Credit: Michelle Hayward


Die globale Bedeutung von Morcheeba ist, milde ausgedrückt, beeindruckend und führte das Duo bereits mehrfach an nahezu jeden Winkel der Welt. Sein charakteristischer Sound, der zwischen Downbeat, Chill, Electro-Pop und Soul changiert, begeistert seit nunmehr fast 26 Jahren mehrere Generationen. Am 14. Mai veröffentlichte Morcheeba mit „Blackest Blue“ bei Kartel Music Group das zehnte Studioalbum. Auf zehn Titeln präsentieren sich Skye Edwards und Ross Godfrey soundtechnisch in bekanntem Terrain. Eine gewisse Reife im Sound seit „Blaze Away“ in 2018 ist aber unverkennbar. Grund dafür war unter anderem die deutlich entschleunigte Zeit während der Pandemie im letzten Jahr sowie die Möglichkeit der Selbstreflexion und Bestandsaufnahme. Das Werk enthält mitunter Features mit Duke Garwood, bekannt durch seine Arbeit mit Mark Lanegan sowie Brad Barr von The Barr Brothers. 

Ross und Skye, wie fühlt ihr euch mit eurem zehnten Album?

Skye: Sehr gut, danke. Es ist zwar das zehnte Album von Morcheeba, aber für mich ist es mein achtes. Auf zweien habe ich nämlich nicht gesungen. Unser erstes Album „Who Can You Trust“ ist mittlerweile ein Viertel-Jahrhundert alt. Das finde ich sehr beeindruckend.

Ross: Oh ja. Die ersten Single-Auskopplungen vom neuen Album haben die Fans schon sehr gefreut, von daher waren wir natürlich voller Vorfreude, es in voller Länge mit der Welt zu teilen. Die Zeit vor dem endgültigen Release fühlt sich jedes Mal so unglaublich zäh an. Man arbeitet rund ein Jahr an einem Album und weiß nicht, wohin die Zeit gegangen ist. Aber sobald alles im Kasten ist, hat man das Gefühl, es dauert ewig bis es endlich veröffentlicht wird.

Skye: Definitiv. Wenn man möchte, dass es einem fast vorkommt, als würde die Zeit stehenbleiben: Veröffentlicht ein Album (lacht). Aber nun ist es so weit und die ersten Feedbacks machen und sehr glücklich.

Zehn Alben in über 25 Jahren. Ist das Format für euch zur Routine geworden?

Ross: Ganz und gar nicht. Es fühlt sich eher wie ein emotionaler Hürdenlauf an, den man als Künstler oder zumindest wir durchlaufen. Die erste Phase ist noch spaßig, weil einem quasi alle Möglichkeiten offenstehen und es nur darum geht, herumzujammen. Dann jedoch kommt der absolut schwierigste Part der ganzen Angelegenheit: Wenn man eine finale Richtung einschlagen und Dinge konkretisieren muss.

Skye: Ja, dann endet irgendwann förmlich die Freiheit und es gibt auch keinen Weg mehr zurück. In unserem Fall hängt man dann neun Monate herum und ist weder nah am Anfang noch nah am Ende. Wir tun uns immer unglaublich schwer bei diesem Teil, auch nach so langer Zeit und so vielen Alben. Aber scheinbar gehört das zum Prozess dazu und lässt dich als Künstler auch reifen.

Wird der letzte Teil zum Ende hin wieder besser?

Skye: Ja. Wenn man Licht am Ende des Tunnels sieht und plötzlich alles Sinn ergibt und ineinandergreift, ist es immer wieder aufs Neue ein unbeschreibliches Gefühl. Aufgrund des Lockdowns hatten wir in diesem Fall auch die Möglichkeit, uns in Ruhe mit allem auseinanderzusetzen. Auch wenn wir bisher auch immer rund ein Jahr für eine LP gebraucht haben, wird man in dieser Zeit immer mal wieder von Sachen aus dem normalen „Daily Business“ abgelenkt. Nun konnten wir uns aber voll und ganz auf das Album konzentrieren, was für neue Tiefen gesorgt hat, wie ich finde.

Ist die Idee zu „Blackest Blue“ vor oder während der Pandemie entstanden?

Ross: Der Song „Oh Oh Yeah“ war der erste, den wir mit einem Gitarren-Riff irgendwie konkretisiert und auch als Erstes zu Ende gebracht haben. Danach kamen dann die ersten Ideen für das große Ganze und es war klar, dass wir uns von jeglichen Radio-Parametern freimachen möchten und einfach eine exotische, mystische, ja fast schon psychedelische Reise hinlegen wollen. Diese Idee haben wir allerdings einfach vage im Raum stehen lassen, da wir keine großen Freunde davon sind, Dinge zu sehr zu planen.

Würde das Album ohne die Pandemie anders klingen? Die Songs drehen sich über das Aufbrechen, das Auseinanderfallen, aber auch das Zusammenhalten.

