Seine Karriere als DJ begann der 1963 in London geborene Mike Humphries in den 90er-Jahren. 1993 ließ ihn der Club The Orbit in seiner Heimatstadt Leeds erstmalig an die Turntables, zwei Jahre später konnte er bereits erste internationale Gigs verzeichnen. Rückblickend haben sich bis heute Bookings rund um den Globus, fünf eigene Labels und zahlreiche Releases auf Labels wie Communique, Bush Records, Kickin Records, Nachtstromschallplatten, Naked Lunch oder Dolma Records angesammelt. Anfang Mai veröffentlichte Humphries sein neues Album „The Fall Of Everything“. Wir haben mit dem Techno-Urgestein über seine Musik und seine Karriere gesprochen.


Lass uns ein paar Jahre zurückgehen und an den Punkt springen, wo für dich in Sachen Musik alles begann. Seit Anfang der frühen 90er-Jahre bist du als DJ und Produzent aktiv und hast in der Zeit mit vielen interessanten Künstlern zusammengearbeitet. Wie bist du zur Musik gekommen?

Im Alter von 12 Jahren begann ich mit dem Musizieren, mein Vater hatte mir zu Weihnachten eine Gitarre gekauft. Ich habe gespielt, bis meine Finger schmerzten, und ich wurde wirklich gut. Als ich die Schule verließ, spielte ich in diversen Bands. Als dann ein paar Jahre später Techno geboren wurde, hat mich die Musik direkt in ihren Bann gezogen.

Was war der Auslöser dafür, dass du dich professionell mit Techno und Hardtechno beschäftigt hast, oder war das eher ein schleichender Prozess?

Ich hatte etwas Equipment und habe mich dann mit Freunden zusammengetan, die ebenfalls ein paar Geräte hatten. Wir haben einen Studioraum gemietet und so viel Equipment wie möglich dort zusammengetragen. Wir haben ein paar Demos verschickt und sofort gutes Feedback erhalten, und das führte zu einer Reihe von Releases. Bis heute habe ich keinen Überblick darüber, wie viele es waren, da ich das Zählen aufgegeben habe. Manchmal krame ich Releases hervor, bei denen ich vergessen habe, dass ich sie produziert habe.

Welche Acts haben dich damals inspiriert bzw. inspirieren dich immer noch und welche Künstler verfolgst du aktuell?

Zu meinen früheren Inspirationen zählen Underground Resistance und Frank De Wulf – Acts, die zu den Wurzeln dieser Musik gehören. David Meiser ist definitiv einer dieser jüngeren Künstler, die ich bemerkenswert finde. Er macht großartige Musik und ist ein sehr unterhaltsamer DJ.

Wurde deine Leidenschaft zur Musik von deinem Elternhaus unterstützt?

Als ich noch zur Schule ging und meine Eltern mich fragten, was ich mal beruflich machen wolle, sagte ich ihnen, dass ich in Bands spielen und Musik machen möchte. Für sie war das völlig inakzeptabel. Ich bin dann mit 16 Jahren von zu Hause weggegangen, um mich zu verwirklichen – und hier bin ich.

Du bist bereits seit über 25 Jahren im Musikgeschäft und als DJ immer noch sehr gefragt. Worauf hast du im Laufe deiner Karriere verzichten müssen, um beständig erfolgreich zu sein, und was würdest du rückblickend anders machen?

In den ersten Tagen, als alle Party machten, hatte ich nicht das coolste Auto und auch keine ausgefallenen Geräte. Ich habe mein Geld bei jeder erdenklichen Gelegenheit für Studio-Equipment ausgegeben. Ich habe 909er und 303er gekauft. Ich bereue es definitiv nicht – für nichts auf der Welt würde ich was ändern.

An welchen Gig oder Club erinnerst du dich immer wieder gerne zurück nach so vielen Jahren?

Es war der erste Gig mit Cold Dust – einem Projekt mit Jon Nuccle – im Orbit in Leeds. Damals war das einer der größten Techno-Clubs des Landes. Dave Angel bat uns, vor ihm zu spielen, ich habe sogar noch den Flyer! Der Club selbst hätte uns nie eingeladen. Es war so großartig, was in dieser Nacht geschah, dass wir wieder gebucht wurden und dort regelmäßig als Residents auftraten. Zu der Zeit gründeten wir auch ein Label in einem Studio über dem Club, es hieß Player. Jetzt bin ich wieder in Leeds, als Resident der „Joy“-Events im coolsten Oldschool-Club der Stadt. Es gibt kein besseres Gefühl, als Musik zu spielen, die in deiner Heimatstadt gemacht wird, und zwar für die Crowd in genau dieser Heimatstadt.

