
Wenn man Moscoman fragt, was hinter dem Titel seines neuen Albums „Caviar“ steckt, kommt keine glatte Erfolgsgeschichte, sondern eine entlarvende Antwort. „Ich wollte ein Wort finden, das zusammenfasst, was die Leute vom Leben als Musiker oder DJ denken: Luxus, Partys, endlose Flüge…, aber in Wahrheit ist es das Gegenteil“, sagt er. „Caviar“ sei ein Symbol für Erfolg und Überfluss, aber für ihn stehe es für die Illusion davon.
Entstanden ist das Album aus dem Wunsch heraus, sich von dieser glänzenden Fassade zu lösen und zu dem zurückzukehren, was ihn ursprünglich zur Musik gebracht hat. Moscoman, der gebürtig aus Israel stammt und längst in Berlin lebt, hat sich mit seinem Label Disco Halal und seinem Mix aus House, Disco, Electro und nahöstlichen Einflüssen einen festen Platz in der internationalen Szene geschaffen. Mit „Caviar“, das am 10. Oktober 2025 erschienen ist, wagt er nun eine deutliche Kursänderung.
Über zwei Jahre hat er an dem Album gearbeitet, das auf Live-Instrumente, analoge Sounds und organische Strukturen setzt. Statt Clubs zu füllen, will er mit „Caviar“ Räume schaffen, in denen man verweilen kann. „Ich finde, Platten sollten zuhause gespielt werden“, erklärt er. „Ich wollte ein Album machen, das man hört, wenn man mit Freunden abhängt, sitzt oder einfach lebt – nicht eines, das dich zwingt zu tanzen.“ Manche Songs tragen trotzdem noch den Club in sich, „aber ‚Caviar‘ war mehr darauf ausgerichtet, eine Stimmung zu erzeugen, mit der man leben kann, nicht nur sich zu bewegen.“
Die Entstehungsgeschichte liest sich wie eine Rückbesinnung auf das Wesentliche. Ohne festes Studio in Los Angeles griff der Produzent auf Sampling, Manipulation und spontane Aufnahmen zurück, bevor er mit echten Drums, Bass und Gitarren Schicht um Schicht eine neue Klangwelt schuf. „Einige Songs entstanden in einer Zeit, in der ich das Gefühl hatte, mich selbst verloren zu haben“, sagt er. „Ich traf Entscheidungen, die nicht zu mir passten, und irgendwann wurde das zu Reue. Diese Songs zu schreiben war ein Weg, das zu verstehen und mir zu verzeihen.“ Die andere Hälfte des Albums handle davon, „wieder bei sich anzukommen, präsent zu sein und das Leben wirklich zu genießen“.
Musikalisch bewegt sich „Caviar“ zwischen Shoegaze, Indie und tanzbarer Melancholie. Dabei nennt Moscoman Bands wie The Cure, The Smiths, Smashing Pumpkins und Cocteau Twins als Einflüsse. Namen, die seine frühere Liebe zu Gitarrenmusik verraten. „Ich wollte immer so klingen wie die Musik, die ich wirklich liebe“, sagt er. „Das ist schwer, weil ich kein Nachahmer bin. Ich musste lernen, etwas zu produzieren, das sich vielleicht vertraut anfühlt, aber trotzdem durch meinen Filter geht.“ Mit „Caviar“ glaubt er, diesen Punkt erreicht zu haben – „es klingt mehr und mehr nach dem, wovon ich immer geträumt habe, aber in meiner eigenen Sprache.“
Auch die Gästeliste zeigt, dass sich seine Welt weiter öffnet. Auf dem Album sind unter anderem COMA, SCUDFM, Tom Sanders, Justin Strauss, The Golden Dregs und Talee zu hören. Jede Zusammenarbeit folgte dabei weniger einem Plan als einer Fügung. „Ich arbeite gern mit jedem, der Lust hat. Das ist für mich der ultimative kreative Prozess – zwei Welten treffen sich in der Mitte und schaffen etwas, das keiner allein hätte machen können.“ Er selbst greife dabei nie ein: „Ich lasse die anderen einfach auf die Musik reagieren – das ist es, was es zu einer echten Kollaboration macht.“
Das Ergebnis: zehn Tracks, die sich wie ein Roadtrip anhören, ein Wechselspiel aus Melancholie und Aufbruch, Nostalgie und Gegenwart. „Dieses Album fühlt sich wie eine Autofahrt an“, meint er. „Man ist halb drinnen, halb draußen, bewegt sich durch die Welt und bleibt trotzdem in seiner eigenen Blase.“ Diese Zwischenwelt zieht sich auch durch seine Liveshows, die für „Caviar“ persönlicher werden sollen. Zum ersten Mal will er singen und Gäste auf die Bühne holen. „Früher war Live für mich eher ein sicherer Raum, in dem ich nicht singen musste. Jetzt möchte ich das ändern, es lebendiger machen. Es ist eine Herausforderung, aber die richtige Art von Herausforderung.“
Neben dem Album feiert Moscoman 2025 auch zehn Jahre Disco Halal, jenes Label, das er 2015 gegründet hat und das längst zu einer Heimat für eigenwillige Künstler zwischen Tel Aviv und Berlin geworden ist. Acts wie Red Axes, Simple Symmetry oder Auntie Flo haben hier veröffentlicht und eine Szene geprägt, die sich keiner Schublade beugt. Diese Haltung teilt auch Moscoman selbst: „Du kannst dir bei mir sicher sein, dass Unvorhersehbarkeit und Energie immer Teil der Musik sind.“
Mit „Caviar“ liefert er bewusst kein Hochglanzprodukt, sondern ein ehrliches, vielschichtiges Selbstporträt. Vielleicht das reifste Werk seiner bisherigen Laufbahn. Ein Album über Rückkehr, Reue, Befreiung – und den Mut, seinen eigenen Sound wiederzufinden.

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