Skye: Da bin ich mir sicher, ja. Ich kann zwar nicht genau sagen, wie. Aber das hat uns sehr beschäftigt während der Aufnahmen und ein Ziel war es, nicht den aktuellen Gemütszustand in die Musik einfließen zu lassen, sondern eher die Vorstellung umzusetzen, wie es uns allen nach der Pandemie gehen wird. Wir wollten nicht die hundertste Platte auf den Markt schmeißen, die sich mit der Pandemie beschäftigt. Also ging es durchaus auch um eine gehörige Portion Positivität. Wir möchten gute Laune verbreiten. Und der Faktor Zeit, über den wir eben schon gesprochen haben, hat dazu geführt, dass wir uns vollends mit unseren Absichten und unserer Vision auseinandersetzen konnten. Und irgendwie auch maßloser sein, was wir schon lange nicht mehr gemacht haben.

Ross: Ich erinnere mich noch an Zeiten, wo wir teilweise Acht- oder Neun-Minuten-Songs gemacht haben, bei denen es minutenlange Gitarrensolos gab. Zu dieser Zeit hatten wir keinerlei kommerzielle Muster im Sinn, die ja vollends darauf abzielen, z.B. schneller zum Chorus zu kommen, was Radio-Stationen eher taugt. Diese freie „Zügellosigkeit“ war Gold wert bei den Aufnahmen, das haben wir uns schon lange nicht mehr erlaubt und es hat sich supergut angefühlt. Vielleicht wird das Gitarrensolo beim nächsten Album noch länger (lacht). Im Studio hängen eine Menge Post-Its mit Notizen. Am meisten beeinflusst hat mich der, wo draufsteht „Play on your strenghts“, was so viel bedeutet wie „Spiel deine Stärken aus“. Und meine Stärken sind nun einmal, lange psychedelische Songs zu machen, würde ich sagen.

Euer erstes Album ist 1996 erschienen. Wie hat sich euer Sound in dieser Zeit verändert, eurer Meinung nach?

Skye: Ganz ehrlich? Ich glaube, unser Sound hat sich gar nicht allzu sehr verändert in den 26 Jahren. Wir werden noch immer von den gleichen Einflüssen geprägt und angetrieben, wir benutzen dieselben Gitarren, auch die Stimmen sind die gleichen (lacht). Es hat sich nicht viel verändert seit unserem Start, außer die Message, die wir mit unserer Musik transportieren. Wir sind älter geworden, sind gereift und haben auch an Erfahrung und Selbstbewusstsein gewonnen, sowohl in der Musik als auch generell im Leben. Und wie du schon angesprochen hast, geht es oftmals um das Aufbrechen, Auseinanderfallen und auch Zusammenhalten von Dingen oder gar persönlichen Beziehungen. Und das prägt natürlich sehr.

Ross: Bei „Killed Our Love“ geht es z.B. um Skyes manchmal schwierige Beziehung zu ihrer Tochter, die in ihrem jungen Alter teils schon sehr eigenwillig sein kann, was beide natürlich oftmals aneinandergeraten lässt. Als wir irgendwann vor fast drei Jahrzehnten angefangen haben, Musik zu machen, haben wir Platten gesammelt. Mit dem entscheidenden Unterschied, dass es total schwierig war, an neue Platten zu kommen. Ich erinnere mich noch an unseren ersten Besuch in Brasilien, wo wir fast alle Klamotten angezogen haben, um möglichst viele Platten in den Koffer zu bekommen. Heute muss man nicht mehr raus oder Stunden auf sich nehmen, um an neue Musik zu kommen. Das Internet hat alles verändert, und auch unsere Einflüsse sind, nicht nur wegen des Internets, viel breiter und verschiedener geworden. Der Song „Sounds Of Blue“ zum Beispiel ist nach einem langen Gedicht geschrieben, den Skye nach einem unvergesslichen Taucherlebnis in Thailand hatte.

Eure Band könnte man ebenfalls mit einer wirklich intensiven und leidenschaftlichen Beziehung vergleichen – mit Liebe, aber einigen Dramen in der Vergangenheit. Würdet ihr sagen, dass diese Höhen und Tiefen zu eurem jetzigen Sound maßgeblich beigetragen haben?

Ross: Definitiv. Der große Unterschied in diesem Fall lag auch bei den Kollaborationen, die bei diesem Album wesentlich weniger Hip-Hop-Einflüsse hatten. Als wir noch zu dritt waren, hatten wir sehr starke Tendenzen zum Hip-Hop, weil mein Bruder sehr in diesem Genre verwurzelt war. Das Thema findet bei uns nach wie vor statt, aber man hört z.B. keine DJs mehr scratchen, Rapper rappen oder Ähnliches. Das fällt uns relativ stark auf, verglichen mit den Sachen, die wir davor gemacht haben.

Skye: Wir wollten unbedingt ein paar männliche Vocals integrieren und wir sind sehr happy über die Gast-Features z.B. von Brad Barr von den Barr Brothers bzw. The Slip. 

