zu mir. Ich konnte sofort das größere Potenzial erkennen und entschied mich, den Song zu produzieren. Man weiß nie, in welche Richtung einen die Kreativität führt, und man kann sie nicht erzwingen. Genau deshalb tue ich mich auch mit KI schwer, weil ich mich frage: Machen die Leute wirklich noch Musik aus ihrer Seele heraus? Für mich ist das unglaublich wichtig.

Du hast gesagt, dass auf dem Album einige Tracks dabei sind, die viele vielleicht nicht von dir erwarten würden. Welche Songs zeigen diese experimentellere Seite besonders gut?

Ich denke, es gibt definitiv zwei Tracks auf dem Album, die außerhalb meines üblichen Spektrums liegen. „Universe“ ist einer davon. Ich liebe es, etwas dunklere Dancefloor-Tracks zu produzieren und habe das früher bereits viel über Friends of Matthew oder teilweise auch bei Full Intention gemacht. Deshalb wollte ich diesen Weg noch einmal einschlagen und war sehr zufrieden damit, wie sich der Track entwickelt hat. Ich habe ihn nach ersten Clubtests mehrfach angepasst und auf die Reaktionen der Leute geachtet. Ursprünglich hieß der Track übrigens „Yeah“, bevor ich mit meinem Vocoder die „Universe“-Vocal-Idee entwickelt habe. Der Song wird außerdem als Single auf Toolroom Records erscheinen. Dann gibt es noch „You & Me“. Ich produziere normalerweise nicht viele Spoken-Word-Tracks, aber ich wollte unbedingt eine Zeile aus einem „Freeeze“-Track namens „Flying High“ samplen und hatte sofort das Gefühl, dass Mike Dunns Stimme perfekt dazu passen würde und dem Ganzen eine coolere Edge verleiht. Dieser Track hat sich extrem natürlich entwickelt. Mike ist ein absoluter Profi und hat sofort verstanden, was ich wollte. Seine Vocals waren innerhalb von weniger als zwei Stunden im Studio aufgenommen.

Das Album vereint eine beeindruckende Liste an Kollaborationen. Was macht für dich eine wirklich gute Zusammenarbeit im Studio aus?

Für mich geht es nicht nur um die Stimme oder die Kreativität, sondern auch darum, wie gut man menschlich miteinander harmoniert. Ich möchte mit netten Menschen arbeiten, mit denen es Spaß macht, Zeit zu verbringen, denn genau das hilft dem kreativen Flow enorm. Es gibt nichts Schlimmeres als Spannungen im Raum, wenn man versucht, gemeinsam etwas zu erschaffen. Deshalb freue ich mich sehr, dass ich auf diesem Album mit so vielen großartigen und sympathischen Menschen arbeiten durfte.

Bran Mazz ist auf mehreren Tracks des Albums zu hören, darunter auch auf der Fokus-Single „Ascension (Don’t Ever Wonder)“. Warum passte seine Stimme so gut zu diesem Projekt?

Ich habe Bran ursprünglich ins Studio eingeladen, weil ich dachte, dass seine Stimme perfekt zu „Ascension“ passen würde – und von dort aus entwickelte sich alles ganz natürlich weiter. Wir arbeiten sehr gut zusammen beim Songwriting und er hat einfach eine starke, charakteristische Stimme.

„Ascension“ ist ein absoluter Klassiker von Maxwell. Was hat dich dazu inspiriert, den Song neu zu interpretieren?

Ich liebe den Song und Maxwell als Künstler und dachte einfach, dass er perfekt für eine House-Version geeignet wäre. Ursprünglich habe ich den Track nur für meine DJ-Sets geremixt. Die Reaktionen darauf waren allerdings so stark und so viele Leute fragten danach, dass ich versucht habe, ihn offiziell zu veröffentlichen. Leider hat Sony Records den Release abgelehnt, also habe ich nach einem Sänger gesucht, der die Vocals neu interpretieren kann – und Bran hatte dafür die perfekte Range.

Tracks wie „Detonate“ oder „I Like The Way“ arbeiten mit Live-Musikern und organischen Elementen. Glaubst du, dass Dance Music wieder musikalischer und menschlicher wird?

Das ist schwer zu sagen, denn gleichzeitig habe ich auch erlebt, wie sich durch KI vieles in die andere Richtung bewegt. Trotzdem halte ich organische Elemente für extrem wichtig und liebe es, mit echten Sänger:innen und Live-Instrumenten zu arbeiten. Dieses echte menschliche Gefühl kann man einfach nicht ersetzen.

Du hast viele verschiedene Phasen der Clubkultur erlebt – von Vinyl bis Streaming und Social Media. Was macht die jüngere Generation heute gut und was geht vielleicht verloren?

Ich sehe leider nicht genug junge Produzent:innen, die wirklich neue Musik machen – vor allem im House- und Disco-Bereich. Es gibt unglaublich viele Tech-House- und House/Disco-Tracks mit immer denselben Vocal-Samples. Ich sehe nur wenige Produzent:innen, die wirklich Songs schreiben. Statt ständig klassische Vocals zu samplen, sollten wir versuchen, eigene Songs zu erschaffen. Mein Sohn Ethan Gray ist inzwischen übrigens ebenfalls in meine Fußstapfen getreten. Er ist mit meiner Musik aufgewachsen und produziert jetzt seine eigenen Tracks mit seinem ganz eigenen Sound und schreibt originale Songs. Darauf bin ich unglaublich stolz. Gleichzeitig finde ich es manchmal frustrierend, wenn DJs auf großen Dance-Plattformen nur sogenannte „Banger“ spielen, die am Ende oft einfach recycelte 90er-Tracks in schnellerem Tempo sind. Es gibt da draußen noch viel mehr Musik als nur M1-Orgeln und Piano-House!

Worauf freust du dich persönlich im weiteren Verlauf von 2026 am meisten?

Es war bisher ein unglaublich aufregendes Jahr – musikalisch wie privat. Die Australien- und Neuseeland-Tour, viele großartige Gigs weltweit und jetzt natürlich der Album-Release. Aber auch privat war es ein wunderschönes Jahr. Ich habe mich Anfang Januar mit meiner Verlobten Mel verlobt und mein Sohn Ethan hat in der ersten Jahreshälfte seine ersten beiden Tracks auf Soulfuric veröffentlicht. Deshalb freue ich mich jetzt darauf, gemeinsam mit Mel die Hochzeit zu planen und später im Jahr in unser neues Haus einzuziehen. Außerdem plane ich weitere Sultra-Events. Bisher haben wir zweimal im Jahr Veranstaltungen im ACanteen in Essex gemacht, aber ich möchte das jetzt auf weitere Venues ausweiten. Und Ideen für mein nächstes Album habe ich übrigens auch schon!

Aus dem FAZEmag 172/06.2026
Text: Triple P
Foto: Danny Sargent
www.instagram.com/djmichaelgrayofficial