Welcher war der schönste und prägendste Moment deiner Karriere?

Das war 1999. Ich gründete Punish Records, was mich auf eine ganz andere Ebene gebracht hat. Auf diese Explosion, die darauf folgte, war ich nicht vorbereitet.

Wie hat sich die Szene deiner Meinung nach in all den Jahren verändert?

Wir haben viele Trends kommen und gehen sehen. Ich bin meinem Stil treu geblieben – und im Moment will jeder wieder genau solche DJs und Produzenten hören. Die damalige Zeit umgibt eine große Magie. Die Produzenten waren kreativer und die Musik war nicht so samplebasiert. Und du kannst immer noch diesen klassischen und hochwertigen Techno auf jedem Dancefloor spielen, er hat kein Verfallsdatum. Das kann man halt von den sogenannten Modeerscheinungen und Trends nicht behaupten.

Im Musikbusiness verläuft eine Karriere oft in einer Art Wellenform. Nach einem Hit, also einem Aufstieg, kommt oft eine dunkle Abfahrt. Einige Künstler können damit nicht umgehen, verfallen in Depressionen oder werden drogenabhängig. Wie hast du es geschafft, Rückschläge zu verkraften, und wie würdest du deine aktuelle Situation beschreiben?

Es ist wahr, dass Drogen und Alkohol ein Berufsrisiko darstellen, wenn man sich in entsprechenden Kreisen befindet. Für mich war das jedoch sehr einfach zu vermeiden, da ich immer mit einem ausgeglichenen Kopf gearbeitet habe. Hast du jemals gesehen, wie diese Typen auftreten, wenn sie so verrückt sind, dass sie denken, sie seien die Größten? In Wirklichkeit täuschen sie sich selbst.

Lass uns über dein Label Mastertraxx Records sprechen. Im Jahr 2004 hast du es gegründet und bis heute prägt es die Szene. Welche Idee, welche Philosophie liegt dem Label zugrunde?

Das ist eine gute Frage. Die Philosophie bei der Konzeption war es, das Beste aus dem klassischen Techno-Sound herauszuholen und unter dem Dach von Mastertraxx zu bündeln, um diese Künstler einem breiteren Techno-Publikum zu präsentieren – zu einer Zeit, in der Techno sich durch damalige Trends weiter von seinen Wurzeln entfernt hat.

Wie sieht dein Studio-Setup aus?

Ich habe jede Menge analoges Equipment: Genelec Monitoring System, Korg MS20, Microkorg, Korg Wavestation SR, Korg Polysix, Korg Monopoly, Yamaha DX7, Roland SH09, Roland TR909, Roland TB303, je zweimal Roland JX-3P und Roland PG200, Roland JX-8P Mixer Mackie 1202 VLZ, Soundcraft Spirit live16, Soundcraft Folio FX8 Submixer, Pioneer DJ700, zwei MacBook Pro, einige analoge Tape-Loop-Maschinen aus den 1970er-Jahren und einige Retro-Federhalls.

Übernimmst du das Mastering selbst oder wem überlässt du diesen Part?

Ich mastere meine Tracks schon lange selbst – das ist viel effizienter. Und wann immer es möglich ist, helfe ich heute auch Freunden beim Mastering.

Anfang Mai erschien dein neues Album „The Fall Of Everything”, und zwar auf dem New Yorker Label Hard Electronic, das von dem legendären Lenny Dee geleitet wird. Welcher Gedanke verbirgt sich denn hinter diesem Titel und was genau erwartet uns musikalisch?

Kaum zu glauben, aber in 26 Jahren ist das mein erstes Albumprojekt. Es umfasst Tracks, die ich seit einiger Zeit in meinen Sets spiele. Die Leute haben mich so oft nach diesen Tracks gefragt, dass ich mir dachte, es wäre eine gute Idee, sie auf einem Album zusammenzufügen. Keine Filler, nur Killer – 13 pure Peaktime-Techno-Tracks. Was die Idee hinter dem Album betrifft: Schau dir das Cover an! „The Fall Of Everything“ symbolisiert ein Zeichen der Zeit – wo wir waren, wo wir sind und wohin wir gehen.

 

Aus dem FAZEmag 088/06.2019
Text: Pascal Schlingmeier
Foto: RJ Whitehouse