Ross: Ich liebe seine Stimme, und er hat mit uns gemeinsam den Song „Say It’s Over“ gemacht, eine Piano-Ballade, die von einer Trennung erzählt. Der zweite Gast ist Duke Garwood, unter anderem bekannt durch seine Arbeit mit Mark Lanegan. Ein unheimlich versierter Singer-Songwriter. Wir wollten etwas Verrückteres mit ihm machen, und ich hatte gehört, dass er seit Kurzem eine Art marokkanische Ton-Pfeife namens Rhaita spielen konnte. Also habe ich ihn überzeugt, bei „The Edge Of The World“ einen Part einzuspielen für uns. Henry Law von der Elektronik-Band Yimino hat viele Beats für das Album produziert, er ist ein grandioser Produzent und hatte mit seiner Band schon auf der Deluxe-Version von „Blaze Away“ einen Remix beigesteuert. Den Remix habe ich so geliebt, dass ich unbedingt wollte, dass er die Beats für das Album macht. So konnte ich mich mehr auf die Instrumente und Vocals konzentrieren.

So vorteilhaft die letzten Monate für die Albumproduktion waren, so schmerzhaft muss für euch die Bühnenabstinenz dieser Tage sein, oder?

Ross: Oh ja, und wie. Ich bin, seitdem ich 18 bin, nicht mehr so lange einer Bühne ferngeblieben, das ist Wahnsinn und fehlt uns enorm. Auf der einen Seite könnte man sagen, dass uns das Album während der Krise gerettet hat, da wir uns auf etwas fokussieren konnten. Aber die Bühne und alles, was damit zu tun hat, fehlt uns schmerzhaft. Der Fokus in der gesamten Musikindustrie ist in den letzten Jahren eher auf Livemusik gegangen und weg von Verkäufen und Co. Aber das hat sich in den letzten 14 bis 15 Monaten natürlich enorm gewandelt, Streaming-Zahlen explodieren aufgrund fehlender Shows. Das alles hat Vor- und Nachteile, und wir sollten uns auf die Vorteile besinnen und das Beste aus der Zeit machen, da wir trotz all dem Leid noch immer in einer enorm privilegierten Lage sind.

Und für die nächsten Wochen und Monate sind bereits Shows bestätigt, korrekt?

Skye: Genau, darauf freuen wir uns sehr. Wir haben uns letzte Woche nach über einem Jahr wieder mit unserer Band getroffen und es war unglaublich. Man sagt ja gerne mal, dass man als Band nach so langer Abstinenz einrostet, aber das war weitaus schlimmer als Rost.

Ross: Wir haben uns gefühlt, als würden wir uns alle von einer komplizierten Gehirn-OP erholen. Die ersten zwei bis drei Tage hat absolut nichts funktioniert (lacht). Aber danach ging es wieder, und wir werden gerade von Tag zu Tag besser, fast noch besser als vor der Pandemie. Jetzt im Juni steht unsere erste Show in London an und wir sind schon megaaufgeregt.

Wie sehen eure nächsten Wochen und Monate sonst aus? Gibt es schon Ideen für das elfte Album?

Ross: Ich lerne gerade Französisch. Meine Frau kommt aus Frankreich und wenn ich die Sprache auch spreche, darf ich einen französischen Pass beantragen. Somit würden wir uns eine Menge Stress in Sachen Visa sparen. Der Brexit war das Dümmste und Bescheuerteste, was uns jemals hätte passieren können. Jede Musiker*in, somit auch alle unsere Band-Mitglieder, müssen für jeden einzelnen Gig künftig ein Visum beantragen, um in Europa auftreten zu können. Wir sind noch nicht einmal in der Lage, mit einem Bus quer durch Europa zu touren, da wir nach jedem Besuch in einem Land wieder zurück nach UK müssen, um von dort aus neu zu starten. Ein totales Chaos. Die britische Regierung hatte Glück, dass durch die Pandemie viele dieser unglaublichen Missstände und Themen kleingehalten wurden. Wir werden mit dem Brexit noch viele Probleme bekommen, und ich hoffe sehr, dass UK und die EU eine Regelung finden, um Kunst bzw. den kulturellen Austausch voranzutreiben, statt jedem mit solchen Sachen das Leben schwerzumachen.

Skye: Darüber hinaus denken wir darüber nach, auch bei diesem Album wieder ein Remix-Album zu machen. Aber da das meist ewig dauert, bis alles koordiniert ist mit allen Acts, wird das Projekt wohl noch auf sich warten lassen müssen. In der Regel steuern wir musikalisch immer etwas gegen, im Vergleich zum Vorgänger-Album. Da dieses Album ja recht komplex und elektronisch ist, könnte ich mir vorstellen, dass das elfte Album eher simpler und akustischer Natur wird.

 

Aus dem FAZEmag 112/06.21
Text: Triple P
Credit: Michelle Hayward
facebook.com/morcheebaband